Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Niedersachsen Vorsicht, Kamera!
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Vorsicht, Kamera!
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:34 25.01.2010
Rund 15 Kameras findet man in der Filiale der Drogeriekette „Ihr Platz“ im hannoverschen Hauptbahnhof.
Rund 15 Kameras findet man in der Filiale der Drogeriekette „Ihr Platz“ im hannoverschen Hauptbahnhof. Quelle: dpa
Anzeige

Niemand hat sich die Mühe gemacht, die Geräte kunstvoll unter Holz- oder Plastikverkleidungen zu verbergen. Stattdessen hängen sie, an einfachen Metallstreben befestigt, von der Decke herab und filmen, für jeden offenkundig, alles ab, was sich zwischen den Regalen und an der Kasse abspielt.

„Mir macht das mit der Filmerei nichts aus, weil ich davon ausgehe, dass die Aufnahmen nicht gespeichert werden“, sagt ein Verkäufer, der seinen Namen nicht nennen möchte. Im Kassenbereich ist die Überwachungskamera so angebracht, dass sie den gesamten Eingangsbereich und damit wohl auch alle Mitarbeiter, die Waren über die Scanner ziehen, stets im Blick hat. „Ich fühle mich hier schon ein bisschen wie auf dem Präsentierteller, weil die Kamera mich den ganzen Tag filmt“, sagt eine junge Kassiererin, die ebenfalls anonym bleiben möchte. Sie ist nicht die Einzige. Nach einer Beschwerde eines Bürgers aus Berlin steht die 2007 von Schlecker übernommene Drogeriekette mit Sitz in Osnabrück mit ihren knapp 700 Filialen im Fokus der niedersächsischen Datenschützer. Der Vorwurf, der gestern nach einem NDR-Bericht publik wurde, wiegt schwer: „Ihr Platz“ hat offenbar unrechtmäßig all die Kameras in den Geschäften installiert – und filmt damit womöglich sogar flächendeckend nicht nur Kunden ohne Datenschutzkonzept, sondern auch Mitarbeiter. „Das Unternehmen hat überall Überwachungskameras hingehängt, ohne sich zunächst um Belange des Datenschutzes zu kümmern“, sagt Michael Knaps, Sprecher des niedersächsischen Datenschutzbeauftragten Joachim Wahlbrink. Die Behörde hat ein Bußgeldverfahren eingeleitet und ermittelt.

Der Hauptvorwurf klingt erst einmal ziemlich technisch, legt Experten zufolge aber den Schluss nahe, dass sich die Drogeriekette bisher nicht allzu viele Gedanken über den Datenschutz gemacht haben kann. „Ihr Platz“ habe keine sogenannten „Verfahrensbeschreibungen“ vorlegen können, die vor der Installation von Überwachungsanlagen in jeder Filiale notwendig sind. Darin muss festgehalten werden, welchen Bereich die Kameras erfassen, wie lange sie aufzeichnen, und auch die Regelungen über das Löschen der Daten müssen dokumentiert werden. Als die Datenschützer im September erstmals diese Unterlagen aus Osnabrück anforderten, zeigte sich das Unternehmen zunächst dickfellig. Wochenlang habe es „keine Reaktion“ gegeben, sagen Datenschützer.

Für den „Ihr-Platz“-Mutterkonzern Schlecker fügt sich die Datenschutzaffäre in eine lange Reihe von schlechten Nachrichten an: Erst vergangene Woche musste sich die Drogeriekette wegen des Missbrauchs von Leiharbeitsregelungen und Dumpinglöhnen rechtfertigen. In der ARD fragte Talkmasterin Anne Will am Sonntag eine ganze Sendung lang: „Methode Schlecker – faire Arbeitsplätze Fehlanzeige?“.

Inzwischen verhalte sich „Ihr Platz“ jedoch nach Angaben der Datenschützer „kooperativ“. Die geforderten Unterlagen seien mittlerweile eingegangen. Gestern kamen Unternehmensvertreter zum Datenschutzbeauftragten nach Hannover, um weitere Fragen zu klären. „Wir haben jetzt viele Informationen und werden prüfen, ob hier ein Verstoß gegen den Datenschutz vorliegt“, sagt Knaps. Dies könne unter Umständen mehrere Monate dauern. Konkrete Hinweise auf eine bewusste Bespitzelung von Mitarbeitern der Drogeriekette habe man aber bisher nicht: „Das ist kein zweiter Fall Lidl.“ Und dennoch sehen die Datenschützer einen Trend bestätigt: Viele Unternehmen gingen „nachlässig“ mit dem Datenschutz um, sagt Knaps. „Um diese Entwicklung zu bremsen, werden wir künftig verstärkt Firmen kontrollieren.“ Die Liste der Unternehmen, die den Datenschutz in der Vergangenheit missachteten, ist lang. So brachte sich der Discounter Lidl 2008 in Misskredit, weil der Konzern seine Mitarbeiter mit Kameras und sogar Detekteien bespitzelte. Die Deutsche Bahn ließ sich erst durch die empörte Öffentlichkeit zu mehr Sensibilität in Sachen Arbeitnehmerdatenschutz überreden. Das Unternehmen hatte jahrelang Zehntausende Mitarbeiter in einer Art Rasterfahndung ausgespäht, um Korruption innerhalb des Konzerns vorzubeugen. Sogar die Jobbörse der Bundesagentur für Arbeit geriet im vergangenen Jahr in die Schlagzeilen, weil die Daten der Arbeitssuchenden nicht gegen Missbrauch geschützt waren.

Aktuell steht auch der Taschen-Verlag in Köln in der Kritik – nicht wegen Bespitzelung, sondern wegen unangebrachter Sorglosigkeit: Die nordrhein-westfälische Datenschutzbehörde kritisierte gestern, dass in den Filialen seit Jahren Kunden von Webcams gefilmt würden und die Bilder dann im Internet für jedermann zu sehen seien. Es sei zwar möglich, Geschäfte mit Kameras zu überwachen, um Diebstahl vorzubeugen, sagt eine Sprecherin der Landesdatenschutzbeauftragten Bettina Sokol. In diesem Fall müssten die Kunden jedoch geschützt werden. So berichten die Datenschützer von Szenen, auf denen man beobachten könne, wer gerade Herrenmagazine durchblättere – ein „kritischer Punkt“, heißt es.

von Dirk Schmaler 
und Tobias Morchner