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Auetal Kommt die Milch aus dem Euter, gehört sie der Molkerei
Schaumburg Auetal Kommt die Milch aus dem Euter, gehört sie der Molkerei
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18:47 11.01.2013
 Godlieve Quisthoudt-Rowohl (M.) besuchte mit Landtagskandidat Mike Schmidt (l.) den Hof des Rolfshagener Landwirts Heinrich-Jürgen Ebeling (r.). Quelle: jaj
Rolfshagen (jaj)

Sie habe einmal eine solche Theorie gehört und auch in dem Rolfshagener Kuhstall sei ja leise ein Radio zu hören. „Naja, es ist eher so, dass die Melker gerne Musik hören“, antwortete Ebeling und lachte. Alles andere könne er aber nicht bestätigen, auch den oft angesprochenen positiven Einfluss von klassischer Musik – den er durchaus schon einmal ausprobiert habe – nicht. Weder im Bezug auf die Kühe, noch auf die Melker.

 Quisthoudt-Rowohl, die vom CDU-Landtagskandidaten Mike Schmidt begleitet wurde, ging nicht nur mit offenen Augen und Ohren durch den Stall der Ebelings, sie war auch bestens auf das Gespräch mit dem Landwirt vorbereitet, an dem auch andere Landwirte der Region und Vertreter des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter (BDM) teilnahmen. „Das Gespräch gehörte zu den Top Ten der Politiker-Gespräche, die ich bisher geführt habe“, sollte Martin Morisse, Mitglied des Bundesvorstands des BDM am Ende des Nachmittags sagen. Doch dazu später mehr, denn bevor das Gespräch auf die EU-Politik kam, verschaffte sich die Politikerin zunächst vor Ort einen Einblick davon, wie Milchbauern arbeiten.

 Sie erfuhr beispielsweise, dass eine Kuh durchschnittlich 29 Liter Milch pro Tag gibt. Spitzenkühe würden in der Hochlaktation, also in der Phase, in der sich die Milchproduktion auf ihrem Höhepunkt befindet, sogar 50 Liter geben, erklärte Ebeling. Und das sei auch der Grund, aus dem Milchkühe um das Becken herum oft ein bisschen eingefallen aussehen. „So viel Milch können wir gar nicht erfüttern“, sagte der Landwirt.

 Futter war dann auch gleich das nächste Stichwort. Kühe brauchen viel Eiweiß, damit sie gute Milch geben können, erklärte Ebeling. Im Moment werde dieses Eiweiß durch Rapsschrot zugefüttert, das der Betrieb aus Raps gewinnt, der auf eigenen Feldern angebaut wird. „Im Moment sinkt der Preis für Sojaschrot aber“, erklärte er. Und das würde den Landwirt, dessen Sohn Henrik ebenfalls Landwirt ist und den Betrieb eines Tages übernehmen wird, zum Überlegen zwingen: Sollen sie den Rapsschrott, der vor der eigenen Haustür wächst, gegen Sojaschrot austauschen, der erst importiert werden müsste?

 Und schon war die Gruppe mitten drin im Thema des Nachmittags: Der Notwendigkeit der Bauern, immer günstiger zu produzieren, um noch wirtschaftlich arbeiten zu können. Inwieweit das möglich ist, hängt zu einem großen Teil von der EU ab, denn diese steuert durch ihre Entscheidungen nicht nur den Markt in Deutschland, sie beeinflusst auch den europäischen Markt und sogar den Weltmarkt.

 Im Moment wird durch die Milchquote, die 1984 von der EG eingeführt wurde, geregelt, wie viel Milch die Mitgliedsländer produzieren dürfen. In Deutschland wurde die Gesamtmenge auf die einzelnen Milchbauern verteilt. Jeder Landwirt darf also nur so viel Milch produzieren, wie von seiner Abgabe gedeckt wird. Produziert er mehr, muss er Abgaben zahlen, die die Produktion unwirtschaftlich machen.

 Die EU hat nun beschlossen, die Milchquote im Jahr 2015 abzuschaffen. Die Landwirte dürften dann wieder so viel Milch produzieren, wie sie wollen, müssten sie dann aber auch an einem freien Markt anbieten. Und genau hier sieht der BDM ein großes Problem, das die Vertreter am Donnerstag auch der Europaabgeordneten verdeutlichten.

 Deutsche Milchbauern können bisher nämlich nicht frei mit den Molkereien über den Preis verhandeln, den sie für ihre Milch bekommen, erläuterte Bundesvorstand Morisse. Grund dafür sei das „Milch- und Fettgesetz“, das 1932 erlassen wurde und bis heute gültig ist. „Durch das Gesetz ist jeder Liter Milch, sobald er das Euter der Kuh verlässt, Eigentum der Molkerei“, erläuterte er. Die Molkereien seien im Gegenzug verpflichtet, die Milch abzunehmen, zu verarbeiten und nachträglich zu honorieren.

 „Mit Marktwirtschaft hat das nichts zu tun“, so Morisse. In Deutschland stünden etwa 68000 Milcherzeugern 100 Molkerein und zehn große Discounter als Abnehmer gegenüber. „Die Discounter diktieren den Preis, die Molkereien decken ihre Kosten und die Landwirte bekommen als Erzeuger nur das, was übrig bleibt“, verdeutlichte auch Johanna Böse-Hartje, Landesvorsitzende des BDM Niedersachsen. Dies sei eine Rückwärtskalkulation. „Es müsste umgekehrt sein.“

 Die Frage der Abgeordneten, ob die Landwirte dafür seien, dass Erzeugergemeinschaften zukünftig von allen Mitgliedsstaaten akzeptiert werden sollen, und ob das die Position der Landwirte gegenüber den Molkereien stärken würde, beantworteten deshalb beide mit einem ganz klaren „Ja“. Morisse forderte außerdem, dass die Absprachen, die die länderübergreifenden Erzeugergemeinschaften mit den Molkereien aushandeln, dann auch Allgemeingültigkeit erlangen. Sie sollen also auch für die Länder und Betriebe gelten, die nicht in diesen Erzeugergemeinschaften organisiert sind. Es dürfe nicht sein, dass es dann Länder gebe, die ihre Milch zu einem deutlich niedrigeren Preis als dem ausgehandelten anbieten.

 „Und natürlich muss das 1932 erlassene Gesetz abgeschafft werden“, forderte Morisse. Die Landwirte bräuchten einen Markt vor den Molkereien. „Wir wollen keine Millionäre werden, aber kostendeckend produzieren“, verdeutlichte er. Und das sei bei einem Milchpreis von derzeit etwa 32 Cent, den die Molkereien pro Liter Milch zahlen, einfach nicht möglich.