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Auetal Dem Schicksal ergeben
Schaumburg Auetal Dem Schicksal ergeben
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23:05 12.08.2019
Wer stundenlang im Stau steht, richtet sich sogar auf einer Autobahn irgendwann häuslich ein. Quelle: mld
Auetal

Dieser Montagmorgen hätte eigentlich ganz normal sein sollen: Rauf auf die A 2, 20 Minuten lang draufbleiben, in Bad Eilsen-Ost abfahren, und schon beginnt der Redaktionsalltag in Rinteln. Doch kaum rauscht die Abfahrt Lauenau an meinem Autofenster vorbei, kommt die Durchsage im Verkehrsfunk: Vorsicht, brennender Lkw zwischen Lauenau und Rehren, drei Kilometer Stau.

Kein Problem, denke ich mir, doch dann wird der Verkehr langsamer. Erst sehe ich Warnblicklichter, dann Bremslichter, bis schließlich alles steht. Hier sind wir jetzt also, eine Gemeinschaft, die keine ist, sondern viele Einzelpersonen in ihren Blechkästen, zusammengeschweißt durch ein Ereignis: Weil ein Lkw Feuer gefangen hat, wird die Autobahn gesperrt. Und wir sind mittendrin zwischen der Sperrung und der rettenden Ausfahrt.

 9.30 Uhr:
Die Autobatterie schonen? Von wegen. Wie aus Trotz dreht der Geschäftsmann aus dem Landkreis Oder-Spree sein Autoradio auf volle Lautstärke. Merkwürdige Charthits und angebliche Klassiker der Achtziger dröhnen durch die Luft. Die Verkehrsnachrichten geben immer noch durch, dass es Stau gibt auf unserer A 2.
Die Hoffnung stirbt zuletzt: Vielleicht geht es gleich weiter? Alle drehen ihre Fenster herunter. Bei 25 Grad und Sonne wird es in den Autos allmählich warm. Mehr aus Langeweile denn aus Hunger sichte ich die Vorräte: Wasser, ein altes Franzbrötchen, Weintrauben. Ich beginne zu frühstücken, da schießt mir ein Gedanke durch den Kopf: Sollte ich meine Vorräte lieber einteilen, für harte Zeiten?

Auf der Autobahn 2 im Auetal ist am Montagmorgen ein Lkw komplett ausgebrannt. Die Feuerwehren aus Schaumburg wurden sofort alarmiert. Dass das Fahrzeug samt Ladung ausbrannte, konnten sie aber nicht verhindern.

 9.53 Uhr:
Mein Handy klingelt, unser Fotoreporter ist dran: „Das wird dauern“, sagt er, denn er steht an der Unfallstelle und macht Fotos für die Berichterstattung. Die Redaktion weiß Bescheid, Kollegen wünschen „viel Glück“. Wie schlägt man also die Zeit tot, ohne den Motor laufen zu lassen? Ich scrolle durch Nachrichtenapps, lese Instagram-Posts und schreibe willkürlich Nachrichten an Freunde, die antworten: „Hättest du nicht vorher abfahren können?“ Danke für den Hinweis…

 10.30 Uhr:
Es wird Zeit, sich auf der Autobahn häuslich einzurichten. Erst sind es die Brummifahrer, die sich zum Pinkeln aufs benachbarte Feld trauen, später sind es auch die Geschäftsmänner und Frauen, die doch eigentlich nur in den Urlaub an die niederländische Küste wollten. Der Klempner aus Mannheim zwei Autos hinter mir fängt an, seinen Bulli umzuräumen. Aus lauter Langeweile fange ich an, nachzusehen, wie tief das Profil meiner Reifen noch ist und wie lang die Fahrradtour vom letzten Wochenende war.

 11.15 Uhr:
Nach und nach scheinen sich die Menschen ihrem Schicksal zu ergeben. Sie stehen zusammen und rauchen oder setzen sich auf die Fahrbahn für ein frühes Mittagessen. Der Pfälzer Senior im Touran neben mir erzählt, wie schön seine Heimat ist und dass er übers Wochenende in Bad Nenndorf und am Steinhuder Meer war. Aal mag er nicht, aber die Landschaft findet er schön, und „Steinhuud“ sei ja so ein schönes Städtchen. Seine Frau seufzt: „Hätte ich bloß mal meine Bügelwäsche dabei gehabt! Die wär jetzt gebügelt!“

 12.02 Uhr: Mein Kollege ruft an: „Hier vorne rollt es wieder!“ Meiner Schicksalsgemeinschaft teile ich die große Nachricht mit. Wir wollen es noch nicht richtig glauben – doch eine halbe Stunde später rollt der Verkehr tatsächlich wieder. Kurz sehe ich noch den Pfälzer in meinem Rückspiegel winken, dann setzt er seinen Weg fort. 500 Kilometer hat das Paar noch vor sich, ganz ohne Bügelwäsche. Ich hoffe, die beiden sind staufrei angekommen. von Marieluise Denecke

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