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Bückeburg Stadt „Klägliches Schauspiel“
Schaumburg Bückeburg Bückeburg Stadt „Klägliches Schauspiel“
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19:50 29.04.2019
Geradezu begeistert feierte die Bevölkerung den von Hitler ausgerufenen „Tag der nationalen Arbeit“ am 1. Mai 1933 – hier der Festumzug in Bückeburg.
Geradezu begeistert feierte die Bevölkerung den von Hitler ausgerufenen „Tag der nationalen Arbeit“ am 1. Mai 1933 – hier der Festumzug in Bückeburg. Quelle: Repros: gp
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Bückeburg

Besonders schlimm gehe es im Landtag des Freistaates Schaumburg-Lippe zu. Das Plenum sei längst „zum Gespött der Leute“ geworden. In der Tat machten die 15, bis zu acht Mal pro Jahr im Plenarsaal des Bückeburger Regierungsgebäudes zusammenkommenden Volksvertreter keine besonders gute Figur. Ob Schulfragen, Kreisreform oder Haushaltsangelegenheiten – meist wurden die von der Regierung vorgelegten Lösungsvorschläge von ideologischem Parteiengezänk überlagert. Ein besonders absurdes Theater leisteten sich die Feierabendpolitiker beim Thema „Maifeiertagsregelung“. Die Frage, ob der 1. Mai in Schaumburg-Lippe ein gesetzlicher Feiertag sein solle oder nicht, ließ das „hohe Haus“ zwölf Jahre lang nicht zur Ruhe kommen.

Kompromiss

Angefangen hatte alles mit den revolutionären politischen Veränderungen nach Ende des Ersten Weltkriegs 1918/19. Sofort nach Ausrufung der Weimarer Republik drängten Sozialdemokraten, Kommunisten und Gewerkschaften auf Anerkennung des 1. Mai als Nationalfeiertag. Das Datum galt seit den legendären Streikaktionen der Arbeiterschaft im Mai 1890 („Maibewegung“) – auch international – als symbolträchtiger Markierungspunkt des proletarischen Aufbruchs. Die konservativ denkenden Zeitgenossen reagierten entsetzt. Das Datum stehe für „Umsturz, Enteignung und Klassenkampf-Diktatur“, war von den Sprechern der deutschnationalen Parteien zu hören. Nach heftigem Hin und Her kam eine Art Kompromiss zustande. Danach durfte beziehungsweise musste der 1. Mai im Jahre 1919 reichsweit als Feiertag begangen werden. Über die Handhabung in der Folgezeit sollte jedes der 18 Länder in Eigenregie entscheiden.

Der halbherzige Beschluss führte zu heillosem Durcheinander. Im folgenden Jahr (1920) wurde der Tag der Arbeit – mangels gesetzlicher Grundlage – nur noch „halbherzig“ und in roten Arbeitergegenden begangen. Dann beschlossen vier Länder die dauerhafte Einführung der Feiertagsregelung, darunter – neben Braunschweig, Lübeck und Sachsen – auch der mit 48.000 Einwohnern kleinste deutsche Territorialstaat Schaumburg-Lippe. Bei der entscheidenden Abstimmung im April 1921 ging es hoch her. Mit der Parole „endlich Schluß mit der Säbelgewalt von früher“ setzten sich schließlich die acht SPD-Abgeordneten gegen die sieben Vertreter aus dem bürgerlich-konservativen Lager durch. Wortführer der Linken war der Gastwirt Heinrich Lorenz aus Stadthagen. Als dessen hartnäckigster Widersacher tat sich der deutschnationale evangelische Pastor Hermann Heidkämper aus Bückeburg hervor.

