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Niedersachsen Jeder Achte in der Region ist überschuldet
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Jeder Achte in der Region ist überschuldet
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00:24 29.11.2014
Von Andreas Schinkel
HannoverSchuldnerberatung im K-Punkt mit Matthias Wenzel.(Foto/Rainer Surrey)
HannoverSchuldnerberatung im K-Punkt mit Matthias Wenzel.(Foto/Rainer Surrey)
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Hannover

Fast 13 Prozent der Stadtbewohner, knapp 60.000 Erwachsene über 18 Jahre, gelten statistisch als überschuldet. Das bedeutet, dass ihre laufenden Ausgaben die Einnahmen deutlich übersteigen. „In einer solchen Lage bekommen die Menschen schnell Probleme. Sie müssen umschulden, wechseln die Bank, können am Ende ihre Kredite nicht mehr bedienen“, sagt Uwe Rosin, Leiter des Bereichs Wirtschaftsinformationen bei der Firma Creditreform.

Anteil der überschuldeten Personen über 18 im Stadtgebiet Hannover.

Das Unternehmen hat kürzlich einen Schuldneratlas für ganz Deutschland veröffentlicht. Ergebnis: Die Deutschen leben immer mehr auf Pump, fast zehn Prozent der Erwachsenen steht das Wasser bis zum Hals. Im Vergleich der Städte und Gemeinden nimmt Hannover mit seiner Schuldnerquote einen der hinteren Ränge ein. Lediglich die besseren Werte in den Umlandkommunen Hannovers heben die Statistik für die gesamte Region auf knapp zwölf Prozent. Das macht Platz 342 von 402 Städten und Gemeinden in Deutschland. Ganz oben auf den ersten Rängen stehen, wie sollte es anders sein, die bayerischen Kommunen. Auf Nachfrage der HAZ haben die Experten von Creditreform jetzt ihre Daten für einzelne Stadtbezirke und Umlandgemeinden Hannovers aufbereitet.

Man könnte annehmen, dass in Stadtbezirken mit vielen Arbeitslosen die Zahl der Überschuldeten besonders hoch liegt, aber in den wohlhabenden Vierteln nur wenige Einwohner am Rande der Zahlungsunfähigkeit stehen. Das trifft im Groben zu, doch es gibt feine Unterschiede. Kirchrode-Bemerode ist so ein Fall. Der Stadtbezirk, der gemeinhin als Heimat der Besserverdienenden gilt, liegt mit einem Schuldneranteil von mehr als zehn Prozent keineswegs am unteren Ende der Skala. Die geringste Zahl von Einwohnern in Geldnot hat der Bezirk Südstadt-Bult (8,14 Prozent). Zweitbester im Vergleich der Bezirke ist Bothfeld-Vahrenheide mit einem Anteil von rund zehn Prozent. Schlusslicht ist Linden-Limmer, dort stecken fast 18 Prozent der Bewohner in finanziellen Schwierigkeiten. Verglichen mit dem Vorjahr ist jedoch ein Rückgang zu verzeichnen. Ebenfalls eine hohe Schuldnerquote von rund 16,9 Prozent gibt es im Bezirk Nord, in dem Stadtteile wie Hainholz, Vinnhorst, Ledeburg und die Nordstadt zusammengefasst sind. Auch hier ist die Tendenz erfreulich, seit 2012 sinkt die Zahl der Überschuldeten. Immer mehr Menschen mit finanziellen Problemen wohnen im Bezirk Vahrenwald-List.

Im Umland ragt Pattensen mit einer Traumquote von 7,32 Prozent hervor, die allenfalls von bayerischen Kleinstädten übertroffen wird (etwa Kronach mit 6,87 Prozent). Dass über Wennigsen und Wedemark nur wenige Pleitegeier kreisen, hat man irgendwie geahnt. Burgdorf dagegen überrascht mit einer hohen Schuldnerquote von 10,25 Prozent - Tendenz steigend. Wenig überraschend ist Schlusslicht Seelze mit fast 13 Prozent. In der Stadt leben viele Arbeitslose, die Kommune selbst ist hoch verschuldet.

Anteil der überschuldeten Personen über 18 in der Region Hannover.

Mehrere Erklärungen bieten sich an. „Zunächst ist festzuhalten, dass die Gebiete recht groß sind“, sagt Statistiker Rosin. Würde man sich einzelne Stadtteile oder gar Straßenzüge anschauen, wären die Schwankungen noch gravierender. „Auf der Bezirksebene gleichen beispielsweise wohlhabende Quartiere in der List sozial schwierige Lagen in Vahrenwald aus“, sagt Rosin. Und was die überraschend hohe Schuldnerquote in Kirchrode-Bemerode anbelangt, helfe ein Blick in die Sozialstatistik. „In dem Stadtbezirk leben viele ältere Menschen, und die Altersarmut steigt ja bekanntlich“, meint Rosin. Zudem schützt Reichtum nicht vor Überschuldung, wenn die Ausgaben einfach zu hoch werden. „Da mögen sich manche Einwohner mit ihren Investitionen verspekuliert haben“, vermutet Rosin.

So verwundert es kaum, dass ein als brav und bürgerlich geltender Stadtbezirk wie Südstadt-Bult die finanziell seriösesten Einwohner hat. „Zudem wohnen dort immer mehr junge Familien. Und die können sich aus Geldnöten oft schnell befreien“, sagt der Wirtschaftsexperte. So lässt sich auch die positive Tendenz im Stadtbezirk Nord erklären. Dort sind in den vergangenen Jahren immer mehr Stadthäuser gebaut worden, Miethäuser wurden aufwendig saniert, Eigentumswohnungen entstanden. „Das lockt einkommensstarke Schichten an, die weniger Gefahr laufen, sich zu überschulden“, sagt Rosin.

Die Fachleute haben mehrere Gründe ausgemacht, die in die Schuldenfalle führen. Der häufigste ist noch immer die Arbeitslosigkeit, gefolgt von einer Scheidung vom Partner. „Insbesondere Alleinerziehende geraten schnell in Schwierigkeiten und können sich oft jahrelang nicht daraus befreien“, sagt Rosin. Auch eine Erkrankung kann Menschen in den finanziellen Ruin treiben. Manchmal sind es geradezu banale Gründe: Mit dem Smartphone schnell noch diese und jene Bestellung aufgegeben, mehrere Abos abgeschlossen - und plötzlich übersteigen die Ausgaben das Einkommen. „Unwirtschaftliche Haushaltsführung nennen wir das“, sagt Rosin und plädiert dafür, Jugendliche an Schulen noch stärker für ein vernünftiges Ausgabenmanagement zu sensibilisieren. Ein weiterer Grund, in finanzielle Schieflage zu geraten, ist die sogenannte gescheiterte Selbstständigkeit. „Menschen wollen etwa als Kurierfahrer arbeiten, verschulden sich, um einen Lieferwagen zu kaufen, aber nehmen am Ende viel zu wenig Geld ein“, berichtet Rosin. Auch hier sei Aufklärung im vorhinein der beste Weg, um der Schuldenfalle zu entgehen.

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