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Niedersachsen „Einsparungen treffen Hannover eher nicht“
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen „Einsparungen treffen Hannover eher nicht“
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20:46 06.02.2015
Von Jens Heitmann
Foto: Tui-Chef Friedrich Joussen. Quelle: Jan Philipp Eberstein
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Auf der letzten Hauptversammlung haben Aktionärsvertreter Sie bereits als Friedrich den Großen geadelt. Machen Sie sich schon Sorgen um die Fallhöhe, Herr Joussen?
Bei aller Freude am Erfolg bin ich generell eher vorsichtig. Es kann immer auch anders laufen, als man sich das vorgestellt hat - im Guten wie im Schlechten. Wären etwa die Zinsen zuletzt nicht so niedrig und nicht so viel Geld auf dem Markt gewesen, hätte unsere Fusion mit Tui Travel auch schwieriger werden können. Wenn es mal Misserfolge gibt, darf man sich nicht zu lange grämen. Da hilft es, den Blick nach vorn zu richten und das zu managen, was man managen und ändern kann.

Der Zusammenschluss mit Tui Travel soll den Konzern schlagkräftiger machen und den Aktionären eine höhere Dividende bescheren - haben Ihre Kunden eigentlich auch etwas davon?
Am Ende gibt es nur Erfolge, wenn alle etwas davon haben: Die Anteilseigner, die Mitarbeiter und unsere Kunden. In unserem Fall heißt das: Unsere Kunden schätzen den Komfort einer vom Reiseveranstalter organisierten Reise. Das Geschäftsmodell der Reiseveranstalter steht aber vor großen Herausforderungen - wenn wir nichts ändern, kann es schwierig werden. Die Voraussetzung für unseren Erfolg in der Zukunft ist, dass wir vom Reisebüro über den Veranstalter und den Flug bis zum Hotel alle Stufen der Wertschöpfungskette intelligent und effizient integrieren. Dann bleibt das Angebot für unseren Kunden erhalten. Es wird durch die Integration sogar besser.

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An diesem Modell arbeitet die Tui schon länger - mit durchwachsenem Erfolg. Während Mittelständler wie Schauinsland und Onlinehändler wie Expedia oder Booking.com wachsen, haben Sie zuletzt Marktanteile verloren ...
Plattformen im Internet leben davon, dass sie eine große Auswahl an Reisekomponenten - bei Booking sind das Hotels - bieten und dann über die Plattform nur geringe variable Kosten haben. Das ist sicher ein Angebot, das für gewisse Zielgruppen attraktiv ist. Kleinere Veranstalter profitieren davon, dass sie die vorhandene Infrastruktur aus Reisebüros, Airlines, Hotels und Agenturen in den Zielmärkten mitbenutzen, ohne hier selbst zu investieren. Deren Geschäft kann eine gewisse Zeit lang funktionieren - wie nachhaltig das ist, wird sich erweisen.

Die Investoren schreckt die Aussicht bisher nicht. Priceline, der Mutterkonzern von Booking.com, ist an der Börse mehr als zehnmal so viel wert wie die Tui.
Booking ist eine technologische Plattform, die einen bestimmten Kundenbedarf bedient und stark wächst. Unser Geschäftsmodell ist historisch anders. Wir arbeiten integriert und kümmern uns um das gesamte Reiseerlebnis des Kunden. Wir sind davon überzeugt, dadurch Wert zu schaffen, der uns differenziert. Wir bieten über unseren Ansatz ein Qualitätsversprechen, das seinen Preis wert ist.

Gleichwohl: Vier der fünf großen Pauschalreiseanbieter haben 2014 Marktanteile verloren. Was macht Sie so sicher, dass die Urlauber Ihren „Mehrwert“ wirklich zu schätzen wissen?
Der Marktanteil der Pauschalreise ist zuletzt wieder gestiegen - der unsere in Deutschland leider nicht. Das müssen wir ändern. Die Pauschalreise wurde schon öfter totgesagt, sie wird immer wieder kommen. Aus einem einfachen Grund: Wir bieten den Kunden Sicherheit, Vertrauen und Qualität bei der Buchung, beim Flug, in der Destination und bei unseren hochwertigen Hotelangeboten wie Robinson oder Kreuzfahrten wie Tui Cruises. Die Kunden vertrauen der Marke Tui. Unsere Vorauswahl an hochwertigen Hotels und Kreuzfahrtangeboten, die es häufig ja auch nur bei uns gibt, ist für Kunden attraktiv.

Manche Kunden könnten Ihre „Vorauswahl“ auch als Bevormundung empfinden.
Wer einmal versucht hat, auf einer Internetplattform in der Hauptreisezeit zu einem günstigen Hotelzimmer einen günstigen Flug zu finden, und dann eine etwas komplexere Buchung durchzuführen, lernt unser Leistungsversprechen zu schätzen. Probieren Sie mal, für fünf Personen, zum Beispiel für sich und Ihre Kinder, zwei Hotelzimmer, eins mit zwei und eins mit drei Betten, nebeneinander mit Verbindungstür zu buchen. Dazu dann Flüge in der Ferienzeit, wenn die Kapazitäten knapp sind. Das wird zumindest teuer. Ich habe dies mal probiert und es letztlich gar nicht hinbekommen. Es war zu komplex. Wenn Sie das mal probieren, wissen Sie unser Angebot zu schätzen.

Und was machen Sie, wenn plötzlich ein Onlineportal Flug- und Unterkunftsangebote ähnlich gut oder gar besser bündeln kann als die Tui?
Das ist die eigentliche Gefahr: Wenn ein Onlineanbieter einen besseren Service bieten würde als wir. Aber dafür liegen die Hürden recht hoch - allein schon mit Blick auf die nötigen Lizenzen, Versicherungen und Transferleistungen in den Zielgebieten. Im Übrigen sind auch wir hier nicht untätig: In Spanien haben wir gerade eine Plattform gestartet, mit der sich Pauschalreisen mit Flug und Hotel online in Echtzeit zusammenstellen lassen. Damit wollen wir uns zunächst Märkte erschließen, in denen wir als Veranstalter nicht präsent sind.

Sie haben den Aktionären auch Synergien versprochen. Wenn davon die Rede ist, folgt oft ein Stellenabbau. Die Belegschaft in der Tui-Zentrale haben Sie bereits halbiert, jetzt fürchten die Mitarbeiter von Tuifly um ihre Jobs. Zu Recht?
Die zentralen Kosteneinsparungen, die wir beim Zusammenschluss versprochen haben, werden den Standort Hannover eher nicht treffen. In der Zentrale der ehemaligen Tui Travel in Großbritannien werden Stellen wegfallen. Das heißt aber nicht, dass die Mitarbeiter gehen müssen. Unsere Mitarbeiter dort sind hochqualifiziert, und für gute Leute gibt es in einem Konzern mit 77 000 Mitarbeitern immer neue Chancen. Eine stärkere Verzahnung unserer Fluggesellschaften, die heute auf Landesebene sehr eigenständig agieren, wurde bereits vor dem Zusammenschluss bei Tui Travel diskutiert. Wir werden uns dieses Thema sehr offen anschauen und dann bewerten, wie wir eine wettbewerbsfähige europäische Airline-Gruppe gestalten können. Bislang gibt es aber keine Entscheidungen hierzu.

Interview: Jens Heitmann

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