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Bückeburg Stadt Untersuchung offenbart Bückeburgs Schwächen und Stärken
Schaumburg Bückeburg Bückeburg Stadt Untersuchung offenbart Bückeburgs Schwächen und Stärken
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22:45 16.07.2019
Trotz einiger Mängel: Bückeburg ist eine Stadt mit einem hohen Wohlfühlcharakter, die für Jung und Alt alles bietet. Quelle: rc
Bückeburg

Eine Arbeitsgruppe der Stadtverwaltung  arbeitet seit Anfang des Jahres an einer Untersuchung zur demografischen Entwicklung der Stadt. Sie trägt den Titel: „Wo stehen wir? – Wohin geht die Reise?“ Ziel des Prozesses ist die Erfassung und Erarbeitung von Datengrundlagen, die Ableitung von Handlungsfeldern und die Definition von Zielen, wohin es in Bückeburg künftig gehen soll.

Baubereichsleiter Björn Sassenberg gab auf der jüngsten Sitzung des Bau- und Umweltausschusses einen Sachstandbericht. Die künftige strategische Ausrichtung soll demnächst in größeren Kreis diskutiert und erörtert werden, um Ziele und Maßnahmen zu konkretisieren. Ein Überblick über die wichtigsten Fakten:

Die Bevölkerungsentwicklung: „Wir werden immer weniger“, stellte Sassenberg fest. Bereits seit den Siebzigerjahren sei die Bevölkerung von gut 21.000 auf inzwischen 19 500 Einwohner in 2016 gesunken. Ein Übriges habe der „Zensussprung“ beigetragen, als die Stadt 2012 knapp 1000 Bewohner verlor und schlagartig auf unter 19.000 Einwohner sank. Der Trend wird nach den Prognosen weiter abwärtsgehen. Bis 2030 rechnen die Statistiker mit einem Bevölkerungsrückgang von weiteren sieben Prozent. Ein Trost: In Schaumburg beträgt der Rückgang acht Prozent.

Die sogenannte natürliche Bevölkerungsentwicklung ist dadurch gekennzeichnet, dass seit Jahren in Bückeburg mehr Sterbefälle als Geburten registriert werden – mit einem Ausreißer 1991. Der Wanderungs-Saldo ist seit Jahren im negativen Bereich und wird weiter negativ bleiben. Ausreißer gab es lediglich in den Jahren 2015 und 2016 im Zuge der Flüchtlingskrise, als zum Beispiel die Stadt 2015 ein plus von 300 Zuwanderungen verzeichnen konnte. 2017 ist der Saldo wieder nahe null.

Das Alter: „Im Bundesvergleich ist Bückeburg eine alte Stadt“, bringt Sassenberg die vorliegenden Zahlen auf den Punkt. Der Altersdurchschnitt der Bückeburger ist von 2011 von 45,3 Jahren auf 46,3 Jahren in 2017 gestiegen. Und das ist noch nicht das Ende: 2030 wird der Durchschnitt bei 50 Jahren liegen. Zum Vergleich: Das Durchschnittsalter in Deutschland lag 2016 bei 44,3 Jahren.

Das Älterwerden zeigt sich auch in der Alterspyramide: Im vergangenen Jahrtausend noch eine Pyramide, 2018 eher ein schlanker Laubbaum mit „Kronen“-Ausbuchtungen in den Altersgruppen zwischen 40 und 65, 2030 und danach ein Atompilz: Oben ballen sich die Senioren, Junge gibt es wenige.

Bückeburg wird bunter“: Der Ausländeranteil ist von 2,5 Prozent im Jahr 1970 auf 7,7 Prozent in 2017 gestiegen. Nach den Prognosen wird er in den Folgejahren relativ konstant bleiben.
Zum „Bunter-Werden“ zählt die Arbeitsgruppe aber auch die Vielfalt von Lebens- und Wohnformen, die sich in den vergangenen Jahren stetig gewandelt haben. Stichworte: Singles, Alleinerziehende, Alleinlebende, Partnerschaften mit und ohne Kinder. Die klassische Familie ist vom Aussterben bedroht. Sassenberg: „Darauf müssen wir reagieren, kleine und große Wohnungen werden gebraucht.“

Der Flächenverbrauch: Hier steht Bückeburg in Schaumburg und Niedersachsen an der Spitze. Der kommunale Flächenverbrauch ist von 1981 von 20 Hektar auf nahe null Hektar in 2014 zurückgegangen. Prozentual liegt Bückeburg derzeit aber unverändert bei knapp 22 Prozent und damit deutlich über dem Durchschnitt in Schaumburg mit 17,6 Prozent und Niedersachsens mit 12,8 Prozent. Die Siedlungsfläche je Einwohner wird in den kommenden Jahren weiter steigen – von 13 auf 19 Prozent –, eine logische Folge, weil die Bevölkerungszahl sinkt.

