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Bückeburg Stadt Frau Holle ist ‘ne richtig Tolle!
Schaumburg Bückeburg Bückeburg Stadt Frau Holle ist ‘ne richtig Tolle!
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19:25 03.02.2019
Szene aus "Frau Holle".
Szene aus "Frau Holle". Quelle: jp
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Bückeburg

Wie immer gastierte der Cuxhavener Musical-Magier auf Einladung der Obernkirchener Event Agentur Andreas Steuer am ersten Samstag des Monats Februar in Bückeburg, um dort seine ganz eigene, ungemein humorvolle und zudem höchst musikalische Version eines Märchen- oder Kinderbuchklassikers zu präsentieren.

In diesem Falle hatte sich Christian Berg als Regisseur und Autor – musikalisch wie immer kongenial unterstützt von Musical-Komponist Paul Glaser – der Grimm’schen Märchenvorlage „Frau Holle“ und der bekannten Geschichte von der Gold- und der Pechmarie angenommen; welcher er dabei natürlich – wie nicht anders zu erwarten – einen zeitgemäßen und dennoch ungemein märchenhaften, schrullig-verrückten und turbulent-amüsanten Anstrich versah. Goldmarie, dargestellt von der Hamburger Schauspielerin und NDR-Moderatorin Leonie Fuchs, gibt darin eine liebenswert-sympathische, aber leicht versponnene Leseratte, die am liebsten neben aller Hausarbeit, die ihr die tyrannische und launische Mutter (Raphaela Groß-Fengels) aufbürdet, ein gutes Buch zur Hand nimmt. Ganz im Gegensatz zu ihrem exaltierten, überdrehten Bruder Pechmarius (Torben Padanyi), der, statt einmal im Haushalt mit anzupacken oder auch ein Buch zu lesen, ständig nur mit seinem Smartphone herumfuhrwerkt und am liebsten als Kandidat die nächste Staffel von MNTM (Märchenlands Next Top Märchenfigur) gewinnen würde.

Wie in der Grimm’schen Vorlage geraten die beiden durch einen Brunnen in die verwunschene Welt von Frau Holle (Raphaela Groß-Fengels in einer Doppelrolle), wo sie allerlei eigenartigen Gestalten über den Weg laufen, so unter anderem dem freundlich-distinguierten Sandmann (Kai Niewandt), der stets die von Frau Holle abgefüllten Träume zu den Menschen bringt, einem sprechenden Brot (Künstlername Vollkorn), oder dem rappenden Hip-Hop-Apfelbaum MC Apple Tree (Pechmarius: „Ich soll nicht mit fremden Appeln sprechen, ich habe Samsung.“). Regisseur Christian Berg irrlichtert dabei wie schon im vergangenen Jahr – stets begleitet von den Begeisterungsbekundungen des Publikums – als „guter Fee“ Rumpelröschen durchs Bild, mal um ein Märchenbuch für lau zu schnorren, mal um sich mit seinem Alter Ego, dem Einhorn Pummelchen, zu beraten, immer aber getrieben von der Intention, trotz totaler zauberischer Unbegabung durch sein Einwirken alles zu einem guten Ende zu bringen. Zum Schluss erhalten Goldmarie und Pechmarius nicht nur die ihnen für ihr Verhalten zustehende Belohnung und Strafe, Christian Berg führt auf die ihm eigene zauberhafte Weise die Fantasie des Märchens noch weiter, indem er den Taugenichts Pechmarius läutert und zur Vernunft kommen lässt und aus beiden wieder ganz normale Kinder macht.

Gegenüber der eher nachdenklichen und sensiblen Inszenierung von „Das Gespenst von Canterville“ vor zwei Jahren überwogen in dieser Inszenierung wie schon beim „Rapunzel“ die knalligen, grellbunten und spleenigen Einfälle und Momente, stets getragen von der mitreißenden Musik aus der Feder von Paul Glaser und einem Christian Berg, der sich in seinem 17. Jahr auf der Bühne des Bückeburger Rathaussaales in Höchstform zeigte und dabei nicht einmal vor Wolfgang Petry zurückschreckte: „Das ist Wahnsinn, warum schickt Ihr mich zu Frau Holle?“

Freuen können sich die Berg-Fans schon auf das Jahr 2020. Dann gastiert der Musical-Magier am 8. Februar mit „Die kleine Meerjungfrau“ im Rathaussaal.

Lesekompetenz stärken

So witzig und spaßig die Inszenierung von „Frau Holle“, so ungemein ernst war das, was Regisseur Christian Berg dem Publikum mitgab. Der Musical-Magier, der seit Jahren auch als Autor tätig ist und zurzeit mit seinem Kinderbuch „Rumpelröschen“ Erfolge feiert, richtete einen Appell an die Erwachsenen, das Lesen mehr zu fördern und die Lesekompetenz ihrer Kinder zu stärken.

Zurzeit besucht Berg auf seinen Lesereisen mit „Rumpelröschen“ bis zu zehn Grundschulen im Monat. Was er dort vorfinde, sei zutiefst erschreckend. „Heutige Kinder sind nicht mehr in der Lage, sinnentnehmend zu lesen. Wenn wir an dieser Stelle nicht schnellstens eingreifen, steuern wir in eine riesige Katastrophe.“ Bergs Befürchtung: „Wir ziehen uns eine komplette Generation von Hartz-IV-Empfängern heran, weil diese Kinder nicht mehr lesen können.“ In der Bildungspolitik werde derzeit immer von der angeblich so unglaublich wichtigen Digitalisierung gesprochen. Berg: „Die ganze Digitalisierung nützt uns kein Stück, wenn die Kinder die Inhalte nicht mehr lesen können.“

Der Musical-Regisseur machte dabei auch unmissverständlich klar, wen er als ersten Adressaten seines Appells betrachtet: die Eltern.

jp