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Wissen Ist Fleischessen das neue Rauchen?
Nachrichten Wissen Ist Fleischessen das neue Rauchen?
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18:11 08.08.2019
Da haben wir den Salat: Ein Blick auf die Zukunft der Ernährung. Quelle: dpa
Hannover

Ich komme aus einer Familie, in der Bratensoße als Erfrischungsgetränk gilt. Vegetarier – das waren in unseren Augen bedauernswerte Menschen, die sich von verhutzelten Elendsknollen ernährten, die schmeckten wie gekochte Schulhefte. Unsere Nahrung dagegen war das klassische deutsche Dreikomponentenfutter der Siebzigerjahre: Viel Fleisch, viel Beilage und ein bisschen Schamgemüse. Wegen der Vitamine. Das war zu jener Zeit, als Bulgur und Quinoa noch klangen wie Südseeinseln. Für uns galt: Soja nun nicht.

Inzwischen herrscht Verwirrung auf dem Archipel Gulasch, nicht nur wegen der aktuellen debatte um eine höhere Fleischsteuer. Selbst eingefleischten Carnivoren dämmert, dass der massenhafte Konsum von Billigfleisch nicht folgenlos bleiben kann. Für die Tiere. Für das Klima. Für die Landwirtschaft. Für den eigenen Körper. 60 Prozent der Deutschen finden deshalb, dass die anderen unbedingt weniger Fleisch essen sollten. Sich selbst davon zu überzeugen, ist nicht ganz so einfach.

Selleriestangen auf dem SUV-Rücksitz

Es ist leicht, sich über Vegetarier zu erheben („Toll, du hast seit drei Jahren kein Fleisch gegessen!? Na und: Ich habe seit zehn Jahren keinen Fenchel gegessen!“). Über Superfood-Trendkörner, die ein peruanischer Unterholzschamane in Tüten gefüllt und für 18 Euro pro Kilo an Berliner Hipster verkauft. Über verspannte urbane Rote-Bete-Mütter mit praktischen Frisuren, die ihre armen Kinder auf dem Rücksitz des Familien-SUVs an Selleriestangen knabbern lassen. Über die Humorfreiheit einer Auberginen-Minorität, die nicht verstehen mag, dass das Thema Ernährung nicht für jeden gleichermaßen kriegsentscheidend ist. Deutschland – das Land der Diätberater, Freizeitköche und Ökotrophologen mit Weltrettungsanspruch.

Aber Spott nützt ja nichts. Etwas ist in Gang geraten. Der Partysatz „Ich esse nicht mehr so viel Fleisch“ ist das neue „Ich habe mit Rauchen aufgehört“. Der Pro-Kopf-Konsum der Deutschen sinkt um etwa ein Kilo pro Jahr. Er liegt aktuell bei 62 Kilogramm. 1991 waren es noch 95 Kilogramm Fleisch im Jahr.

Eingeschweißte Rinderzungen

Die Industrie hat alberne Dinge mit Fleisch angestellt. Sie hat Gesichtswurst erfunden, totes Huhn in Aspik gegossen, eingeschweißte Rinderzungen in Fleischtheken gelegt. Sie hat zerzupftes Schweinefleisch verbal zu Südstaaten-„Pulled Pork“ veredelt und gammlige Dönerspieße gegrillt. Jetzt umarmen die Lebensmittelmultis den neuen Trend zum massenhaften Veganismus aus den gleichen Gründen, aus denen sie einst Pferd in Lasagne rührten: Es steckt Geld drin. Mehr nicht. „2019 ist das Jahr, in dem Veganismus den Mainstream erreicht“, schreibt die britische Zeitschrift „Economist“.

Nur ein Hype? Ein Geschäft? Oder mehr? Natürlich löst jedes „Greta isst vegan“-Plakat auf den „Fridays For Future“-Demonstrationen trotzige Gegenreaktionen aus. Der deutsche Grillkönig ist nicht bereit, sich von minderjährigen Schulschwänzern die Fleischeslust vermiesen zu lassen. Wo soll das enden? Nachher steht der bratwurstessende Mann in ein paar Jahren einsam in der Kälte unter einer XXL-Dunstabzugshaube herum, die den schädlichen Bratwurstduft zum Wohle seiner Umwelt absaugt! Wie so’n Raucher.

Das Leitblatt der Fleischfraktion: „Beef“

Kein Fleisch mehr? Natürlich löst jedes „Greta isst vegan“-Plakat auf den „Fridays For Future“-Demonstrationen trotzige Gegenreaktionen aus. Der deutsche Grillkönig ist nicht bereit, sich von Minderjährigen die Fleischeslust vermiesen zu lassen. Das Zentralorgan der Pro-Fleisch-Gegenbewegung ist das Magazin „Beef“ von Gruner+Jahr. Inzwischen hat es mehrere Nachahmer. „Beef“ ist ein Foodporn-Heft, quasi die grobe Bratwurstschnecke unter den Männermagazinen („Krosse Spieße, saftige Steaks, mächtige Burger, Brust und Schenkel. Ja!“). Denn wenn es in Männermagazinen heute um Frischfleisch geht, dann geht es wirklich um frisches Fleisch. Es ist papiergewordene Selbstvergewisserung für grillende Testosteronbomber mit explosivem Ego und hochgeklapptem Poloshirtkragen, die sich selbst gern „Entrepreneur“ nennen, Selbstausbeutung mit Rock’ n’ Roll verwechseln und sich bei Müdigkeitsanfällen einfach feste ohrfeigen.

