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Niedersachsen Weltgrößte Nutztiermesse „EuroTier“ in Hannover eröffnet
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Weltgrößte Nutztiermesse „EuroTier“ in Hannover eröffnet
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21:04 16.11.2010
Auf dem Messegelände in Hannover werden über 1800 Unternehmen aus 48 Ländern erwartet.
Auf dem Messegelände in Hannover werden über 1800 Unternehmen aus 48 Ländern erwartet. Quelle: dpa
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Volle Parkplätze, Gedränge in den Hallen – die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) kann als Veranstalter mit dem Auftakt der EuroTier zufrieden sein. Aus dem In- und Ausland reisen die Landwirte zur weltgrößten Messe für Tierhaltung und Tiermanagement auf dem hannoverschen Messegelände an – viele, um erst einmal Informationen zu sammeln, etliche aber auch schon mit konkreten Investitionsabsichten. 1930 Aussteller aus 49 Ländern – noch einmal 10 Prozent mehr als bei der vorigen EuroTier 2008 und so viele wie noch nie – zeigen die neuesten Entwicklungen von der Genetik über modernste Haltungs- sowie Melk- und Fütterungstechnik bis zu ausgeklügelten Softwaresystemen, mit denen das Geschehen im Stall gesteuert und kontrolliert werden kann.

Vor allem um das Tiermanagement dreht sich vieles auf dieser EuroTier, um in immer größeren Beständen die Leistung von Huhn, Schwein und Kuh zu optimieren, die Arbeitszeit im Stall für den Landwirt oder seine Mitarbeiter zu minimieren und die Kosten zu senken. Alles zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit. Wie das funktioniert, kann man in Halle 27 besichtigen.

Dort präsentiert die schwedische Firma DeLaval International AB das erste automatische Melkkarussell der Welt. Wie von Geisterhand gesteuert bereiten drei Roboterarme in jeweils doppelter Ausführung das Euter der Kuh im Karussell für den Melkvorgang vor, setzen die Melkbecher an und führen das „Zitzendippen“ durch, wie das Melken im Fachjargon genannt wird. Mit ihrem Prototypen werben die Schweden für den „nächsten Schritt zur Automation von Großbetrieben“. Bis zu 100 Kühe in der Stunde ließen sich damit automatisch, effizient und kostengünstig melken. Diese Innovation prämierte die DLG, die sich als Motor des Fortschritts in der Landwirtschaft sieht, mit einer Goldmedaille.

Es gibt aber offensichtlich auch Landwirte, die wenigstens noch ein bisschen mit ihren Tieren zu tun haben wollen. Gleich nebenan drängen sich die Besucher am Stand der Firma Siliconform aus Türkheim. Das bayerische Familienunternehmen mit 20 Mitarbeitern hat mit dem „Melktaxi Galactor“ ein neuartiges Melkleitsystem entwickelt, wie Juniorchefin Eva-Maria Maier berichtet. Und hier ist der Bauer oder sein Melker noch mittendrin. Er fährt zum Melken mit dem Melktaxi, einer Gondel, die an Schienen aufgehängt ist, von Kuh zu Kuh. „Wichtig ist uns der Kontakt zum Tier“, sagt Maier, die als Kind selbst noch das Melken von Hand auf dem elterlichen Hof im Allgäu erlernt hat. Das Melktaxi nimmt dem Melker dabei aber die körperliche Arbeit ab.

In der Melkergondel bekommt der Melker zudem auf einem Bildschirm alle wichtigen Informationen über die Kühe im Melkkarussell angezeigt. Nach dem Melken reinigt die Gondel den Melkstand automatisch. Ausgedacht hat sich dieses System, das von der DLG ebenfalls mit einer Goldmedaille ausgezeichnet worden ist, der Firmengründer Jakob Maier, der früher als Bauer gearbeitet hat, aber lieber an technischen Verbesserungen des Melkens tüftelte. Im nächsten Jahr sei eine Pilotanlage für einen Landwirt im Allgäu geplant, um weitere praktische Erfahrungen zu sammeln. Danach soll nach Angaben von Maier individuell nach den Wünschen der Kunden produziert werden. Anfragen gebe es bereits reichlich.

Was sich mit richtigem Management in der Sauenhaltung erreichen lässt, führt der Weltmarktführer für Stall- und Fütterungsanlagen in Halle 11 vor. Der Familienkonzern Big Dutchman aus Vechta-Calveslage präsentiert mit dem sogenannten SonoCheck eine „Weltneuheit“. Es handelt sich um ein automatisches System, mit dem die Trächtigkeit von Sauen, die in großen Gruppen im Stall gehalten werden, untersucht wird.

Bisher muss der Landwirt seine Sauen noch einzeln mit dem Ultraschallgerät untersuchen – aber die Schweine bleiben nicht brav stehen, sodass oft sportliche Fähigkeiten nötig seien und dadurch der Stresspegel im Sauenstall steige, sagt Daniel Holling, der bei Big Dutchman den SonoCheck maßgeblich entwickelt hat und dafür die Goldmedaille von der DLG einheimst.

Damit wird die Sau quasi überlistet, wenn sie sich in die Futterstation begibt. Während sie „in aller Ruhe“ frisst, senkt sich das auf die Station montierte Ultraschallgerät mit seinen zwei „Untersuchungsarmen“ geräuschlos bis zur Leiste des Tieres nieder und schießt in 15 Sekunden mit Ultraschall die Diagnoseaufnahmen, die als Video aufgezeichnet und von einem Softwareprogramm ausgewertet werden. Die Vorteile dieses Systems, das Mitte 2011 in Serie gehen soll, machen den Preis von etwa 10 000 Euro laut Holling schnell wett. Es spare nicht nur erhebliche Arbeitsressourcen. Wegen der Genauigkeit der Diagnosen würden zudem Produktionsausfälle vermieden und die „Wurfhäufigkeit pro Sau“ gesteigert.

Die EuroTier zeigt, wie sich die Landwirtschaft verändert hat: Hightech-Apparate, mit denen Tiere als Produktionsfaktor optimiert werden, und Landwirte, die zu Managern geworden sind.

Carola Böse-Fischer