Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Auetal Ein Tag mit einem "Gelben Engel"
Schaumburg Auetal Ein Tag mit einem "Gelben Engel"
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:29 17.03.2019
Unfall bei Blyinghausen: Der Pannenhelfer räumt Trümmer von der Fahrbahn und schleppt die Wracks ab. Quelle: leo
Rehren

Baczkowski ist im Auftrag des ADAC unterwegs. Ein Hinweiston erklingt, der Tablet-Computer auf der Mittelkonsole des Brummis leuchtet auf. „Ein neuer Auftrag“, sagt Baczkowski. Der Pannenhelfer hat gerade seine 24-Stunden-Schicht begonnen. Der erste Einsatz an diesem Tag führt den Obernkirchener nach Rinteln. Die ADAC-Zentrale hat ihm erste Informationen auf den Computer gesendet. „Der Fahrer eines Kastenwagens hat um Hilfe gebeten. Die Motorkontrollleuchte leuchtet, der Wagen fährt nicht mehr“, sagt Bacz-kowski. Mehr weiß der Experte noch nicht.

Der Pannenhelfer steuert den tonnenschweren Abschleppwagen über den sogenannten „Auetal-Highway“ zum Einsatzort. Dort wartet der Fahrer eines Paketwagens bereits sehnsüchtig auf den „Gelben Engel“. Sein Ford Transit springt nicht mehr an. Baczkowski muss den Wagen nicht vor Ort unter die Lupe nehmen. Der Fahrer des Paketwagens vermutet, dass sein Wagen einen Motorschaden hat. Er möchte, dass der Lieferwagen abgeschleppt wird. Der Kastenwagen ist sehr lang. „Gut, dass wir mit dem großen Abschleppfahrzeug gekommen sind. Der Wagen passt gerade so auf die Ladefläche“, murmelt Baczkowski.

Der 28-Jährige drückt am Heck des Abschleppwagens einen schwarzen Hebel herunter. Ruckend setzt sich das Plateau, auf das der Havarist gestellt werden soll, in Bewegung. Ganz langsam fährt die Ladefläche nach hinten und senkt sich dann über dem Asphalt ab. Pannenhelfer Baczkowski zieht die Seilwinde heraus und befestigt den Haken des Stahlseils am Fahrzeug. Dann spannt Baczkowski das Seil an. Langsam rollt der Wagen auf die steile Ladefläche des Abschleppwagens. Der 28-Jährige gibt dem Paketwagen-Fahrer mit der Hand ein Zeichen. Der muss lenken, damit der Wagen richtig auf dem Abschlepper steht. „Ein bisschen weiter nach rechts“, ruft Baczkowski dem Fahrer zu – dann passt es.

Papierkram gehört dazu

Mit Spanngurten sichert er den Havaristen auf dem ADAC-Fahrzeug. Was folgt, ist Papierkram. Dann bringt der Abschleppwagenfahrer den defekten Kastenwagen nach Bückeburg zu einer Werkstatt. „Der Fahrer hat Glück gehabt: In drei Tagen läuft die Garantie für den Ford ab“, sagt er unterwegs und lacht.

Kaum hat Baczkowski den Wagen in Bückeburg abgeladen, leuchtet sein Tablet-Computer wieder auf. Rund alle zwei Minuten geht in Niedersachsen ein Notruf beim ADAC ein. Im vergangenen Jahr halfen die „Gelben Engel“ 309017-mal Autofahrern in Niedersachsen.

Weiter geht’s. „In Rehburg-Loccum hat jemand Probleme mit seinem Nissan Micra – der Wagen springt nicht an“, erzählt Baczkowski und drückt aufs Gas. Der Auto-Experte vermutet, dass die Batterie schlappgemacht hat. Das ist mit 42 Prozent die häufigste Pannenursache. Probleme mit Motor oder Motormanagement, wie etwa der Einspritzung, Zündung oder Sensorik, folgen in der Statistik mit 19 Prozent. Gut zehn Prozent der Hilfsleistungen betrafen im vergangenen Jahr den Generator, Anlasser, die Beleuchtung oder die Verkabelung. Zu sieben Prozent waren die Reifen für Pannen verantwortlich.

