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Auetal Das Geheimnis der Kapelle: Sakralbau in Rehren gilt als Kleinod
Schaumburg Auetal Das Geheimnis der Kapelle: Sakralbau in Rehren gilt als Kleinod
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11:17 29.01.2020
Hinter einem Stein im Altar verbirgt sich die Öffnung mit der Reliquie – ein jahrhundertealtes Fingerknöchelchen. Quelle: Thomas Wünsche
Rehren

Wer sich dem schlichten Gotteshaus am Kapellenweg in Rehren nähert, sieht auf den ersten Blick, dass der Ort etwas Besonderes hat. Der auf einem kleinen Hügel errichtete Sakralbau wirkt, als läge er auf einer Warft, einem aus Erde aufgeschütteten Siedlungshügel, wie er die Menschen an der Küste seit Jahrtausenden vor Sturmfluten schützt.

Der Kapellenweg und die Straße Zum Wischfeld fließen links und rechts daran vorbei, als wären sie Wasserläufe. Ein Ort, wie aus der Welt gefallen. Tatsächlich ist das um die Mitte des 15. Jahrhunderts als Wehr- und Wallfahrtskapelle errichtete Gemäuer dafür gebaut, Gläubigen Schutz in den Sturmfluten des Lebens zu bieten.

Auf dem Pilgerpfad LoccumVolkenroda unterwegs

Das Kleinod wird bis heute jährlich von Hunderten besucht, die auf dem Pilgerpfad LoccumVolkenroda unterwegs sind. Ilsa Tebbe, die direkt neben der Kapelle wohnt, ist der gute Geist des Gotteshauses. Sie besitzt seit 45 Jahren den Kirchenschlüssel und drückt den Pilgern seit 15 Jahren den Stempel in den Pass; er zeigt eine stilisierte Taube als Symbol für den Heiligen Geist, wie sie auch in einem Kapellenfenster zu sehen ist.

Ab und an entfernt Tebbe den Sandstein, der eine Öffnung an der Stirnseite des Altars verschließt; der besteht aus Obernkirchener Sandstein, einst mit Ochsenkarren aus dem Bückeberg nach Rehren gewuchtet. In der Öffnung befindet sich in einem uralten Gefäß aus Siegburger Steinzeug eine mittelalterliche Reliquie – ein Knöchelchen, das in ein Stück grünen Seidentuchs gewickelt ist.

Doch ob er die Reliquie gesehen hat oder nicht: Kein Pilger verlässt die Kapelle, ohne von Ilsa Tebbe ein selbst gestricktes Söckchen in die Hand gedrückt zu bekommen, in dem ein handgeschriebener Segensspruch steckt. Sage und schreibe 350 Exemplare dieser Segenssöckchen werden von einem Frauenkreis um Tebbe jedes Jahr produziert.

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Mehr als 600 Jahre Plünderungen und Diebstählen getrotzt

„Highlights“ oder besser Glanzlichter gibt es in dem Gotteshaus nur wenige; der Sakralbau wirkt durch seine Lage und seine Schlichtheit. Ins Auge fallen allein drei aus Holz geschnitzte Heiligenfiguren, von denen die erste Maria, die zweite Katharina und die dritte eine nicht näher zu identifizierende Frau darstellt. Alle drei gehörten zu einem spätgotischen Altarschrein, stammen in etwa aus der Entstehungszeit der Kapelle und sind erst vor einigen Jahren restauriert worden.

Ebenso alt sind die Leuchter auf dem Altar. Wie durch ein Wunder haben alle diese Dinge mehr als 600 Jahre Plünderungen und Diebstählen getrotzt. Bekannt ist über die Geschichte des Rehrener Gotteshauses nicht viel. Das wenige, was überliefert ist, hat der damalige Hauptlehrer Karl Dörbecker anlässlich der Sanierung des Gebäudes 1958 zusammengetragen; dabei fand sich auch besagte Reliquie.

