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Bückeburg Ortsteile Fünfte Barocktage mit Pulverdampf und Kanonendonner
Schaumburg Bückeburg Bückeburg Ortsteile Fünfte Barocktage mit Pulverdampf und Kanonendonner
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19:59 08.09.2019
Ein adliges Baby mit Amme, Kindermädchen und Spielgefährten, dargestellt von diversen Rollenspielern im Goldenen Salon. Quelle: jp
BÜCKEBURG

„Jetzt wird’s aber ernst mit dem No-Deal-Brexit – und das direkt vor unserer Haustür“, hat Hausherr Alexander zu Schaumburg-Lippe auf Facebook gewitzelt, als britische, hessische, schaumburg-lippische und französische Infanteristen – verteilt auf beiden Seiten des Schlossgrabens – mit großem Getöse ihre Gewehre haben sprechen lassen.

Zwei Tage wurde auf Schloss Bückeburg wieder die Zeit des Siebenjährigen Krieges lebendig, jenes ersten wirklichen Weltkrieges der Menschheitsgeschichte, bei dem sich auf dem europäischen Kriegsschauplatz Preußen und Briten auf der einen sowie Österreicher, Franzosen, Russen und Sachsen auf der anderen Seite gegenüberstanden.

Schlacht bei Minden

Zentrale historische Kulisse der Barocktage war wie vor zwei Jahren die Schlacht bei Minden: Die Weserstadt war am 10. Juli 1759 – somit vor nahezu genau 260 Jahren – durch Verrat an die französische Rheinarmee gefallen. Daraufhin hatten die Truppen des französischen Befehlshabers Marquis Louis-Georges-Erasme de Contades diverse umliegende Orte besetzt, darunter auch Bückeburg, und bedrohten nun direkt das britische Kronland Hannover.

Am 1. August 1759 schlugen die aus Richtung Osnabrück heranrückenden preußisch-britischen Truppen unter dem Herzog Ferdinand von Braunschweig-Lüneburg die Franzosen und zwangen sie zum Rückzug nach Kassel. Maßgeblichen Anteil am Sieg hatte dabei der schaumburg-lippische Graf Wilhelm, der die Artillerie befehligte.

In keinem Geschichtsbuch

Ob es beim Abzug der französischen Besatzungen aus Bückeburg ebenfalls zu Kämpfen kam, ist nicht überliefert. Historiker Marcus Stickdorn, künstlerischer Leiter der Barocktage, hält es für gut möglich: „Große Schlachten wie die bei Minden sind nur ein winziger Ausschnitt. Die Masse des Krieges bestand aus kleineren Feuergefechten, an die sich heute niemand mehr erinnert und die in keinem Geschichtsbuch auftauchen.“

Die Barocktage auf Schloss Bückeburg zeigten daher eine solche kleine, historisch nicht belegte Auseinandersetzung zwischen französischen Truppen, die Schloss Bückeburg besetzt halten, und Alliierten, die vom Kriegsschauplatz Minden zurückkehren. „So etwas wie die Schlacht bei Minden selbst mit rund 100000 Soldaten könnten wir nie darstellen. Wir zeigen daher das übrige Bild des Krieges, denn auch dort wurde gekämpft und gestorben.“

Für die „Lebendigen Barocktage“ habe man sich den 11. Juli sowie den 1. August 1759 herausgegriffen, also die Tage der Ankunft und des Abzuges der Franzosen, so Stickdorn, der selbst in der Rolle des Johann-Heinrich Krückeberg, Capitaine beim schaumburg-lippischen Artillerie-Corps, die Rückeroberung des Schlosses befehligt. Das sei in diesem Jahr noch einmal aufwendiger inszeniert worden als vor zwei Jahren, als „nur“ eine französische Schanze im Schlosspark erstürmt worden sei, so Stickdorn.

Mörser im Einsatz

Diesmal kamen zusätzlich zu den schaumburg-lippischen Kanonen auch noch mehrere ebenso lautstarke Mörser zum Einsatz, während britische, hessische und schaumburg-lippische Truppen über die Ponton-Brücke nahe dem Park-Café auf die Schloss-Insel vorrückten und das Fürstendomizil wieder in Besitz nahmen.

Viel zu sehen und zu erleben gab es auch im Innenbereich des Schlosses, wo sich der höfische Adel die Zeit des Wartens auf die Rückkehr ihres Landesherrn mit barockem Tanz, Glücksspiel, Scheibenschießen sowie Fechtübungen vertrieb und das Gesinde und das einfache Volk seiner Arbeit nachging. Dazu gab es barocke Musikdarbietungen, Kunstmaler, Tuchhändler, ein Biwak der Truppen, eine Falkenflugdarbietung der Fürstlichen Hofreitschule und vieles mehr.

Dargestellt und interpretiert wurden sämtliche Szenen und Darbietungen ausschließlich von „Reenactors“, also Laiendarstellern, die mit höchstem Maß an Präzision, Authentizität und historischer Detailgenauigkeit eine geschichtliche Epoche wiederauferstehen lassen. Aus diesem Grund war Besuchern auch das Tragen von Kostüm oder Gewandung strikt untersagt: Die historische Szenerie sollte auf keinen Fall verfälscht werden. Von Johannes Pietsch