Helfer in der Not

Nach rund einer halben Stunde Fahrt, kommt der ADAC-Mitarbeiter am Einsatzort an. Der Mann wartet schon auf den Helfer in der Not. Braczkowski setzt sich in den Kleinwagen und versucht, ihn anzulassen. Der Wagen gibt aber keinen Ton von sich. Der Pannenhelfer holt den Booster vom Abschlepper. In dem kleinen roten Koffer befindet sich eine starke Batterie. Rechts und links sind Kabel. Die klemmt der 28-Jährige an die Autobatterie des Micra. Rot auf Rot, Schwarz auf Schwarz. Der Fahrer des Micra dreht währenddessen den Zündschlüssel um. Der Motor stottert zunächst nur, geht dann aber doch brummend an. Baczkowski hat dem Micra-Fahrer ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert. „Vielen Dank“, sagt der Mann glücklich. Er hatte schon befürchtet, dass das Auto einen größeren Schaden hat. Sein Tipp: „Fahren Sie jetzt eine Stunde lang mit dem Wagen, dann müsste sich die Batterie wieder aufgeladen haben. In der Werkstatt sollten sie die Batterie aber noch durchchecken lassen“, sagt der Gelbe Engel.

Baczkowski liebt seinen Beruf. „Pannenhelfer ist der beste Job der Welt“, sagt er auf der Rückfahrt nach Rehren zum ADAC-Stützpunkt. Bevor der Obernkirchener als Pannenhelfer im Auetal angefangen hat, war er als Brummi-Kapitän unterwegs. Auch wenn der Beruf gefährlich sei, kann sich der 28-Jährige keinen anderen Job mehr vorstellen. „Ich freue mich, Menschen helfen zu können“, sagt er.

Als er sich Stadthagen nähert, fallen ihm schon von Weitem Blaulichter auf. Auf der Kreuzung bei Blyinghausen hat sich ein Unfall ereignet. Später stellt sich heraus: Die Fahrerin eines BMW soll einen von Stadthagen kommenden Mercedes übersehen haben, als sie die Kreuzung queren wollte. Der Aufprall war heftig. Die Straße ist mit Trümmern übersät. Die Mercedes-Limousine liegt im Graben, die Vorderachse ist gebrochen. Aus dem BMW-Geländewagen laufen Öl und Kühlflüssigkeit aus.

Orangefarbene Rundumlichter

Baczkowski schaltet sofort die orangefarbenen Rundumlichter seines Bergungsfahrzeuges ein und steigt aus. Er fragt nach, ob er helfen kann. Noch wurde kein anderer Abschleppdienst verständigt. Der 79 Jahre alte Fahrer der Limousine ist langjähriges ADAC-Mitglied. „Für ihn sind die Bergung und der Transport zu einer Werkstatt kostenlos“, sagt Baczkowski. Auch den BMW, der auf der Kreuzung steht, wird er abschleppen. Die 64-jährige Fahrerin hingegen muss die Kosten für das Abschleppen bezahlen – sie ist nicht Mitglied in dem Automobil-Club.

Während sich der BMW schnell aufladen lässt, gestaltet sich die Bergung des Mercedes schon etwas schwieriger. Der Vorderreifen dreht sich nicht mehr und der Graben ist tief. Routiniert greift Baczkowski zur Seilwinde. Damit zieht er den Unfallwagen aus der Vertiefung und auf das Plateau des Bergungsfahrzeuges. Die Wracks bringt der 28-Jährige zu Werkstätten in Stadthagen. Zuvor räumt er aber noch die Trümmer von der Fahrbahn. „Auch das gehört zum Job dazu“, so Baczkowski.

Als es bereits dunkel wird, stauen sich die Aufträge. Mehrere Einsätze stehen auf dem kleinen Tablet. Als Nächstes muss Baczkowski nach Niedernwöhren fahren. Hier lässt sich die Lenkradsperre eines Autos nicht lösen. VON LEONHARD BEHMANN