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Bückeburg Stadt „Elritze“: Geheimprojekt im Berg
Schaumburg Bückeburg Bückeburg Stadt „Elritze“: Geheimprojekt im Berg
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20:10 28.05.2017
Quelle: ly
BÜCKEBURG/KLEINENBREMEN

Viele Bückeburger und Kleinenbremer, Luhdener und Schermbecker fanden dort in den letzten Monaten des Krieges Schutz vor Bombenangriffen. Gegenüber dem Kleinenbremer Brecherturm, auf der anderen Seite der Rintelner Straße, sind noch zwei Eingänge zum Schermbecker Stollen zu sehen, allerdings vergittert. Die Ausbauten unter Tage stehen noch heute, sind aber bis auf einen kleinen Bereich nicht mehr zugänglich.

Wilhelm Gerntrup, früher Ortsheimatpfleger in Kleinenbremen, war bei Kriegsende ein Junge von sieben Jahren, sein Vater Maschinensteiger der Grube „Wohlverwahrt“. Zum Teil aus eigener Erinnerung, teils als Ergebnis seiner Recherchen berichtet er von einem Durcheinander in Bückeburg und Kleinenbremen, wobei das Chaos in der Stadt Bückeburg größer gewesen sein dürfte als im nahen Bergdorf. „In Kleinenbremen war die Organisation Todt unterwegs, Flüchtlinge, militärische Einheiten, zum Teil gab es noch Erzabfuhr, und morgens marschierten Kriegsgefangene aus dem Lager Nammen ins Dorf“, erzählt Gerntrup.

Wenig bekannt

Für den Schermbecker Stollen interessiert sich auch der Verein KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica, speziell Historiker Thomas Lange (thomas.lange@gedenkstaette-porta.de). Lange sucht Zeitzeugen und Dokumente.

Über das Bauvorhaben „Elritze“ ist wenig bekannt. Fest steht: „In Kleinenbremen war die größte zusammenhängende Untertage-Verlagerung Portas geplant“, so Lange: „Für die Produktion sollten höchstwahrscheinlich Facharbeiter direkt von Focke-Wulf zum Einsatz kommen. Auch der Einsatz von Zwangsarbeitern wäre in der Aufbauphase wahrscheinlich gewesen.“

Immerhin: Etwas mehr als zwei Seiten zum Thema „Elritze“ finden sich in einer Diplomarbeit (Studiengang Sozialpädagogik) von Reinhold Blanke-Bohne, der 1984 über die unterirdische Verlagerung von Rüstungsbetrieben sowie Portaner KZ geschrieben hat. Er unterteilt das Kleinenbremer Bauvorhaben in vier Einzelprojekte.

Eisenerz bis zuletzt gefördert

Im Januar 1945, nach Ende des Bergbaus in dem Bereich, war im Schermbecker Stollen demnach eine Produktionsfläche von rund 28000 Quadratmetern („Elritze I“) für Focke-Wulf fertiggestellt worden, während „Elritze II“ (2000 Quadratmeter) anderen Firmen zum Einlagern dienen sollte. Für die Rüstungsproduktion war dann wieder „Elritze III“ (10000 Quadratmeter) gedacht.

Noch in Betrieb war bei Kriegsende „Elritze IV“ (15000 Quadratmeter). Dort wurde bis zuletzt Eisenerz gefördert. Hätte der Krieg länger gedauert, wäre die Fläche wohl ebenfalls für Fertigungszwecke ausgebaut worden. Hinzu kommen 5000 Quadratmeter in der Grube Nammen, an denen aber „kein Rüstungsbetrieb größeres Interesse zu haben schien“, wie Blanke-Bohne schreibt.

Weitgehend erforscht sind dagegen die Zustände im Hausberger Jakobsstollen, wo diverse Unternehmen für die Rüstung produzierten, während eine geplante Schmierölraffinerie nie in Betrieb ging. Das Sonderbauvorhaben hatte mehrere Ebenen und eine Fläche von 20000 Quadratmetern. Zum Vergleich: Kleinenbremen wäre auf mehr als 50000 gekommen.

Bis zu 500 Menschen verloren ihr Leben

Mit den drei Portaner Konzentrationslagern, errichtet im Saal des früheren Barkhauser Hotels „Kaiserhof“, in Hausberge sowie an der Grenze zwischen Neesen und Lerbeck, hatte „Elritze“ zumindest organisatorisch nichts zu tun. Für den Ausbau des Schermbecker Stollens war die Organisation Todt zuständig. Die Bautruppe beauftragte eine Schaumburger Firma und setzte wohl auch Zwangsarbeiter ein. Nach Kleinenbremen mussten Männer aus dem Lager Nammen, in der Bevölkerung als „Polenlager“ bekannt. Die Zwangsarbeiter sollen Kontakt zur Bevölkerung gehabt haben und kaum bewacht worden sein. Über Morde im Schermbecker Stollen ist Gerntrup nichts bekannt.

Beim Ausbau im Jakobsberg, einem Sonderbauvorhaben, das dem SS-Baubüro von Hans Kammler unterstand, waren dagegen von März 1944 an KZ-Häftlinge eingesetzt. Sie wurden von SS-Leuten bewacht und waren deren Willkür ausgesetzt. Insgesamt sind aus den drei Portaner KZ (zusammen mehr als 3000 Häftlinge) innerhalb von zwölf Monaten bis zu 500 Menschen ums Leben gekommen, zum Teil bei der Arbeit im Berg, zum Teil in den Lagern selbst. Diese Schätzung beruht auf Angaben von Häftlingen.ly