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Auetal Hoffnungsträger: Planungen für Bahn durchs Auetal begannen vor 125 Jahren
Schaumburg Auetal

Hoffnungsträger: Planungen für Bahn durchs Auetal begannen vor 125 Jahren

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09:14 06.07.2020
„Nicht vor meiner Höhle: Kein ICE im Auetal“: So protestiert die Bürgerinitiative aktuell gegen die geplante ICE-Trasse bei Bernsen. Vor mehr als 100 Jahren waren die Planungen für eine Kleinbahn durchs Auetal jedoch gewollt. Quelle: tw
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Auetal/Rinteln

„Die Bahn kommt – hier nicht durch!“ Oder „Nicht vor meiner Höhle: Kein ICE im Auetal“: Transparente wie diese gibt es aktuell im Auetal viele.

Sie sind Ausdruck der Ängste zahlreicher Bürger vor dem Neubau einer ihrer Ansicht die Landschaft verschlingenden ICE-Trasse der Deutschen Bahn AG mitten durch die Idylle. Wenig bekannt ist indes, dass die Einstellung einer ganzen Generation von Auetalern zum Thema Bahn einmal eine ganz andere war.

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Vor 130 Jahren

Fast 130 Jahre ist es her, da war ein Schienenstrang durch das Auetal die große Hoffnung der Gemeinden. Allerdings ging es dabei nicht um eine Mammut-Trasse mit Highspeed-Zügen, von der die Anwohner nichts erwarten als Lärm und Landschaftsverlust. Es ging um eine beschauliche lokale Kleinbahn, die die Region wirtschaftlich voranbringen sollte – die sogenannte Auetalbahn.

Karl-Heinz Schneider vom Historischen Seminar der Leibniz Universität Hannover, ausgewiesener Kenner der Geschichte vor Ort und Autor einer Legion von Schriften mit Bezug zu Schaumburg, hat ihre Geschichte recherchiert.

Schneider war seit 1994 Wissenschaftlicher Mitarbeiter für Angewandte Regionalgeschichte an der Universität Hannover, betreute von 1991 bis 1994 das Forschungsprojekt „Schaumburg in der Industrialisierung“ und habilitierte sich 1997 für Neuere und Neueste Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der Regionalgeschichte.

Strukturelle Veränderungen im Übergang zur Industriegesellschaft

Das Gros der bislang bekannten Daten und Fakten dazu hat der Historiker in den Büchern „Schaumburg in der Industrialisierung“, Band I und II, erschienen 1994/95 als Ausgaben Nr. 52 und 53 der Schaumburger Studien, veröffentlicht. Ein bemerkenswertes Kapitel darin dreht sich auch um sie – die Auetalbahn.

„Das Auetal zwischen Buchholz und Rodenberg hatte im 19. Jahrhundert besonders unter den strukturellen Veränderungen im Übergang zur Industriegesellschaft zu leiden gehabt. Industrie fehlte völlig, lediglich die in Obernkirchen beheimateten Industrien (Bergbau, Glasindustrie und Steinbrüche) boten für minderqualifizierte Arbeiten einen gewissen Ersatz“, weiß Schneider.

Zwar habe sich im Auetal seit den 1850er Jahren eine zunehmend leistungsfähige Landwirtschaft entwickelt, doch die Erschließung des Gebietes für den Verkehr sei „unzureichend“ gewesen, da es von allen in Frage kommenden kleinstädtischen Zentren wie Stadthagen und Rinteln relativ weit entfernt gelegen und es keinen bedeutenden Durchgangsverkehr gegeben habe.

Diskussion über die Anlage der Auetalbahn

„Insofern lag der Gedanke einer Kleinbahn durch das Auetal nahe“, heißt es in dem Buch. Allerdings, so der Historiker, sei es auch klar gewesen, dass das Verkehrsbedürfnis nur lokalen Charakter gehabt habe und „höchstens mit dem der Steinhuder Meer-Bahn verglichen werden konnte“. Die Ausführung hätte aber im Gegensatz zu dieser aufgrund der Topografie aufwendiger gestaltet werden müssen.

Schneider: „Im Rahmen der Bahnplanungen im Bereich HannoverLauenau–Haste in den 1890er Jahren wurde von der Königlichen Eisenbahndirektion Hannover 1895 ein Entwurf für eine Kleinbahn Rodenberg – Steinbergen vorgelegt.“

Dabei sei es zunächst geblieben; erst ab 1900 habe eine erneute Diskussion über die Anlage der Auetalbahn eingesetzt. „Sie wurde hauptsächlich von dem auf Bodenengern wohnenden und in Hannover als Rechtsanwalt tätigen Justizrat Freudenstein forciert, der als Vorsitzender eines Komitees für eine Nebenbahn von Buchholz nach Rodenberg (oder Lauenau) fungierte“, heißt es in dem Buch weiter. Freudenstein sei es sogar gelungen, die Auetaler Gemeinden zur Zeichnung von Geldern zu bewegen, um Vorarbeiten durch die Westdeutsche Eisenbahngesellschaft erbringen zu lassen.

Fragwürdige Argumentation

Für eine rentable Betriebsführung sei das Verkehrsaufkommen im Auetal aber zu gering gewesen. „Da das auch den Befürwortern des Projekts bekannt war, argumentierten sie damit, dass nach dem zeitweiligen Aufschub des Mittellandkanals ein überregionales Verkehrsbedürfnis bestünde und durch die Auetalbahn die Strecke zwischen Löhne und Hannover gegenüber MindenHannover entscheidend verkürzt werden könne“, so Schneider.

Diese Argumentation sei jedoch fragwürdig gewesen – und von der Königlichen Eisenbahndirektion Hannover auch als unrealistisch bewertet worden. „Dennoch“, so der Historiker, „wurde sie vom Landrat und Regierungspräsidenten übernommen.“ Die Vorarbeiten der Westdeutschen Eisenbahngesellschaft hätten aber schon kurz darauf die Unwirtschaftlichkeit der Pläne bloßgelegt. Der Versuch Freudensteins, den Kreistag zur Übernahme der Bahn zu bewegen, sei 1904 gescheitert. „Mit dem Bau der Bahn Münder–Bad Nenndorf verlor eine Auetalbahn jegliche Bedeutung“, fährt das Buch fort.

Ausbruch des Ersten Weltkrieges beendete Planung der Auetalbahn

Gleichwohl sei im März 1914, angefacht durch Presseberichte, die Diskussion erneut aufgeflammt. Der Historiker: „Dahinter mochten andere Motive stehen, da der nur kurzlebige ,Rintelner Anzeiger‘ massiv für die Bahn warb, während die betroffenen Gemeinden gegen sie Stellung bezogen.“ Inzwischen seien Nebenbahnen dieser Art veraltet gewesen. Bezeichnenderweise sei zu diesem Zeitpunkt schon diskutiert worden, ob nicht statt einer Bahn eine gut ausgebaute Autostrecke durch das Auetal führen solle. Die Planung der Auetalbahn habe sich in die Länge gezogen – bis der Ausbruch des Ersten Weltkrieges ihr schließlich ein unwiderrufliches Ende bereitete.

von Thomas Wünsche