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Bückeburg Stadt Groß, schlank, sehr blass
Schaumburg Bückeburg Bückeburg Stadt Groß, schlank, sehr blass
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11:49 19.07.2018
„Riesig viel Vereine und auch eine Unmenge Zuschauer“, beschreibt Anna Hüting die Szenerie beim Kaiserbesuch.
„Riesig viel Vereine und auch eine Unmenge Zuschauer“, beschreibt Anna Hüting die Szenerie beim Kaiserbesuch. Quelle: bus
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Bückeburg

Das Interessante an der „Kaisertage“ benannten Präsentation ist die Sichtweise der Zeitzeugin – die Ausstellung orientiert sich am Tagebuch der damals 16 Jahre alten Anna Hüting.

Für die Idee zeichnet Hilke Katharina Hecht verantwortlich. „Es hat mit viel Spaß gemacht, immer mehr über dieses Mädchen herauszufinden. Und es entstand mit der Zeit ein gutes Bild von der Welt, in der Anna lebte“, sagte die Geschichts- und Literaturstudentin, die im vergangenen Herbst ein Praktikum im Museum absolvierte. Das Tagebuch und weitere Familiendokumente wurden Angaben von Museumsleiterin Anke Twachtmann-Schlichter gemäß der Einrichtung von Annas Großnichte Nortrud Boysen zur Verfügung gestellt.

Die Meldung vom Kaiserbesuch setzte die kleine Residenzstadt Bückeburg und ihre Umgebung seinerzeit in freudige und erwartungsvolle Erregung. Alle Hotels und sonstigen Schlafplätze waren belegt. Die Stadt war geschmückt mit Fahnen, Girlanden und Lampions. Dicht gedrängt standen die Menschen an den Straßen.

Für viele ein Hoffnungsträger

Der junge Wilhelm II. war für viele ein Hoffnungsträger. Man traute ihm zu, das Deutsche Reich zu einigen und als europäische Großmacht zu etablieren. Dass er – nach dem frühen Tod seines Vaters gerade erst in Amt und Würden gelangt – seine Antrittsreise durch die Deutschen Länder in Schaumburg-Lippe begann, empfand man hier als große Ehre. Der Besucher nutzte die Stippvisite unter anderem, um im Schaumburger Wald ausgiebig der Jagd zu frönen.

Anna Hüting lebte mit ihrer Familie im Gebäude Bahnhofstraße 27. Mutter Karoline (geborene Haake) führte den Haushalt, Vater August war ein anerkannter Zimmermann und Baumeister. Die Autorin notierte jeden Tag, was sie erlebt hatte.

„Dass ihr Tagebuch einmal im Museum aufbewahrt wird, konnte sie nicht ahnen. Vielleicht hätte sie gar nicht so unbekümmert mit dem Schreiben begonnen, wenn sie gewusst hätte, dass ihre Notizen Generationen später von fremden Menschen gelesen werden“, meinte Ausstellungsbetreuer Manfred Würffel. Ein Tagebuch sei eine ganz private Angelegenheit, es offenbare Persönliches und Familiäres und sollte mit großem Respekt behandelt werden.

Feierlicher Empfang

Am 15. Januar schrieb Anna Hüting: „Die Häuser waren alle wunderschön geschmückt, die ganze Lange Straße herauf war eine Tannenallee mit 3 Fahnen an einem Baume. Auf der Bahnhofstraße waren mit Guirlanden umwickelte Fahnenstangen, Guirlanden quer über die Straße, an denen Papierlaternen hingen; an den Fahnenstangen waren Glaslämpchen angebracht. Am Rathause und am Landgerichtsgebäude auch. Wir begegneten den Menschen, die vom Extrazuge kamen, riesig viel Vereine und auch eine Unmenge Zuschauer. Und weiter: Um 6 wurden die Lämpchen und Ballons angezündet, Spalier gebildet, die Wagen fuhren nach dem Bahnhofe. Der Galawagen war ganz von geschliffenem Glas mit 1 Vorreiter, 2 Bedienten hinten drauf und 6 Pferden.“ Über den Kaiser hielt die Autorin fest: „Er hatte Uniform an, war groß, schlank, sehr blaß, mit einem kleinen Schnurrbart.“ Und am 18. Januar ist zu lesen: „Die schönen Tage sind vergangen, jetzt kommt alles wieder ins alte Gleis, alle gehen ihrem Beruf wieder nach. Die Fremden sind verschwunden, Bückeburg und die Erinnerung sind aber noch da.

Die Fakten zur Ausstellung „Kaisertage“: Idee und Recherche: Hilke Katharina Hecht; Text: Manfred Würffel; Gestaltung: Nadine Werel, Manfred Würffel; Bildbearbeitung und Animation: Wolfgang Prägler; Malerarbeiten: Andreas Lüders; Unterstützung: Schaumburger Landschaft. Einige interessante Details zum Thema stammen aus Zeitungsartikeln von Wilhelm Gerntrup. Das Museum dankt unserem Mitarbeiter für langjährige Zeitungsrecherche und Archivarbeit sowie für seine unterhaltsame Darstellung historischer Ereignisse. Die Ausstellung kann bis November mittwochs bis sonntags von 13 bis 17 Uhr an der Langen Straße 22 besucht werden. bus