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Wissen Auf Schatzsuche in der Misburger Mergelgrube
Nachrichten Wissen Auf Schatzsuche in der Misburger Mergelgrube
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09:29 21.04.2010
Oft zu finden: Versteinerte Seeigel.
Oft zu finden: Versteinerte Seeigel. Quelle: Nico Herzog
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Es ist nur ein fingerkuppengroßer Stein, der die Aufmerksamkeit der Fossiliensammler an diesem Morgen erregt. „Das könnte ein Wirbelstück eines Mosasaurus sein“, meint Dirk Schnoor. Ist die Vermutung des sichtlich stolzen Finders richtig, handelt es sich also um einen winzigen Überrest eines Meeresreptils, das hierzulande vor mehr als 65 Millionen Jahren in einem Urozean gelebt hat. Dem 39-Jährigen leuchten die Augen. Aus der Sicht eines Paläontologen hält er einen Schatz in seinen Händen.

Das Fundstück hat Schnoor aus seinem Heimatort Lägerdorf in Schleswig-Holstein mit in die Leinestadt gebracht. Die Mitglieder des Arbeitskreises Paläontologie Hannover (APH), die sich an diesem Sonnabendmorgen zur Fossiliensuche im Misburger Teutonia-Steinbruch verabredet haben, beäugen das versteinerte Knochenstück fachmännisch. Und man sieht es den Gesichtern an: Sie alle wünschen sich, dass sie am Ende des Tages einen ähnlichen Erfolg vorweisen können. Gerade jetzt, nach den langen Wintermonaten, in denen es für die Sammler nichts zu holen gab.

Die Hoffnung, einmal einen größeren Knochen eines Dinosauriers zu finden, ist immer da, wenn Hannovers Fossiliensammler in die Steinbrüche der Region hinabsteigen. Die Gegend ist bekannt für ihren Fossilienreichtum. Deshalb könne man bei ihren Unternehmungen durchaus auch von einer Art Schatzsuche sprechen, sagt Exkursionsleiter Daniel Säbele, während er sich mit der Gruppe hinunter in die Mergelgrube begibt. Grau in Grau liegt diese an diesem Frühlingstag wie ein riesiger Mondkrater in der Landschaft. Während der Nacht hat es geregnet. Mit Gummistiefeln ausgestattet und dem Hammer in der Hand stapft die Gruppe knöcheltief durch den Matsch.

Die Hoffnungen auf den ganz großen Fund sind nicht ganz unberechtigt: „Im vergangenen Jahr wurden hier Saurierzähne gefunden“, erzählt APH-Mitglied Udo Frerichs. Es sind am Ende des Tages aber vor allem wieder die bekannten Trophäen, die die Sammler mit nach Hause bringen werden: Fragmente von schneckenförmigen Urzeit-Kopffüßlern, den sogenannten Ammoniten, versteinerte Seeigel und Muscheln oder frühe Korallenformen. Die Tiere kämen im Campan, wie die zugängliche Gesteinsschicht aus der Oberkreide genannt wird, eben am häufigsten vor, meint Frerichs. Enttäuscht ist deshalb keiner. „Das sind für uns auch sehr wertvolle Funde“, sagt Säbele. Auch wenn sie natürlich mehr einen ideellen als einen Geldwert hätten.

Als loser Zusammenschluss im Jahr 1972 gegründet, zählt der Arbeitskreis Paläontologie Hannover in der Leinestadt derzeit etwa rund 60 Mitglieder. „Wir wollen aber kein Verein sein, sondern Forschung in einer Arbeitsgemeischaft betreiben“, erklärt Frerichs. Deshalb veröffentlichten sie auch regelmäßig ihre Ergebnisse in eigenen Publikationen. „Die Universitäten beschäftigen sich leider nur noch mit großen Funden. Schnecken und andere Kleintiere interessieren die Wissenschaftler schon lange nicht mehr“, sagt der 70-jährige Langenhagener. Deshalb fühlten sie sich auch als Pioniere auf ihrem Gebiet.

Für den APH ist die Region dabei ein nahezu perfekter Ort, um Fossilien zu sammeln. Gerade an Sonnabenden, wenn die Bagger der Heidelberger Zement AG stillstehen, tummeln sich an manchen Tagen bis zu 100 Sammler aus ganz Norddeutschland zwischen den ausgelösten Gesteinsbrocken. An jedem zweiten Wochenende öffnet zudem die Holcim AG ihren Alemannia-Steinbruch in Höver für Fossilienjäger.

Auch auf Baustellen in der Innenstadt und in den westlichen Stadtteilen, unter denen die Tonschichten der Unterkreidezeit liegen, suchen einige Hobbypaläontologen. Dafür allerdings ist eine Erlaubnis des jeweiligen Bauherrn nötig. In den dortigen Tonblöcken ließen sich oftmals gut erhaltene, riesige Ammoniten finden, berichtet Säbele. Deshalb hofft der selbstständige Handwerker auch, dass die lange diskutierte U-Bahn-Strecke nach Linden gebaut wird. „Was da an Schätzen alles ans Tageslicht kommen könnte“, meint er. „Das wäre ein Traum.“

IInformationen zum Arbeitskreis Paläontologie Hannover gibt es im Internet.

Stephan Fuhrer