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Niedersachsen Solvay hilft beim Solarflug um die Erde
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Solvay hilft beim Solarflug um die Erde
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07:29 22.02.2012
Von Jens Heitmann
Anwendungstechniker Karsten Börner testet im Forschungslabor von Solvay in Hannover das Treibmittel Solkane. Quelle: Rainer Surrey
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Hannover

Es könnte kühl werden – und das sehr rasch. Wenn die Flugpioniere Bertrand Piccard und André Borschberg 2014 mit ihrem Solarflugzeug zur Weltumrundung starten, wird die Außentemperatur in der Höhe auf bis zu minus 40 Grad sinken – das stellt hohe Anforderungen an die Dämmung des Cockpits. Normale Maschinen haben eine Klimaanlage an Bord, bei einem Solarflugzeug verbietet sich das schon wegen des Gewichts. Die Lösung für das Problem liefert der Chemiekonzern Solvay: ein Isolierschaum, der bei sehr geringer Dicke und extrem niedrigem Gewicht für die Piloten maximalen Kälteschutz garantiert.

Genau genommen haben die Forscher im hannoverschen Solvay-Labor nicht die Grundchemikalien für den Schaum entwickelt, sondern das Treibmittel. „Wenn man nur ein bestimmtes Polyol mit einem Isozyanat vermischt, passiert erst einmal wenig“, erklärt Anwendungstechniker Karsten Börner: „Das verbindet sich nur zu einem Feststoff.“ Erst wenn er eine wasserklare Flüssigkeit namens Solkane hinzufügt, geht der Schaum auf wie ein Teig nach der Zugabe von Hefe – allerdings in Sekundenschnelle. Das Ergebnis ist ein Polyurethan-Schaum, „der bei gleicher Dicke eine 40 Prozent höhere Isolierwirkung hat als herkömmliche Materialien“, sagt der Forschungschef der Unternehmenseinheit Spezialchemie, Johannes Eicher.

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Der belgische Chemiekonzern mischt seit Langem an der Weltspitze mit. Das erste Werk zogen die Brüder Alfred und Ernest Solvay 1863 in Charleroi nahe Brüssel hoch – die Basis des Geschäfts bildete das sogenannte Ammoniak-Soda-Verfahren, ein chemischer Prozess zur Herstellung von Natriumkarbonat. Mit einer Produktion von 7 Millionen Tonnen ist das Salz, das unter anderem für Waschmittel verwendet wird, immer noch eine tragende Säule des Geschäfts – auch wenn die Herstellung von Grundstoffen bei Solvay an Bedeutung verlieren soll.
Das Management will den Konzern stärker auf die Spezialchemie ausrichten. Weil das Arzneimittelgeschäft im internationalen Maßstab als zu klein galt, wurde es 2009 an den US-Pharmakonzern Abbott verkauft; zwei Jahre später übernahmen die Belgier den französischen Konkurrenten Rhodia, der seine Stärken bei Spezialmaterialien (Kieselsäure, seltene Erden) und Verbraucherprodukten (Tenside, natürliche Polymere, Azetat) hat.

„Bei Fluorprodukten insgesamt sind wir Marktführer in Europa“, sagt Forschungschef Eicher. Im Weltmaßstab sieht der Solvay-Manager nur den US-Konzern DuPont vor Solvay – mit dem Konkurrenten Honeywell, der unter anderem in Seelze Feinchemikalien produziert, bewege man sich „auf Augenhöhe“.

Dass Solvay den ersten Solarflug um die Erde mit Bargeld und Know-how sponsert, ist natürlich auch dem Image geschuldet. Chemiehersteller gelten in der öffentlichen Wahrnehmung nicht unbedingt als Vorreiter beim Umweltschutz. Treibmittel haben sogar einen besonders schlechten Ruf, weil sie als Mitverursacher für den Klimawandel gelten. Auch Solkane trage zum Treibhauseffekt bei, räumt Eicher ein. Allerdings komme es auf die Gesamtbetrachtung an: Weil der damit produzierte Schaumstoff eine bessere und länger andauernde Isolierwirkung garantiere, spare man viel Energie. „Bezogen auf den Produktzyklus ist die Umweltbilanz deshalb positiv“, sagt Eicher.

Wie viele Tonnen von dem Treibmittel Solvay produzieren kann, will das Unternehmen nicht verraten. Wegen der Immobilienkrise in Spanien – die Baubranche ist einer der Hauptabnehmer von Spritzschaum – sei die Produktion zuletzt nicht ausgelastet gewesen, heißt es lediglich.
Deutlich besser laufen die Geschäfte mit Flussmitteln für das Aluminiumlöten von Wärmetauschern für Autos, also von Kühlern und Klimaanlagen – hier sieht sich Solvay als Weltmarktführer. Zuletzt habe man die Rezeptur für das Nocolok genannte Produkt für ein neues Einsatzgebiet optimiert – die Herstellung von Kühlschränken und Klimaanlagen für Gebäude, berichtet Eicher.

Auch dieses Lötflussmittel soll beim Energiesparen helfen: Bisher wurden Wärmetauscher für solch stationäre Anlagen aus Kupferrohren zusammengesteckt, die man im Anschluss mechanisch weitete. Weil Rohrverengungen dem Kältemittel Strömungswiderstände entgegensetzen, erhöht das den Stromverbrauch. Zudem sei Kupfer schwerer und teurer als Aluminium, sagt Eicher. Hersteller stationärer Wärmetauscher setzten daher zunehmend auf das Solvay-Produkt.

Der Konzern setzt in Deutschland 1,1 Milliarden Euro um und beschäftigt hierzulande rund 2500 Mitarbeiter, 280 davon in der Zentrale in Hannover. Die Fluor-Sparte wird ebenfalls von hier gesteuert, die Produktion läuft im Werk in Bad Wimpfen in der Nähe von Heilbronn.

Stefan Winter 21.02.2012
Lars Ruzic 20.02.2012
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