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Niedersachsen „So viele Bäder gibt es hier gar nicht“
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen „So viele Bäder gibt es hier gar nicht“
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10:21 14.11.2013
Foto: Es gibt mehr Fliesenlegerbetriebe, aber weniger Nachwuchskräfte absolviere eine Lehre wie hier im Förderungs- und Bildungszentrum der Handwerkskammer Hannover in Garbsen.
Es gibt mehr Fliesenlegerbetriebe, aber weniger Nachwuchskräfte absolviere eine Lehre wie hier im Förderungs- und Bildungszentrum der Handwerkskammer Hannover in Garbsen. Quelle: Moritz Küstner
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Hannover

Manchmal fahren sie im Kleintransporter bei der Handwerkskammer in Hannover vor. Aus dem Fahrzeug steigen mehrere Handwerker, etwa aus Polen. Jeder von ihnen will hier einen Betrieb eintragen lassen, wie der Hauptgeschäftsführer Jans-Paul Ernsting berichtet.
Besonders häufig melden Gründer im Handwerk einen Fliesenlegerbetrieb an, denn seit der Reform der Handwerksordnung vor fast zehn Jahren kann man sich in diesem Beruf auch ohne spezielle Qualifikation selbstständig machen. Im Januar 2004 wurde bei mehr als 50 Handwerksberufen in Deutschland die Meisterpflicht abgeschafft. Seitdem ist besonders die Zahl der Fliesen-, Platten- und Mosaiklegerbetriebe drastisch gestiegen: Nach Angaben des Zentralverbands des Deutschen Baugewerbes und der Gewerkschaft IG BAU hat sie sich mehr als verfünffacht auf über 68.000.

Im Bezirk der Handwerkskammer Hannover waren im Jahr 2003 knapp 190 Fliesenlegerbetriebe registriert – Ende 2012 lag die Zahl bei 1460. Dass in den liberalisierten Handwerksbranchen mehr Betriebe entstehen und der Wettbewerb forciert wird, war das Ziel der Reform. Der Baugewerbe-Verband und die IG BAU halten die Abschaffung der Meisterpflicht bei Fliesenlegern jedoch für eine Fehlentscheidung – und fordern Korrekturen.

Die Reform habe in dieser Branche zu einem „gnadenlosen Unterbietungswettlauf“ geführt, bemängeln sie in einer gemeinsamen Erklärung. „Selbst florierende Unternehmen sahen sich gezwungen, langjährige Mitarbeiter zu entlassen.“ Beschäftigten sei dann nichts anderes übrig geblieben, als sich – meist als Ein-Mann-Betrieb – selbstständig zu machen; nicht selten als Scheinselbstständige. Dabei hätten sie keinen Anspruch auf einen Tariflohn.„So viele Bäder gibt es hier gar nicht, um all die Fliesenleger zu beschäftigen“, sagt Kammer-Hauptgeschäftsführer Ernsting. Er nimmt an, dass zahlreiche dieser Ein-Mann-Betriebe als Subunternehmer auf Großbaustellen arbeiten – und auch Tätigkeiten anderer Gewerke verrichten. Deutlicher äußert sich Hans-Hartwig Loewenstein, der Präsident des Baugewerbe-Verbandes: Sie bildeten das „Einfallstor für Illegalität am Bau“.

Die Handwerkskammer fürchtet um das Qualitätsniveau in dem Berufszweig, in dem Firmeninhaber keine besondere Ausbildung mehr vorweisen müssen. Von zunehmenden Klagen von Verbrauchern über schlecht verlegte Fliesen oder andere Qualitätsmängel berichtete die Kammer zwar nicht. Zahlreiche Betriebe gäben aber wegen Erfolglosigkeit wieder auf.

Was Ernsting besonders ärgert: Im Kammerbezirk gebe es inzwischen keine Fliesenleger mehr, die den Meisterbrief erwerben wollten. Außerdem würden erheblich weniger Fliesenleger ausgebildet als früher. So habe sich die Zahl der Fliesenlegerlehrlinge im Gebiet der Kammer seit 2003 von knapp 80 auf etwa 40 verringert. Diese jungen Leute lernen ihr Handwerk noch in Meisterbetrieben, die Wert auf qualifizierten Nachwuchs legen.

Die Reform der Handwerksordnung sei eine „misslungene Deregulierungspolitik“, sagt Ernsting. Er glaubt jedoch nicht daran, dass sie wieder rückgängig gemacht wird. Ernsting befürchtet jedoch, dass die EU-Kommission Druck ausübt, damit auch bei den nach der Reform verbliebenen Meisterberufen die Zugangsvoraussetzungen gelockert werden. Dies müssten die Politiker in Deutschland verhindern, um die Qualität im Handwerk zu sichern. „Der Meisterbrief“, bedauert Ernsting, „ist wieder in der Diskussion.“

Niedersachsens Handwerk im Plus

Das Handwerk in Niedersachsen profitiert von der guten Baukonjunktur und rechnet mit einem leichten Umsatzwachstum. Die Umsatzerlöse des Wirtschaftszweigs legten in diesem Jahr voraussichtlich um etwa ein Prozent auf 48,4 Milliarden Euro zu, schätzt die Landesvertretung der Handwerkskammern Niedersachsen (LHN). Die Zahl der Beschäftigten dürfte sich um 0,2 Prozent auf rund 518.000 erhöhen.

Die Stimmung in den niedersächsischen Handwerksbetrieben sei insgesamt „ausgesprochen positiv“, erklärte die LHN. Knapp 90 Prozent der Unternehmen bezeichneten ihre Geschäftslage als „gut“ oder „befriedigend“. Dies liege in starkem Maße an der guten Baukonjunktur, aber auch andere Branchen – zum Beispiel unternehmensnahe Dienstleister wie Metallbauer oder Feinwerkmechaniker – berichteten von einer „robusten“ Geschäftslage. Viele Betriebe arbeiteten am Limit und seien auf der Suche nach Fachkräften.

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