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Niedersachsen Wolfsburg feiert das Ende der Zumutung
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Wolfsburg feiert das Ende der Zumutung
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22:24 14.08.2009
Von Stefan Winter
In Wolfsburg wurde am Freitag von 20.000 VW-Mitarbeitern kein Triumph gefeiert, sondern eher das Ende des Elends.
In Wolfsburg wurde am Freitag von 20.000 VW-Mitarbeitern kein Triumph gefeiert, sondern eher das Ende des Elends. Quelle: Nigel Treblin/ddp
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Es ist, als falle eine Last von allen Schultern. Vorstandschef Martin Winterkorn plaudert sich leutselig durch die Reihen der Pressekonferenz und erlaubt entgegen jeder Gewohnheit einen kleinen Blick ins Seelenleben: „Dass eine gewisse Erleichterung da ist, gebe ich gerne zu.“ Die ist auch Finanzchef Hans Dieter Pötsch anzusehen, der sich mit feinem Lächeln an dem Lob freuen darf, „sensationelle Arbeit“ geleistet zu haben. Und neben den beiden genießt der Betriebsratsvorsitzende Bernd Osterloh schon mal die Aussicht auf die anschließende Betriebsversammlung. „Wir waren auf ganzer Linie erfolgreich“, wird er dort in die Menge rufen. Und 20. 000 VW-Mitarbeiter werden jubelnd die Erleichterung teilen.

In Wolfsburg wurde am Freitag kein Triumph gefeiert, sondern eher das Ende des Elends. Dass Porsche das Sagen bei VW haben wollte, war für die selbstbewussten Wolfsburger schon Zumutung genug. Doch dass der inzwischen ausgeschiedene Porsche-Chef Wendelin Wiedeking ihnen vom Unternehmerolymp herab die Welt erklären wollte, dass er bis zuletzt nicht nach Partnerschaft, sondern mit Finten und Geheimnistuerei nach der Macht strebte – das war zu viel. Vor dem VW-Verwaltungsturm bejubelten sie das Ende von Unsicherheit und Ohnmacht. Alle Seiten achteten am Freitag peinlich genau darauf, dass jetzt nicht die Porsche-Belegschaft die gleiche Erfahrung machen muss.

Porsche-Chef Michael Macht soll Mitglied der Konzernleitung werden, der Betriebsratsvorsitzende Uwe Hück einen Platz im Aufsichtsrat bekommen. Osterloh hob die Stärkung der Arbeitnehmerrechte hervor, die künftig auch für die Porsche-Mitarbeiter gelten. Gemeinsam mit der Landesregierung habe man durchgesetzt, dass die Regeln des VW-Gesetzes auch in der Unternehmenssatzung festgeschrieben werden. Winterkorn deutete bereits vage eine Erweiterung der Porsche-Modellpalette an: Für einen kleineren Geländewagen und ein sportliches Einstiegsmodell sei da wohl noch Platz.

Pötsch lobte Ertragskraft und Wachstumschancen von Porsche. Nach seiner Schätzung wird die Fusion langfristig Synergien von rund 700 Millionen Euro bringen. VW erhofft sich vor allem Einsparungen bei Einkauf und Entwicklung. Kein geringer Faktor ist auch das Salzburger Handelshaus Porsche Holding, mit dem VW erstmals im großen Stil direkt im Autohandel aktiv wird.

Insgesamt kommen mit dem Geschäft in den nächsten Jahren mehr als 30.000 zusätzliche Mitarbeiter ins Unternehmen, denen Winterkorn sichere Arbeitsplätze versprach. Stellenabbau sei nicht Teil des Fusionsplans. Der VW-Chef bleibt bei seinen Zielen für 2018: Dann soll in Wolfsburg der größte Autokonzern der Welt residieren und mehr als 10 Millionen Autos pro Jahr verkaufen. Winterkorn sagte, dass „alle Beteiligten, ich betone: alle“ das Fusionskonzept mittrügen.

Vor allem der Betriebsrat hat aber nach den Erfahrungen im Machtkampf mit Wiedeking auf doppelten und dreifachen Sicherungen bestanden. So enthält die Grundlagenvereinbarung mit Porsche auch den Passus, dass die Porsche SE bis 2020 keinen Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag mit VW abschließen darf. Nach Stand der Dinge wäre das ohnehin kaum vorstellbar, aber Osterloh will sich auf kein Restrisiko einlassen: „Man weiß ja nicht, wer dort eines Tages zu entscheiden hat“. Einen Kampf wie in den vergangenen Monaten, als Volkswagen „nach Heuschrecken-Art geschluckt und zerschlagen“ werden sollte, wolle er „nie wieder“ erleben.

Auch Pötsch bemühte sich, Unsicherheit angesichts des komplizierten Fusionsprozesses auszuräumen. „Es mag nicht einfach klingen, ist aber sehr robust“, sagte Pötsch: „Wir wissen, worauf wir uns einlassen.“ Beide Seiten hatten, ausgestattet mit insgesamt rund 50 externen Beratern, auch noch die letzte Nacht vor den Aufsichtsratssitzungen am Donnerstag durchverhandelt. Details mochte Pötsch nicht berichten, nur soviel: „Das Thema war ohne Zweifel von dem einen oder anderen Interessenkonflikt gekennzeichnet.“