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Wissen Gift im Filter: Wie Zigarettenkippen der Umwelt schaden
Nachrichten Wissen Gift im Filter: Wie Zigarettenkippen der Umwelt schaden
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18:10 22.02.2019
Zigarettenkippe am Strand. Quelle: imago/blickwinkel
Berlin/Bremerhaven

Die Gehwege der Welt erzählen Geschichten von Sucht und Achtlosigkeit. Rund um den Globus rauchen Milliarden von Menschen und verbrennen Billionen Zigaretten pro Jahr. Die weggeworfenen Kippen landen in Parks, Gullis oder direkt neben einem Mülleimer. Abgesehen davon, dass die Ordnungswidrigkeit inzwischen mit einem Bußgeld geahndet werden kann, steckt in den unscheinbaren Stummeln ein Gift-Cocktail, der es bis in die Meere schafft.

Nach einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 2017 landen weltweit bis zu zwei Drittel aller Kippen auf dem Boden – 10 Milliarden der 15 Milliarden pro Tag verkauften Zigaretten. 2014 seien das Schätzungen zufolge zwischen 340.000 und 680.000 Tonnen gewesen. An Küsten und Städten stellen Zigarettenreste demnach seit den 80er Jahren kontinuierlich 30 bis 40 Prozent des aufgesammelten Mülls.

2,4 Millionen Stummel aufgesammelt

Das internationale „Coastal Cleanup Project“ hat 2017 nach eigenen Angaben an Küsten weltweit über 2,4 Millionen Zigarettenstummel aufgesammelt. Durch Papier, Folie, Zellophan und Klebstoff der Verpackungen kämen jährlich noch zwei Millionen Tonnen Müll dazu, schreibt die WHO.

„Schön ist das alles nicht“, sagt Gunnar Gerdts, Mikrobiologe am Alfred-Wegener-Institut (AWI) für Meeres- und Polarforschung auf Helgoland. „Es ist klar, dass eine Kippe nicht in die Umwelt gehört.“ Die Filter seien so gut wie unzerstörbar, schreibt die WHO. Sie bestehen aus dem Kunststoff Celluloseacetat, der wegen seiner Kompaktheit und den Acetyl-Molekülen nur sehr langsam biologisch abgebaut wird. Unter bestimmten Bedingungen wie Sonneneinstrahlung und Feuchtigkeit können die Filter allerdings in kleinere Plastikteilchen brechen. Dann gelangen die darin gebundenen über 7000 Chemikalien in die Umwelt.

Kontakt tötete Hälfte aller Fische

Welche Auswirkungen auf die Umwelt die riesige Menge an Müll hat, sei noch nicht sehr gut erforscht, sagt AWI-Mikrobiologe Gerdts. Wissenschaftler der San Diego State University berichteten 2011 über ein Laborexperiment im Fachblatt „Tobacco Control“: Demnach tötete Kontakt zu Zigarettenstummeln, die 96 Stunden in Sickerwasser gelegen hatten, die Hälfte aller Fische – dafür genügte eine Konzentration von einem Stummel pro Liter.

Gerdts sieht solche Studien aber kritisch. „Die arbeiten mit hohen Konzentrationen, die zu Effekten führen, die nicht unbedingt auf die Umwelt zu übertragen sind, sagt er. Das mache es sehr schwierig, die realen Auswirkungen auf Pflanzen und Tiere zu bestimmen.

Bußgeld reicht von 20 bis 100 Euro

Forscher der University of Oklahoma berichteten Ende 2017 dagegen im Fachblatt „Science of The Total Environment“, dass Bodenbewohner wie Schnecken keine Vergiftungserscheinungen zeigten, wenn sie mit verschiedenen Konzentrationen von Zigarettenstummeln in Kontakt kamen. „Das bedeutet nicht, dass es Entwarnung gibt. Wir brauchen nur mehr Fakten und Forschung“, sagt Gerdts.

