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Wirtschaft Behalt den Schnabel
Nachrichten Wirtschaft Behalt den Schnabel
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00:15 17.11.2014
Von Karl Doeleke
Foto: Die Probeeier kommen aus einem Betriebb im niedersächsischen Lohne.
 Die Probeeier kommen aus einem Betriebb im niedersächsischen Lohne. Quelle: dpa
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Hannover/Lohne

Von Montag an sollen in den Rewe- und Penny-Filialen in Niedersachsen, Hamburg und Bremen täglich 40.000 Eier in den Regalen liegen, die etwas Besonderes sind. Sie stammen von konventionell gehaltenen Legehennen mit unversehrten Schnäbeln aus einem Pilotbetrieb in Lohne bei Vechta. Damit probiert der Handelskonzern etwas aus, was nach dem Willen von Agrarminister Christian Meyer möglichst schon ab 2017 Pflicht werden soll: Die Schnäbel der Legehennen dürfen dann nicht mehr amputiert werden - was nach Tierschutzgesetz ohnehin verboten ist. Das kann allerdings Schlimme folgen haben. Hühner neigen dazu, ihre Artgenossen zu picken und ihnen Federn auszurupfen – im schlimmsten Fall bis das Opfer stirbt.

Caspar von der Crone, der Geschäftsführer des einflussreichen Eier-Zertifizierers KAT (Kontrollierte Alternative Tierhaltungsformen) erklärt im HAZ-Interview, warum es in Zukunft nur noch Eier von unversehrten Hühnern geben wird – ohne Massaker in den Ställen.

Herr von der Crone, kann man überhaupt mehrere Tausend Legehennen in einem Stall halten, ohne dass sie sich gegenseitig verletzen? Das geht. Das machen ja auch schon einige Bauern testweise und Bio-Betriebe ohnehin.
Werner Hilse, der Präsident des Landvolks in Niedersachsen sieht keine Alternative zum Schnabelkürzen. Unter welchen Voraussetzungen geht es vielleicht doch?
Dass man den Tieren mehr Freiraum gibt in den Ställen.

Wie viel Freiraum müsste das sein? Was mich erstaunt hat: Es muss nicht sein, dass weniger Tiere im Stall sind. Wir müssen ihnen aber mehr Möglichkeiten der Entfaltung geben, mehr Sitzstangen zum Beispiel, damit die Tiere sich besser aus dem Weg gehen können. Es muss auf der Scharrfläche Beschäftigungsmaterial geben. Das sind die Ansätze, die aus einem Gutachten der Tierärztlichen Hochschule Hannover kommen.

Oder lässt sich am Ende gar nicht verhindern, dass sich die Tiere gegenseitig verletzen? Das genau ist die Herausforderung. Die wesentlichen Merkmale sind laut Professor Andersen von der TiHo: Die Tiere müssen aus gleichen Aufzuchten stammen, damit sie sich kennen. Sie müssen später zur Legereife kommen, nicht bereits mit 20, sondern eher mit 25 oder 26 Wochen mit einem höheren Gewicht. Dann sind sie ruhiger. Dann müssen Ablenkungen geschaffen werden. Viele Betriebe setzen Bimssteine oder Picksteine in die Ställe, damit die Tiere sich damit beschäftigen können. Hühner müssen den Schnabel abwetzen können. Futter spielt auch eine große Rolle. Auch über die Auslaufgestaltung müssen wir reden. Wir müssen den Landwirten Optionen geben, die Tiere so zu behandeln, dass kein Schaden entsteht. Das wäre der Super-GAU, wenn massiver Kannibalismus auftritt. Das kann nicht im Interesse des Tierschutzes sein.

Hat mal jemand ausgerechnet, was das kostet? Auch das hat die Tierärztliche Hochschule gemacht: 4 Cent pro Ei. Ich glaube nicht, dass der Verbraucher darum sagt: Ich kaufe jetzt keine Eier mehr. Wissen Sie was ein Ei kostet? Ich glaube, ich zahle 25 bis 27 Cent pro Ei. Das tut keinem weh, wenn man das mal auf das Jahr bezieht. Dass das mehr kostet, ist klar. Das setzt ja auch eine intensivere Betreuung voraus. Das wichtige ist, eine Lösungen für die Landwirte zu finden, mit der sie leben können.

