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Niedersachsen Unter Bewachern herrscht Aufruhr
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Unter Bewachern herrscht Aufruhr
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22:30 01.11.2009
Von Jens Heitmann
Die Securlog-Beschäftigten nehmen Einschnitte zur Rettung ihrer Firma in Kauf. Quelle: Michael Thomas
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Bei ver.di rollt eine Austrittswelle von bei konkurrierenden Firmen beschäftigten Mitgliedern – Betriebsräte drohen mit der Gründung einer eigenen Gewerkschaft.

Hinter den Kulissen schwirren die Verdächtigungen: Mit ruinösem Lohn- und Preisdumping versuchten Wettbewerber die Nummer eins der Branche in die Pleite zu treiben und das Unternehmen anschließend unter sich aufzuteilen, heißt es bei Securlog. Das Gegenteil sei der Fall, kontern die Konkurrenten: Durch den in Düsseldorf vereinbarten Sanierungstarifvertrag würden die bekannten Rendite-Probleme der Branche noch zusätzlich verschärft.

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Fakt ist: Ende September hat die Mehrheit der rund 1200 ver.di-Mitglieder bei Securlog gestaffelten Gehaltseinbußen zwischen 3 und 9 Prozent zugestimmt. Der neue Haustarif senke die Personalkosten um 9 Millionen Euro und erhöhe die Arbeitszeit um fünf Stunden pro Monat, heißt es in der Unternehmenszentrale. Im Gegenzug sind betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2012 ausgeschlossen, an möglichen Gewinnen würden die Mitarbeiter ebenso beteiligt wie im Falle eines Verkaufs des Unternehmens am Erlös.

Damit habe man die Insolvenz abgewendet, erklärt Securlog-Chef Lothar Thoma. Das Unternehmen ist vor drei Jahren aus der insolventen Heros-Gruppe in Hannover hervorgegangen und erreichte zuletzt mit 3300 Mitarbeiter einen Umsatz von 170 Millionen Euro. Der Marktanteil liegt bei über 30 Prozent; Mehrheitseigentümer sind der US-Finanzinvestor MatlinPatterson und die Investmentbank Goldman Sachs. Weil der BDGW versucht habe, den Sanierungstarifvertrag mit ver.di zu torpedieren, sei man dem Ausschluss aus dem Branchenverband durch Kündigung zuvorgekommen, heißt es bei Securlog.

Die Gewerkschaft verweist darauf, dass der Marktführer die Vorteile aus dem Tarifwerk nicht nutzen dürfe, um die Konkurrenz zu unterbieten. Bei der Bundesvereinigung Deutscher Geld- und Wertdienste (BDGW) zieht man diese Zusage in Zweifel, die Garantien im Tarifwerk seien zu vage. „Mit diesem Alleingang hat ver.di einen gefährlichen Weg eingeschlagen und gefährdet bis zu 8000 Arbeitsplätze in der gesamten Wertdienstbranche“, erklärt Hauptgeschäftsführer Harald Olschok.

Das sehen die Betriebsräte konkurrierender Firmen wie Unicorn, Kötter oder Brinks ähnlich. Der mit Securlog abgeschlossene Tarifvertrag sei „haarsträubend“ und enthalte „dilettantische Fehler“, schimpft ein Arbeitnehmervertreter. Nicht einmal eine Laufzeit habe man vereinbart. „Für uns sind bei ver.di Leute zuständig, die unsere Branche nicht kennen.“ Von 700 bis 800 Austritten ist die Rede – die Gründung einer Gegengewerkschaft konnte ver.di-Chef Frank Bsirske nur mit der Zusage verhindern, künftig keine Tarifverträge mehr ohne Zustimmung von Betriebsräten zu schließen, die sich dafür in einer eigenen Interessengemeinschaft zusammengeschlossen haben.

Die Betriebsräte der Konkurrenten und der BDGW sind nicht nur wegen Securlog alarmiert – sie schreckt auch der Blick nach vorn: Von Mai 2011 gilt in der Europäischen Union die vollständige Freizügigkeit der Arbeitnehmer. Damit sind künftig auch grenzüberschreitende Geldtransporte zulässig – ausländische Anbieter könnten damit „legal ihre Dienste zu osteuropäischen Tarifen und Preisen anbieten“, warnt der Branchenverband. Vor diesem Hintergrund wäre eine Aufsplitterung der Tariflandschaft fatal, heißt es bei Gewerkschaftern und Arbeitgebern. Nötig sei ein bundesweit einheitlicher Mindestlohn-Tarifvertrag. Nur so lasse sich „das Arbeitsortprinzip und damit die Sicherung der Unternehmens- und Beschäftigtenstrukturen in Deutschland“ sichern. Gleiches gelte für die Sicherheitsstandards. „Niemandem ist damit gedient, wenn künftig statt drei Wachleuten nur noch einer auf dem Geldwagen sitzt“, sagt ein Betriebsrat.