Und: „Die Bückeburger leben auf großem Fuß.“ Ihre Wohnfläche liegt über die Jahre konstant bei 52 Quadratmetern. Ein Vergleich: Der Bundesdurchschnitt liegt bei 46 Quadratmetern. Ermittelt wurden auch die Immobilien, deren Besitzer 65 Jahre und älter sind. Einen roten Punkteteppich – sehr viele in den Ortsteilen – präsentierte Sassenberg und fragte: „Wer soll die in 20 Jahren kaufen?“

Baulücken gebe es überall. Diese würden auch gebraucht, um verdichtet zu bauen, aber auch, um alternative Wohnformen verwirklichen zu können. Ob der Bau von Einfamilienhäusern noch sein müsse, sei zu hinterfragen, so Sassenberg.

Schulen: Bei den Schulen ist alles im grünen Bereich. 920 Plätze hat Bückeburg, erwartet werden in den kommenden Jahren um die 700 Schüler.

Wo will Bückeburg hin?: Stärken und Schwächen sind in der Arbeitsgruppe analysiert worden, ebenso die Chancen und Gefahren. Sie alle ergeben unter folgenden Arbeitstiteln folgendes Bild:

  • Stadt mit Wohlfühlcharakter: Schlosspark, vielfältige Naherholung und Landschaft, Bergbad, Seniorenangebote oder Sicherheit werden auf der Habenseite verbucht. Auf der Schwächenseite werden Schnellbahntrasse, Wegbrechen des Ehrenamtes und das Kulturangebot für Jüngere aufgelistet.
  • Lebendige Innenstadt: Der inhabergeführte Einzelhandel und die funktionierende Gastronomie sind Stärken. Als Schwachpunkte werden das fehlende gastronomische Angebot für Jüngere, die kleinteilige Gebäudestruktur und die nicht seniorengerechte Innenstadt bewertet.
  • Daseinsfürsorge: Auf der Habenseite wird das geplante Ärztehaus an der Schulstraße aufgelistet, als Schwächen die Versorgung in den Ortsteilen, zu wenige Betreutes Wohnen für Senioren sowie (Fach-)Ärztemangel.
  • Öffentliche Infrastruktur: Kein Pluspunkt auf der Habenseite, auf der Negativseite werden der Sanierungsstau und der Erhalt der Infrastruktur gelistet, ebenso der Mangel an Kinderbetreuungsplätzen, gegen den die Stadt ankämpft.
  • Gewerbe: Hier gibt es nur Stärken. Der gute Branchenmix, die Bundeswehr und die Blindow-Schulen werden hervorgehoben.
  • Bauliche Entwicklung: Schlagworte wie kompakte Stadt und Dörfer, die Nachverdichtung und die Fokussierung der Kernstadt auf den Bestand werden auf der Habenseite aufgelistet. Umfangreich ist aber auch die Negativseite: Der Bauboom sorge dafür, dass Investoren Druck auf die Stadtstruktur auswirken. Die Beteiligungskultur lasse zu wünschen übrig, die Baulandentwicklung gehe zulasten der Landwirtschaft. Die Aufgabe der Jägerkaserne – wann auch immer – wird negativ gesehen. Zudem sorgen große Grundstücke dafür, dass sie im Alter schwer zu pflegen sind (was allerdings wiederum ökologische Vorteile hat). Und: die Mietenexplosion.
  • Tourismus: Schloss, Kultur, Landschaft, Rad- und Wanderrouten werden hervorgehoben, als negativ wird die Abhängigkeit vom Schloss gesehen.
  • Mobilität: Die Anbindung an die Großstädte über S- und Autobahn wird positiv gesehen, der Berufsradverkehr als ausbaufähig, die kaum vorhandene ÖPNV-Anbindung der Ortsteile als negativ.

von Raimund Cremers

Wo sind die Handlungsfelder?

Aus den Handlungsfeldern sollen in der nahen Zukunft folgende Punkte aufgegriffen und umgesetzt werden, so jedenfalls die Vorstellungen des Baubereichsleiters: das Ehrenamt stärken, das kulturelle Angebot für Kinder und Jugendliche erweitern, die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum verbessern, eine Strategie zur ärztlichen Versorgung entwickeln und die „Mobile Versorgung“ beziehungsweise Dorfläden aufbauen.

Die Infrastruktur soll vorausschauend und effizient entwickelt werden: der ÖPNV intensiviert, der Bahnhof als Verknüpfung aller Verkehrsarten deutlich aufgewertet, der Berufsradverkehr attraktiver gemacht und die Breitbandversorgung verbessert werden.

Im Bereich Wohnen geht es nach den Worten Björn Sassenbergs um eine maßvolle bauliche Entwicklung mit dem Ziel der Innenentwicklung: Differenzierte Wohnangebote, die Innenentwicklung und die aktive Wirtschaftsförderung werden genannt.

Sassenberg an Bürger und Politik: „Ich lade Sie ein, in einem größeren Kreis die Ziele und Maßnahmen zu konkretisieren.“ Viel Arbeit wartet. rc