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Bückeburg Stadt Mit Ticket bis zum Horizont
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00:23 22.03.2018
Eddy Winkelmann begeistert während der wie immer ausverkauften „Poetischen Momente“ das Publikum.
Eddy Winkelmann begeistert während der wie immer ausverkauften „Poetischen Momente“ das Publikum. Quelle: jp
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Bückeburg

Mit dem Hamburger Liedermacher Eddy Winkelmann hatten sich die Veranstalter der seit 15 Jahren so erfolgreichen Musik- und Kleinkunstreihe eines Interpreten versichert, der sich musikalisch wie textlich perfekt darauf verstand, bei seinen Zuhörern die Sehnsucht nach Meeresrauschen, Wellen, salziger Luft und Möwengeschrei zu wecken. Das Publikum, kulinarisch wie immer zunächst auf das Vortrefflichste von der „Feinen Kochkunst“ von Ulrike und Axel Hühn verwöhnt, zeigte sich begeistert.

Aus tiefster Seele

Der 61-jährige Eddy – bürgerlich Jens Edwin – Winkelmann, der im Fischgeschäft seiner Großeltern im Wilhelmsburger Bahnhofsviertel groß wurde, ist nicht nur ein waschechter Hamburger Jung, er hat vor seiner erst 1992 am Schmidt-Theater gestarteten Karriere als Musiker eine ebenso schillernde wie wechselhafte berufliche Laufbahn absolviert. Gelernt hat er Büromaschinentechnik, Grafik, Sozialpädagogik und Logopädie. Nur den Blues nicht, den hat Winkelmann vielmehr aus vollstem Herzen und tiefster Seele. Erst recht, wenn er singend behauptet „Ich kann den Blues heute nicht singen“, einem melancholischen Stück über die kleinen Freuden des Alltags von seinem 2011er Album „Landgang“. Gerade dann zeigt sich, dass bei seinem gesungenen Seemannsgarn häufiger ein Stefan Gwildis Pate gestanden hat – die beiden kennen und schätzen sich tatsächlich – als ein Freddy Quinn. Und auch optisch hat der hanseatische Bluesbarde etwas von dem späten Eric Clapton, wie er dort vor dem Kamin im Saal der Landfrauenschule sitzt, in sich versunken und beseelt auf einer seiner drei Gitarren zupft und mit vielen „Blue Notes“ in den Melodien von seinen Strandspaziergängen erzählt: „Ein Weg, der sich zu gehen lohnt, mit Ticket bis zum Horizont.“

Sehnsucht nach Sandstrand

Winkelmann kann etwas, und zwar erzählen – egal, ob gesungen oder gesprochen. Tiefsinnige und versonnene Betrachtungen und Gedankenspiele regen ebenso zum Nachdenken an wie herzhaft ironische Anekdoten zum Lachen, aber stets mit jener unstillbaren Sehnsucht nach Sandstrand und Meer, aus der sich nahezu all seine Texte und Lieder speisen. Da lässt er in seinem „Kieselsteingeflüster“ vom gleichnamigen, 1998 erschienenen Album einen selbigen über das Dasein und die Zeit reflektieren: „Die Menschheit war doch noch gar nicht in Sicht, da schob ich als Felsen vor Gibraltar meine Schicht.“

Herzerfrischende Alltagsgeschichten sind dabei, wenn er berichtet, wie er einmal vor einem Baumarkt sein Auto widerrechtlich auf einem Behindertenparkplatz abstellte und es daraufhin mit dem Humor einer älteren Dame zu tun bekam, gegenüber der er vorgab, an einem Bandscheibenvorfall zu leiden: „Was hätten Sie wohl getan, wenn ich Sie auf einem Frauenparkplatz erwischt hätte?“

Bizarres Chaos aus Handtuch und Badehose

Und darf es auch einmal ein gehöriger Schuss Sarkasmus sein? Bei Winkelmann gerne, auch wenn er 2017 bei seinem Jubiläumsprogramm „Jede Falte hart erlacht“ am Schmidt Theater bereits feststellte: „Zynisches Lachen macht keine Falten, sondern Schluchten.“ Bei seiner Erzählung über einen der im Urlaub eigentlich alltäglichsten, aber oft schwierigsten Vorgänge, nämlich den Versuch, als übergewichtiger Strandbesucher unter einem umgeschlungenen Handtuch die Badehose zu wechseln, was sich spätestens beim unfreiwilligen Eingreifen von Frau und Tochter zum brüllend-komischen, bizarren Chaos ausweitet, erntet Winkelmann Lachsalven des Publikums.

Und dann lässt er wieder den dicken Blues-Dampfer über die Elbe schippern, wenn er von seinem zwiespältigen Glück bei Frauen singt und behauptet: Das Leben sei „hart, aber herzlich, hart, aber schmerzlich und sehr leicht verderblich, wie Freude und Jammer, ein ganz dicker Hammer“. Denn auf der Reeperbahn, das weiß Winkelmann aus langjähriger Erfahrung „spricht einen mit einer Gitarre kein Mädchen an. Denn die weiß: Du gehst auch zur Arbeit.“ jp