Weniger los als in Preußen

Die unmittelbar Betroffenen sahen das Ganze offenbar wesentlich entspannter. Die Teilnehmerzahlen bei den schaumburg-lippischen Mai-Demos hielten sich – anders als in Berlin und den anderen großen Industriestädten und -regionen – in bescheidenen Grenzen. Wesentlich mehr war im benachbarten Preußen los. So gingen in Rinteln – trotz fehlender gesetzlicher Feiertagsregelung – jedes Jahr gut besuchte Großkundgebungen über die Bühne. Den Kern der Bewegung in der Weserstadt bildeten die Glashüttenarbeiter. Es gab einen Umzug mit Musikkapelle, eine kämpferische Festrede sowie ein abschließendes Familienprogramm mit Kinderspielen und Sportwettkämpfen. Meist schloss sich abends ein Tanzvergnügen an.

Dass die Maifeiern im Ex-Fürstentum immer eine Randerscheinung blieben, hatte nach Ansicht der politischen Beobachter auch und vor allem mit dem peinlichen Hickhack im Landtag zu tun. Von demokratischer Streitkultur oder gar Kompromissfähigkeit konnte keine Rede sein. Im Gegenteil. Von Anfang an ging es um kleinkarierte Rechthaberei und die Durchsetzung ideologischer Vorgaben. Bis zur Auflösung des Parlaments im Zuge der NS-Machtergreifung Anfang 1933 wurde das Thema „1. Mai“ immer wieder nach demselben Schema und mit den immer wieder gleichen Parolen abgewickelt – nach überschlägiger Zählung innerhalb von knapp zwölf Jahren mehr als 40 Mal. Den traurigen Höhepunkt bildete das Jahr 1927 mit neun Einzelinitiativen.

Ausgeprägte Streitsucht

Das verfahrensmäßige Drum und Dran vollzog sich nach einem stetig wiederkehrenden Ritual: Zu Sitzungsbeginn pflegte die bürgerliche Minderheit die Beratung der „Mai-Frage“ zu verlangen. Daraufhin setzte SPD-Landtagspräsident Erwin Loitsch den Antrag – in der Erwartung, dass die Angelegenheit wegen der ausgeprägten Streitsucht des Plenums ohnehin nicht mehr an die Reihe kommen werde – auf der Tagesordnung ganz hinten an. Um dem vorzubeugen, verlangten die Bürgerlichen deshalb zusätzlich eine Änderung der Tagesordnung mit dem Ziel, die Beratung des Maifeiertagsthemas vorzuziehen. Doch das wurde von der SPD-Mehrheit – nach einem neuerlichen, schier endlosen Hin und Her – jedes Mal abgelehnt. Darüber hinaus stand den Genossen, wenn es mit der Verschleppungs-Prozedur nicht klappte, ein weiterer Verfahrenstrick zur Verfügung: Man verließ vor einer unliebsamen Abstimmung kurzerhand den Saal. Grund: Bei Abwesenheit der Abgeordnetenmehrheit war der Landtag laut Verfassung beschlussunfähig.

Kein Wunder, dass Umgangston und Klima im Plenarsaal immer rauer und giftiger wurden. „Schluß mit dem sozialistischen Despotismus!“, platzte dem seit 1925 als Sprecher der Konservativen agierenden Bückeburger Bürgermeister Karl Wiehe von der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) regelmäßig der Kragen. Geradezu verheerend wirkten sich die parlamentarischen Scheingefechte auf die Stimmung im Lande aus. Die Parolen der Rechts- und Linksradikalen, dass mit Demokratie und Mehrparteiensystem „kein Staat zu machen“ sei, fanden zunehmend Gehör.

Geradezu erleichtert wurde deshalb von der großen Mehrheit der Bevölkerung der Kurswechsel im Gefolge der NS-Machtergreifung begrüßt. Mit überschäumender Freude folgte die Einwohnerschaft dem Hitler-Aufruf, den 1. Mai 1933 als „Feiertag der nationalen Arbeit“ zu begehen. Es sei „etwas Grandioses, etwas Aufrüttelndes und etwas Erhabenes geschehen“, schrieb am 2. Mai 1933 die Schaumburger Zeitung. Die Mauern der Zwietracht und des unseligen Parteigeistes seien niedergerissen. „Der unsterbliche Geist deutschen Volkstums, verklärt und geläutert durch den Segen der schaffenden Arbeit, wird das Werk vollenden, das Adolf Hitler begonnen.“

Von Wilhelm Gerntrup