Gottesdienste wieder ab 1900

Bezeugt ist demnach eine erste Sanierung 1608. Dabei wurde der Eingang der Kapelle von der Süd- auf die Nordseite verlegt. Der alte Eingang wurde zugemauert, zeichnet sich aber noch heute gut sichtbar an der Außenfassade ab. Jahrhundertelang wurde die Kapelle danach nicht mehr als Sakralbau genutzt; warum, ist unklar.

Erst um 1900 herum fanden auf Anregung eines Pfarrers aus Hattendorf alle 14 Tage wieder Gottesdienste statt. Zu jener Zeit erhielt die Kapelle eine Decke aus einfachen Fußbodendielen. Doch es sollte noch ein halbes Jahrhundert vergehen, ehe die Rehrener Kapelle ihr heutiges Gesicht erhielt.

Sammlung in der Gemeinde bracht 6500 Mark für Sanierung

Möglich machte das eine Sammlung in der Gemeinde, die Mitte der Fünfzigerjahre eine Summe von 6500 Mark erbrachte; weitere 9000 Mark gab die Landeskirche dazu. Das reichte am Ende für ein neues Gestühl, eine neue Kanzel, einen festen Boden aus Sandstein sowie eine moderne Heizung und Beleuchtung.

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Die um die Jahrhundertwende eingebaute Dielendecke wurde wieder entfernt, die Balken wurden freigelegt und die Felder mit Putz versehen. Zudem erhielt der Eingang einen Windfang, der Aufgang zum Glockenturm eine neue Holzverkleidung. Die Kanzel der Kapelle wurde von der Süd- auf die Nordseite verlegt und an der Westseite des Sakralbaus ein Harmonium aufgestellt.

Das gotische Fenster an der Ostseite hinter dem Altar, das bis 1958 zugemauert war, bekam im Zuge der Arbeiten eine Bleiverglasung; in leuchtenden Farben zeigt sie die biblische Pfingstgeschichte mit der Ausgießung des Heiligen Geistes. Außerdem schaffte die Gemeinde noch ein neues Altarkreuz an. Sämtliche Tischler-, Maler-, Maurer- und Elektroarbeiten übernahmen Betriebe aus dem Auetal, mit Masse aus Rehren selbst.

Zahn der Zeit bleibt nicht spurlos

Zur 800-Jahr-Feier des Auetals im Jahr 1982 wurde schließlich ein altes, direkt an die Kapelle angrenzendes Haus abgerissen und an seiner Stelle gemeinsam mit den Vereinen des Ortes die Grünanlage geschaffen, die die Kapelle heute umgibt. Sie trägt dazu bei, dass die aus Feldsteinen gemauerte Giebelfront und das Spitzbogenfenster gut zur Geltung kommen und schon von Weitem sichtbar sind.

Allerdings: Gut 60 Jahre nach seiner letzten Sanierung sieht man dem Sakralbau heute an, dass der Zahn der Zeit nicht spurlos an ihm vorbeigegangen ist. Christa Sahlfeld berichtet denn auch, dass in der nächsten Zeit Sanierungsmaßnahmen anstehen. Der Dachboden, so die Vorsitzende des Kirchenvorstandes, muss gesichert werden, er ist zurzeit nicht begehbar.

Außerdem müssen die Elektrik und die Heizung erneuert werden – was wohl eine weitergehende Sanierung des Innenraumes nach sich ziehen wird.

Öffnungszeiten: Für Besucher geöffnet ist die zur evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Hattendorf gehörende Kapelle Rehren zwischen Ostern und Ende Oktober in der Regel von 9 bis 18 Uhr; Sonderöffnungszeiten sind auf Anfrage möglich. Jeden ersten Sonntag im Monat findet dort ab 10 Uhr ein Gottesdienst statt. Kontakt: Familie Sahlfeld/Tebbe, Telefon (05752) 1571 und (05752) 611. von Thomas Wünsche

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