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Wissen Nachhilfe für Schüler - Gehirnjogging für Senioren
Nachrichten Wissen Nachhilfe für Schüler - Gehirnjogging für Senioren
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08:23 05.09.2010
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Jennifer schaut konzentriert auf das Blatt Papier, das vor ihr auf dem Tisch liegt. „Wörter mit ck“ steht in großer Schrift darauf, und darunter, etwas kleiner, „Setze die fehlenden Buchstaben ein“. Jennifer fängt langsam an zu schreiben und schaut dann hilfesuchend zu Anneliese Lange hinüber, die neben ihr sitzt. Die Seniorin beugt sich über das Blatt und zeigt der Drittklässlerin geduldig, wie das Wort geschrieben wird. Jennifer lacht, und der Griff um den Stift wird fester und ein wenig selbstsicherer.

Anneliese Lange ist eine von 16 Seniorinnen, die seit Februar in der Osterberg-Grundschule in Garbsen bei Hannover Nachhilfe für Zweit- und Drittklässler anbieten. Einmal die Woche kommen die Rentnerinnen in die Klassenzimmer, essen mit den Schülern zu Mittag und machen sich dann mit ihnen an die Arbeit. Rechnen, Schreiben, Lesen und Malen - auf dem Programm steht, was die Schüler als Hausaufgaben aufhaben.

Organisiert wird die Nachhilfe von der Sozialarbeiterin Karen Bücken-Thielmeyer. „Mir haben viele Seniorinnen gesagt, ich bin fit genug, ich habe Lust, etwas zu machen“, sagt sie. Die Mitarbeiterin des Nachbarschaftsprojekts „Wohnwinkel“ in Garbsen trommelt also eine Gruppe von engagierten Rentnerinnen zusammen - „Komischerweise wollten nur Frauen mitmachen“ -, fragt bei der Osterberg-Grundschule in Garbsen an, und stößt dort auf großes Entgegenkommen.

Der Rektor der Osterberg-Grundschule, Dieter Rohkohl, war von Anfang an begeistert von der Idee der Senioren. „Die Frauen gehen mit großem Engagement auf die Kinder zu.“ Jede von ihnen kümmert sich jeweils nur um einen einzigen Schüler. „Das schätzen unsere Kinder sehr“, sagt Dieter Rohkohl. „Daheim kümmert sich oft keiner so intensiv um sie.“ In den Familien bleibe durch die Arbeit immer weniger Zeit für die Kinder.

Die Ehrenamtlichen in der Osterbergschule sind daher für viele Schüler nicht nur Nachhilfelehrerin, sondern gleichzeitig auch eine Art Ersatzoma. Jennifers Familie kommt aus dem Irak, ihre Großmutter hat sie seit Jahren nicht mehr gesehen. „Manchmal telefonieren wir mit ihr“, sagt die Achtjährige. „Aber nicht so oft.“ Umso mehr freut sie sich auf das Treffen mit Anneliese Lange. „Mit ihr macht es Spaß.“

Professionelle Nachhilfe sei dagegen für viele Familien schlicht nicht zu finanzieren, sagt Dieter Rohkohl. Hinzu komme, dass sich bei manchen Eltern auch die Erziehungskompetenzen zurück entwickelten. „Was früher selbstverständlich war - dass man sich hinein empfindet in das Kind, dass man sie mit Sorgfalt bei den Hausaufgaben anleitet - das zerfällt immer mehr.“ Gemeinsam mit dem Förderverein und dem Jobcenter in Garbsen will die Grundschule das Projekt nun ausbauen. Zwei arbeitslose Mütter sollen für jeweils 20 Stunden pro Woche angestellt werden, um die Seniorinnen bei ihrer Nachhilfe zu unterstützen.

Für Karen Bücken-Thielmeyer ist das ein kleiner Trost, denn das Projekt Wohnwinkel - der eigentliche Initiator für die Seniorinnennachhilfe - läuft im Oktober aus. 2008 war der Nachbarschaftstreff in Garbsen von der Region Hannover ins Leben gerufen und mit Geldern aus Bundesmitteln finanziert worden. Diese werden nun eingestellt. Ziel sei es gewesen, Projekte und Initiativen anzustoßen, die dann auf eigenen Beinen stehen sollten, heißt es dazu bei der Region. Die Garbsener haben nun kurzerhand einen Verein gegründet, um den Wohnwinkel am Leben zu erhalten.

Anneliese Lange ist froh, dass dadurch auch das Projekt in der Grundschule weitergeht. Die Nachhilfe gebe ihr das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun und gebraucht zu werden, sagt sie. „Es macht mir einfach Spaß, den Kleinen zu helfen.“ Und es hält sie fit: „Letztes Mal haben Jennifer und ich regelrecht um die Wette gerechnet. Das war richtiges Gehirnjogging.“ Dafür lässt die 77-Jährige auch mal ihre Stunde im Fitness-Center ausfallen.

dpa