Angenommen, die Landwirte machen das alle mit, irgendwann werden sie ja auch müssen. Der Handel macht auch mit. Dann ist da ja immer noch der Verbraucher, der diese 4 Cent vielleicht doch nicht bezahlen will. Wie wollen Sie verhindern, dass nicht billige Eier aus dem Ausland den Markt fluten? Es muss sichergestellt sein, dass solche Eier aus anderen Ländern nicht mehr vermarktet werden. Das ist ja jetzt auch schon der Fall beim Verbot der Käfighaltung. Diese Eier werden im Handel nicht verkauft.

Aber sie werden in Fertigprodukten verarbeitet. Das ist zur Zeit noch der Fall. Deswegen meine ich, dass auch die Eiproduktindustrie ihre Ware klar kennzeichnen muss. Warum steht nicht auf der Nudel drauf, woher die Eier stammen? Das ist für den Verbraucher wichtig. Ich will doch nicht hinten herum Eier kaufen, die doch wieder aus Käfighaltung sind.
Ist denn Ihr Verein so mächtig, dass der gesamte Deutsche Handel da mitmacht, nur noch Eier von Hühnern zu vertreiben, deren Schnabel ganz geblieben ist?
Ja. 95 Prozent der Eier aus dem Handel sind KAT-zertifiert.

Geht die Umstellung für Ihren Geschmack schnell genug? Ich denke, der Zeitrahmen ist 2017 oder 2018. Irgendwann muss ein Datum gesetzt werden. Ob das dann fix ist, ist eine andere Frage, aber es muss ein Datum gesetzt werden, damit etwas unternommen wird. Aber das muss aus meiner Sicht nicht zwingend sein, denn wir müssen die Landwirte ja auch mitnehmen. Was haben wir denn davon, dass die Tiere reihenweise sterben, nur weil wir mit aller Gewalt etwas umsetzen wollen? Dann lieber mit Augenmaß an die Sache rangehen, aber mit dem Ziel: Irgendwann wird das Schnabelkürzen verboten sein. Den Landwirten ist das auch klar. Und wenn es in Kraft tritt, werden wir es auch umsetzen.

Macht Niedersachsen vielleicht sogar zu viel Druck? Hier soll 2017 Schluss sein. Kann sein. Agrarminister Meyer steht natürlich auch unter Erfolgsdruck. Er muss liefern. Niedersachsen ist der größte Produzent, ganz klar. Wichtig wäre aber, dass Deutschland insgesamt mitmacht. Ein bisschen Spielraum wäre aber ganz gut. Mir ist wichtig, die Landwirte mitzunehmen. Nichts ist schlimmer, als einen Totalverlust zu erleiden, und das kann passieren. Das hat dann auch mit Tierschutz nichts mehr zu tun, wenn in einem Stall von 30 000 Tieren der Kannibalismus losgeht.

Wer kommt für den Schaden auf? Der Landwirt. Man müsste über einen Fonds nachdenken, das der Landwirt Entlastung bekommt, wenn er große Schäden hat.

Sie sehen also gar nicht so einen großen Zeitdruck? Dass wir es machen, ist wichtig, das ist klar. Es muss nicht auf Biegen und Brechen 2017 sein. 2018 ist auch OK, aber dann muss es kommen.

Interview: Karl Doeleke

Ei, Ei oder Ei?

Woher das Ei stammt, sagt die erste Ziffer des auf die Schale gedruckten Codes: Die 0 steht für Bio, die 1 kennzeichnet die Freilandhaltung, Eier aus Bodenhaltung sind mit einer 2 bedruckt.
Die 3 findet man kaum noch im Supermarktregal. Die Eier stammen aus der Haltung aus Volieren genannten Käfigen und werden viel gegessen: in Fertiggerichten, Gebäck oder Nudeln.
Bio-Eier unterscheiden sich von Eiern aus Freilandhaltung vor allem durch das Futter – und den Legehennen darf schon jetzt nicht der Schnabel gestutzt werden. Es gibt auch strengere Regeln für die Medikamentengabe.

Was den Auslauf angeht, haben es die Hühner in der Freilandhaltung nicht schlechter als ihre Artgenossen in Bio-Betrieben: Sie müssen Zugang zum Freien haben, wo sie ihr natürliches Verhalten ausleben können.
In der Bodenhaltung leben die Hennen in Hallen, in denen sie sich frei bewegen können.     

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