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Wissen Jede zehnte Krankschreibung aufgrund psychischer Probleme
Nachrichten Wissen Jede zehnte Krankschreibung aufgrund psychischer Probleme
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14:14 23.03.2010
Mehr noch als berufliche Belastungen führt jedoch der Verlust  des Arbeitsplatzes zu psychischen Erkrankungen.
Mehr noch als berufliche Belastungen führt jedoch der Verlust des Arbeitsplatzes zu psychischen Erkrankungen. Quelle: ap (Archiv)
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In Deutschland werden immer mehr Menschen aufgrund psychischer Probleme krankgeschrieben. Nach einer Studie gingen 2008 elf Prozent aller Fehltage auf psychische Erkrankungen zurück, seit 1990 verdoppelten sich diese Krankschreibungen fast.

Der Studie zufolge verursachen psychische Erkrankungen überdurchschnittlich lange Fehlzeiten: bei AOK-Versicherten durchschnittlich drei Wochen, bei Barmer-Versicherten sogar rund fünfeinhalb Wochen pro Krankschreibung. „Die ständig steigende Zahl der Tage, an denen Arbeitnehmer aufgrund psychischer Krankheiten arbeitsunfähig sind, belegt die tatsächliche Dimension psychischer Erkrankungen“ sagte BPtK-Präsident Rainer Richter.

Laut Richter sind psychische Krankheiten von den Ärzten lange nicht richtig erkannt worden. Die gestiegenen Zahlen seien neben einer verbesserten Diagnostik jedoch auch auf steigende Anforderungen am Arbeitsplatz zurückzuführen. Zeitdruck, Komplexität der Aufgaben und gleichzeitig ein geringer Einfluss auf den Arbeitsprozess führten zu psychischer Belastung. „Die Gesundheit des Menschen ist dann besonders gefährdet, wenn er an seinem Arbeitsplatz erlebt, dass er wenig oder nichts bewirkt.“ Weitere Studien zeigten eine Häufung psychosomatischer Beschwerden, wenn ein gravierendes Ungleichgewicht zwischen Einsatz und Entlohnung sowie Anerkennung besteht.

Seelische Erkrankungen treten gehäuft in der Dienstleistungsbranche auf. Alle Krankenkassen verzeichneten bei den Beschäftigten im Sozial- und Gesundheitswesen, in der Telekommunikation und in öffentlichen Verwaltungen überdurchschnittlich viele Fehltage aufgrund psychischer Störungen. Eine besonders belastete Berufsgruppe sind Telefonisten, die etwa doppelt so häufig aufgrund psychischer Erkrankungen ausfallen wie der Durchschnitt. Dagegen ist der Anteil der psychischen Erkrankungen in Arbeiterberufen wie in der Landwirtschaft oder im Baugewerbe ein Drittel bis die Hälfte niedriger als im Durchschnitt.

Mehr noch als berufliche Belastungen führt jedoch der Verlust des Arbeitsplatzes zu psychischen Erkrankungen. Arbeitslose sind drei- bis viermal so häufig psychisch krank wie Erwerbstätige. GEK und BKK berichten, dass Arbeitslose besonders häufig wegen Alkoholabhängigkeit und Depressionen in Krankenhäusern behandelt werden. Die Behandlungskosten für depressive Störungen in Deutschland betrugen 2004 rund 4,3 Milliarden Euro, für einen depressiven Patienten jährlich durchschnittlich 4000 Euro.

Therapeuten: Mehr Psycho-Leiden in Großstädten

In Stadtstaaten wie Berlin und Hamburg diagnostizieren Ärzte nach einer Analyse der Bundespsychotherapeuten- Kammer bundesweit die meisten psychischen Erkrankungen. Die Zahlen lägen in Berlin um 25 bis 40 Prozent über dem Bundesdurchschnitt, in Hamburg sogar um 20 bis 60 Prozent, teilte die Vereinigung am Dienstag in Berlin mit. Als Gründe für die hohe Zahl der Diagnosen nannten die Psychotherapeuten höhere Anforderungen im Job, besonders in der Dienstleistungsbranche, aber auch Alltagsstress in Ballungsräumen und besser geschulte Ärzte.

Bereits 11 Prozent aller Fehltage werden nach der Studie heute durch psychische Probleme verursacht. Damit habe sich die Zahl solcher Krankschreibungen seit Mitte der 90er Jahre fast verdoppelt, sagte Kammerpräsident Rainer Richter. Für die Analyse hat die Kammer Gesundheitsreporte der gesetzlichen Krankenkassen AOK, TK, DAK, BKK und GEK aus dem Jahr 2008 herangezogen. Danach waren zum Beispiel AOK-Versicherte durchschnittlich drei Wochen im Jahr wegen psychischer Probleme krankgeschrieben, Barmer-Versicherte sogar fünfeinhalb Wochen.

Als eine Ursache für die langen Fehlzeiten sehen die Psychotherapeuten wachsende Anforderungen im Job. Besonders häufig führe eine Vielzahl von verantwortlichen Aufgaben unter Zeitdruck zu psychischer Belastung. Beschwerden häuften sich, wenn dazu noch schlechter Lohn, wenig Anerkennung für die Arbeit, kaum persönliche Wertschätzung und minimale Aufstiegschancen kämen. Nicht weniger belastend für die Seele ist es nach der Analyse jedoch gar keinen Job zu haben - oder ständig um den Arbeitsplatz fürchten zu müssen.

Ein entscheidender Faktor für ein Erkrankungsrisiko bleibe bei allen Jobs jedoch, welchen Stellenwert ein Mensch der Arbeit in seinem Leben einräume, betonte Richter. Arbeitnehmer, die in ihrer Partnerschaft oder einem Hobby große Erfüllung fänden, litten trotz wenig geliebter Arbeit seltener unter Psycho-Stress.

afp/dpa