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Bückeburg Stadt Höllenritt, der Kategorien verwirbelt
Schaumburg Bückeburg Bückeburg Stadt Höllenritt, der Kategorien verwirbelt
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15:57 15.12.2013
Als Geschenk für ein großartiges Spiel gibt es den Stiftungs-Teddy: Alexander zu Schaumburg-Lippe (links), Alice Sara Ott, und Dr. Gisbert Voigt, Vorsitzender der Landesstiftung. Quelle: mig
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Bückeburg

Kein Zweifel: Alice Sara Ott, eine international bekannte Pianistin, machte die „Charity“ zugunsten der „Kinder von Tschernobyl“ zu einem musikalischen Hochgenuss.

 So schön der Abend endete – er begann mit einer „kleinen“ Enttäuschung. Als Alexander zu Schaumburg-Lippe den Festsaal von Schloss Bückeburg betrat, warteten viele Gäste auf das Erscheinen von Gattin Dr. Nadja zu Schaumburg-Lippe, immerhin Schirmherrin der Landes-Stiftung „Kinder von Tschernobyl“. Die aber hatte vorige Woche einen Hörsturz erlitten – und musste deshalb zu Hause bleiben. „Sie wäre heute Abend sehr gerne dabei gewesen“, sagte Alexander in Vertretung seiner Gattin.

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 Ein Lob hielt Alexander für Pianistin Alice Sara Ott bereit, die das Galakonzert sofort zugesagt habe, „aus Freundschaft und aus alter Verbundenheit mit Bückeburg.“ Hier hat die Musikerin vor einiger Zeit ein umjubeltes Tschaikowsky-Konzert gegeben und an der IMAS teilgenommen. 2010 erhielt sie – zusammen mit einer weiteren Künstlerin – den ECHO-Klassik. Als Deutschjapanerin, so zu Schaumburg-Lippe, wisse Ott, welche Grausamkeiten die Katastrophe in Fukushima heraufbeschworen habe. „Ihr stehen deshalb die Opfer von Tschernobyl näher als manch anderem.“

 Dr. med. Gisbert Voigt informierte das Publikum dann über die Arbeit der 1992 eingerichteten Stiftung. In der ersten Zeit sei es vor allem der Schilddrüsenkrebs gewesen, der in auffällig hoher Zahl bei Kindern aufgetreten sei, so der Stiftungsvorsitzende. In den hoch belasteten Regionen habe der Krebs in der Altersgruppe bis 18 Jahren dabei um das 58-fache zugenommen. Laut Voigt baut das Hilfskonzept deshalb seit langem auf die Förderung einer raschen Frühdiagnostik (Stichwort: Ultraschall). Werde ein kleiner Tumor rechtzeitig erkannt, sei die operative Behandlung zu fast 100 Prozent erfolgreich. Dazu kommen Sonografie-Fortbildungen (in Belarus und Ukraine), an denen bis heute weit über 1000 Ärzte teilgenommen haben.

 Obwohl schon viel erreicht wurde, sieht der Stiftungschef weiter Handlungsbedarf. „Wir sind noch lange nicht am Ende des Weges“, unterstrich Voigt am Rande der Veranstaltung. In Gomel habe sich die Zahl des Brustkrebs – vor allem bei jungen Frauen – verdoppelt bis verdreifacht. Und auch der Schilddrüsenkrebs trete wieder häufiger auf. Ein Grund zum Resignieren? Ganz bestimmt nicht, meint der Mediziner, im Gegenteil: „Wer die dankbaren Augen der Kinder und Jugendlichen einmal gesehen hat, weiß, warum er das tut.“

 Gewinner waren an diesem Abend aber nicht nur die „Kinder von Tschernobyl“, sondern auch Freunde der klassischen Musik. Schon Wolfgang Amadeus Mozarts helle „Duport Variationen“ und Chopins „Nocturne cis-Moll op posth.“ waren ein echter Hochgenuss – so feinfühlig und raffiniert ließ Ott den Nachtgesang aus den Tasten steigen.

 Das Kontrastprogramm lieferten die „Bilder einer Ausstellung“ – mit technischen Höchstschwierigkeiten und zahlreichen Tempowechseln. Mussorgski bescheibt den Gang durch eine Kunstausstellung und überträgt dabei die Bildmotive der Malerei in die Sprache der Musik. Da ist der „Gnom“ – schleppende Schritte im Bass, mal traurig, mal ein bisschen Kobold. Und da ist das „alte Schloss“, vor dessen Kulisse ein Troubadour sein trauriges Liebeslied anstimmt. In einem Bild streitet sich eine Schar von Kindern, in einem anderen rumpelt geräuschvoll ein Ochsenkarren vorbei. All diesen Stimmungen gibt sich Ott ganz hin und gerät sogar, als sie das vielstimmige Geschrei der Marktweiber und den Hexenritt der Baba Yaga nachzeichnet, in einen wahren Tastenrausch. Ihr schmächtiger Körper ruckt hin und her, die Finger sind kaum zu sehen. Ott kehrt hier ihr Innerstes nach Außen. Imposant und plastisch gerät das zu orchestraler Klangfülle anwachsende „Große Tor von Kiew“, ein ausdauerndes Kraftspiel im Wortsinne. Das ist kein einfallsloses „Rumms, rumms“ wie so oft, sondern ein Höllenritt, der die Kategorien verwirbelt, bis Sehen und Hören zusammen fallen. Alice Sara Ott hat den rhythmisch unendlich vertrackten Miniaturen Mussorgskis einen ganz eigenen Charakter gegeben.

 Alice Sara Otts außergewöhnliches, brillantes Spiel ist zugleich unkonventionell, zupackend und von großer Poesie. Applaus. Hoch-Rufe. Ovationen! mig