Der „Beef!“-Leser lernt in Bild und Text, wie er einem Kaninchen fachgerecht das Fell über die Ohren zieht, wie blutig es auf dem Fischmarkt in Tokio zugeht, wie ein Meerschweinchen auf Erbsenreis in Peru aussieht und dass man in China mit großem Genuss unter Schmatzen und Schlürfen Penisse und Hoden verzehrt. Da kneift der „Beef!“-Leser instinktiv die Oberschenkel zusammen. Je grüner die einen, desto blutiger mögen es die anderen. Die letzten Cowboys in Rüschenschürzen feiern die Blut-und-Bohnen-Mentalität des kochenden männlichen Hominiden, um den globalen Guacamole-Tsunami aufzuhalten.

Der Gaube an einen höheren Daseinsgrund

Das Problem: Ob Veganerfrühstück mit Grünkohl-Smoothies oder opulente Buddy-Grillparty mit riesigen T-Bone-Steaks – spirituelle Messen sind am Ende beide. Immer geht es um den Glauben an einen höheren Daseinsgrund, nicht ums Sattwerden. Beides ist Ideologie.

Doch der alte Konflikt Genuss gegen Gewissen verliert an Bedeutung. Denn vegetarisches Essen hat seine Freudlosigkeit eingebüßt. Und natürlich ist auch Fleischessern klar: Moralisch wäre es besser, für die menschliche Ernährung keine Tiere zu töten. Mir wär’s auch lieber, nur Schweine zu essen, die vom Baum gefallen sind. So lange das jedoch ein Randphänomen bleibt, wird’s schwierig. Wie lässt sich der Fleischkonsument zum Umdenken bewegen? Durch Fleischersatzprodukte, Appelle und Ächtung. Alle drei Ansätze leiden unter demselben Problem: Sie bedeuten Verzicht. Und so ehrlich müssen wir sein: Verzicht schmerzt. Es sei denn, ich bekomme im Tausch für den Schmerz einen angemessenen Gegenwert. Sei es ein gutes Gewissen. Sei es ein alternativer Genuss. Für den starken Wunsch nach einem guten Gewissen ist mein Schuldgefühl jedoch (noch) nicht ausgeprägt genug. Und was den Genuss angeht, kommt (noch) nichts an Fleisch heran. Aber: Es geht voran.

ANSATZ EINS: Helfen Fleischersatzprodukte?

Die Zeit von mehligen Grünkernbratlingen als Frikadellensurrogat sind unvergessen. Das Tofu-Einkorn-Elend, das nach Sägemehl, Weizengras und Frust schmeckte, ist jedoch vielerorts Vergangenheit. Das gilt auch für die Blütejahre jener pastösen vegetarischen Brotaufstriche aus dem Reformhaus, die schmeckten, als würden sie aus dem hergestellt, was im Blumenladen unter den Tisch fällt. Als sei das Zeug von der Nasa erfunden worden, um Risse im Hitzeschild abzudichten.

Die Simulation von Fleisch hat aber erstaunliche Fortschritte gemacht. Wobei man sich als Fleischesser immer die Frage stellen darf, warum Pflanzenprodukte überhaupt Fleisch nachspielen müssen? Und ob es nicht immer fragwürdig bleibt, wenn Produkte etwas sein wollen, was sie nicht sind. Experten sagen, Dinge, die aussehen wie Fleisch, würden Fleischessern den Abschied erleichtern. Automatisch gesünder aber ist ein künstliches Schnitzel nicht. Und gefälschte Butter, destilliert aus dem Kochsaft von Kichererbsen? Ich bin raus.

Als neuer Rockstar unter den Analogfleischen gilt Beyond Meat. Dessen Mutterfirma legte den erfolgreichsten Börsenstart seit der Finanzkrise hin. „Jenseits von Fleisch“. Schon der Name klingt so albern wie jene US-Billigmagarine namens „I Can’t Believe It’s Not Butter!“. Die pflanzenbasierten Bratlinge der vor Stolz platzenden US-Burgerbastler gab’s zwischendurch gar bei Lidl – bis der Discounter eine günstigere Eigenmarke startete. Das Fleisch-Methadonprogramm der kalifornischen Tüftler soll beweisen, dass auch Ersatzprodukte wie echtes Rindfleisch schmecken können. „Wir wollen die Welt verändern“, dröhnt die Firma. Natürlich will sie das. Kalifornische Firmen wollen niemals weniger als die Welt verändern. Bisher beweist Beyond Meat aber vor allem eines: dass perfektes kalifornisches Marketinggetöse einen soliden Mythos aufbauen kann.