Initiativen gegen weggeworfene Zigarettenstummel gibt es zwar einige, große Wirkung scheinen sie aber nicht zu haben. Wer etwa in Berlin einen Stummel unachtsam auf den Boden wirft, muss theoretisch mit einem Bußgeld rechnen – die Spanne reicht je nach Bezirk von 20 bis 100 Euro. Viel Geld kam dabei in den vergangenen Jahren allerdings nicht zusammen. Im Jahr 2017 waren es berlinweit rund 2600 Euro, wie aus einer Kleinen Anfrage der FDP an den Berliner Senat hervorgeht.

Sammelaktionen kratzen nur an Spitze des Eisbergs

Eine gute Maßnahme sei das trotzdem, findet Andreas Burger vom Umweltbundesamt. „Bußgelder tragen dazu bei, Fehlverhalten zu verringern“, sagt er. Bußgelder für Falschparker oder Raser zeigten, dass das erfolgreich sei. Auch eine ansprechende Gestaltung von Mülleimern und Aschenbechern im öffentlichen Raum könne Menschen motivieren, aufgerauchte Zigaretten nicht auf den Boden zu werfen.

In der Stadt entsorgt die Stadtreinigung einen Großteil der Kippen. In der Natur ist das schwieriger: Sammelaktionen an Stränden „kratzen nur an der Spitze des Eisbergs“, sagt Lars Gutow, Biologe am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Positiv seien solche Cleanup-Projekte trotzdem. „Ich glaube, dass man solche Sammelaktionen optimieren kann, indem man Hotspots ansteuert, wo viel Müll angeschwemmt wird“, sagt er.

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Wegwerf-Kartuschen als Stummel der Zukunft

Seit 2016 gilt in Deutschland die EU-Richtlinie zu Tabakprodukten, die auch E-Zigaretten betrifft. Es habe Fälle gegeben, bei denen Kinder versehentlich Liquids getrunken und eine Nikotinvergiftung bekommen haben. Als Reaktion dürfen Liquid-Behälter nicht mehr als zehn Milliliter fassen. „Das ist zwar für den Kinderschutz wichtig, auf der anderen Seite führt es dazu, dass durch diese Behälter mehr Plastikmüll entsteht“, sagt Mons. Hinzu komme der Elektroschrott mitsamt der Batterien.

„Wegwerf-Kartuschen aus Plastik könnten die Zigarettenstummel der Zukunft werden“, schreibt die WHO. Genaue Erhebungen über die Menge dieses Mülls gibt es bislang nicht. Eine Bestandsaufnahme der möglichen Gesundheitsrisiken durch E-Zigaretten im „American Journal of Public Health“ (AJPH) kam Ende vergangenen Jahres zu dem Schluss: „Keine Studie hat die Entsorgungsschritte von E-Zigaretten bisher verfolgt. Aber laufende Studien deuten darauf hin, dass leere Kapseln oder Wegwerf-Tanks oft unachtsam weggeworfen werden.“

„Clean Atlantic“ untersucht Plastik-Problem

Damit reihen sich E-Zigarette und Kippe in ein viel größeres Problem ein: Plastikmüll. Plastikflaschen, Verpackungen, Tüten und Trinkhalme gehören nach Zigarettenstummeln zu den am häufigsten gefundenen Gegenständen an Küsten und Stränden. 150 Millionen Tonnen Müll, so offizielle Schätzungen, sind bereits jetzt im Meer. Jedes Jahr kommen fünf bis 13 Millionen Tonnen hinzu. Das entspricht einer Lastwagenladung pro Minute. Im Jahr 2050 könnte die Menge an Plastik die der Fische übersteigen, heißt es in einer vom Weltwirtschaftsforum in Auftrag gegebenen Studie.

Das EU-Projekt „Clean Atlantic“ rückt die Meeresverschmutzung weiter ins Bewusstsein der Politik. Bis 2020 soll das Plastikmüll-Problem im Atlantik genauer untersucht werden. Gleichzeitig sollen Plastikteller, Trinkhalme und andere Wegwerfprodukte aus Kunststoff bis 2021 aus dem europäischen Verkauf verschwinden. Das Europaparlament beschloss im Dezember ein entsprechendes Verbot. Allerdings nur für Gegenstände, für die es bereits bessere Alternativen gibt – Zigarettenfilter gehören nicht dazu.

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Von RND/dpa/Juliane Görsch und Sonja Fröhlich

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