Ein heraufdämmernder Milliardenmarkt? Ich persönlich habe keinerlei Lust, mir ein Gemisch aus Erbsenprotein und Kokosöl als Fleischersatz andrehen zu lassen, bei dem Rote-Bete-Saft für die Rosafärbung sorgt. Kokosöl? Ernsthaft? Massenhaft angebaut und über alle Ozeane geschippert? Das ist weder für den Körper gesund noch für den Planeten. Und: Fleischesser mögen Fleisch vor allem darum, weil es Fleisch ist. Aber: Wie Apple für das Smartphone und Tesla für das Elektroauto könnte Beyond Meat das Durchbruchprodukt für den Abschied vom Echtfleisch werden.

ANSATZ 2: Helfen Appelle?

Klimaschützer und andere zu Recht besorgte Bürger propagieren die vorsätzliche Verknappung von Fleisch auf Prä-Wirtschaftswunder-Portionen. Es geht um Bewusstmachung. Esst weniger Fleisch. Kauft seltener Fleisch. Gebt mehr Geld für gutes Essen und weniger für schlechtes aus. Das ist richtig. Das Argument aber lautet gelegentlich: „Meine Oma hat auch nur zweimal die Woche Fleisch gegessen.“ Nostalgie hilft nicht weiter. Meine Oma hatte auch nur drei TV-Programme. Sie kannte es nicht anders. Hätte es Netflix gegeben, hätte sie es genutzt. Das Appellative hat schlechte Karten bei der Volkserziehung, spätestens seit der unseligen „Veggie Day“-Debatte. Natürlich weiß jedermann, dass Pizza mit Spaghetti und Fleischklopsen obendrauf keine „leichte mediterrane Küche“ ist. Natürlich ist jedem Pommestütenaufreißer theoretisch doch irgendwie klar, dass dampfgegarter Brokkoli prinzipiell gesünder ist als ein 99-Cent-Steak mit einem Zentimeter Panade. Und auch die Geschichte von den aus Holzspänen gewonnenen Aromastoffen in den bunten Joghurts haben wir schon vier- bis 17-mal gehört.

Ja, Fleisch ist zu billig. Ja, es ist wichtig, sich den wahren Wert und die Produktionsfolgen von Fleisch bewusst zu machen. Ja, wir sollen bitte nichts essen, was unsere Großmutter nicht als Nahrung erkannt hätte oder was mehr als fünf Zutaten enthält. Aber der Hinweis, man möge doch bitte einfach mehr Geld ausgeben für Black-Angus-Bio-Beef, ist elitäres Besserverdiener-Geschwätz. Und führt nur zum Gegenteil: zum trotzigen Griff in die Discounterregale. Der moderne Konsument ist bereit, sich überzeugen zu lassen, wenn das Angebot stimmt. Ein gutes Gewissen? Gern. Aber es muss auch gut schmecken. Daran, und nicht am Moralischen, wird sich in den Massengesellschaften der Industrienationen die Zukunft der Ernährung entscheiden. Die wenig opferbereite Masse der Konsumenten wird immer den Weg des geringsten Widerstandes gehen.

ANSATZ DREI: Hilft die Ächtung von Fleischessern?

Menschen, die ihre Ernährung nicht mit quasireligiöser Inbrunst betreiben, droht heute in bestimmten urbanen Bildungsbürgerkreisen schnell gesellschaftliche Ächtung. Expertise über Proteine, Gluten, Kohlehydrate, Goji-Beeren, Spirulina-Algen und Agavendicksaft gehört heute zum Elternabend-Smalltalkrepertoire. Winston Churchill hat mal gesagt: „Man soll dem Leib etwas Gutes bieten, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen“. Das Bewusstsein dafür, was genau wirklich „etwas Gutes“ ist, verändert sich gerade, auch befeuert von einer interessierten Industrie. Aber: Die Zahl der Vegetarier ist zuletzt wieder gesunken: von 6,3 im Jahr 2018 auf aktuell 6,1 Millionen.

Die Momente, in denen die Bifi nicht mehr schmeckt

Fazit: Es ist schwer, gegen den inneren Fleischesser anzugehen. Es ist schwer, eine so alte Kulturtechnik wie das Zerteilen toter Tiere als anachronistisch anzuerkennen. Sein Verstand macht es dem Menschen möglich, sich über genetische Dispositionen, Geschmack und erlerntes Verhalten zum Wohle des Planeten hinwegzusetzen. Das giftige an der aktuellen Debatte aber ist das anstrengende Entweder-Oder-Denken. Ent-weder alle essen Avocado, oder die Welt geht unter. Oder alle essen Bratwurst, oder die Freiheit geht unter. Beides ist Alarmismus. Sicher ist: Es wird nicht genügen, auch ohne Laktoseintoleranz Sojamilch zu trinken, um den Laden zu retten. Und es wird nicht genügen, Fleischkonsum zu verteufeln, um die Zahl seiner Freunde zu reduzieren. Aber es gibt tatsächlich schon jetzt Momente, in denen mir meine Bifi nicht mehr schmeckt.

Von Imre Grimm

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