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Bückeburg Stadt Wie der Sport in den Zwanzigern nach Bückeburg kam
Schaumburg Bückeburg Bückeburg Stadt Wie der Sport in den Zwanzigern nach Bückeburg kam
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09:16 19.12.2018
Bevor das Jahnstadion angelegt wurde, mussten Bückeburgs Fußball-Aktivisten auf Schulhöfe, Wiesen oder – so wie hier – auf den Kasernenhof ausweichen.
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Bückeburg

Zehn Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs versuchten die Deutschen, der Erinnerung an die schmerzhaften Erfahrungen mit einer Art Bewegungs- und Frischlufttherapie zu Leibe zu rücken.

Sportplätze, Turnhallen und Bäder schießen wie Pilze aus dem Boden

Spiel, Sport, Wandern, Schwimmen, Radfahren und weitere Ertüchtigungsarten erlebten einen bis dato unbekannten Boom.

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Wie Pilze schossen Sportplätze, Turnhallen und „Badeanstalten“ aus dem Boden. In reizvoller Umgebung entstanden Ausflugslokale, Wanderheime und Freilufttheater. Frauen fingen an, mehr Selbstbewusstsein zu zeigen – und mehr Bein. Markenzeichen der Emanzipation war der Bubikopf.

Neu ins Leben gerufene „Ausschüsse für hygienische Volksbelebung“ starteten Gesundheitswochen und Aufklärungskampagnen. Am häufigsten ging es um Körperpflege, Ernährungsfragen und die Abkehr vom Alkohol.

Von Turnhalle bis Schießstand: Bückeburg entwickelt sich

Von Mitte bis Ende der zwanziger Jahre schwappte die Gesundheitswelle auch nach Bückeburg über. Folge: Die gut 5.000 Einwohner bekamen kurz nacheinander ihre erste Turnhalle (Hinterhaus Lange Straße 60, heute Residenz-Kino-Center) und einen Tennisplatz (im Schlosspark). Parallel dazu richtete der Magistrat im Jetenburger Meierhof eine Jugendherberge ein.

Während der zurückliegenden 90 Jahre wurde im Jahnstadion manche denkwürdige „Fußball-Schlacht“ ausgetragen – hier eine Aufnahme aus dem Jahr 1943 beim Sieg über Arminia Bielefeld.

Zusätzlich zu den Anstrengungen der Stadt wurden auch die Vereine aktiv. Die Natur- und Wanderfreunde machten aus der Ex-Windmühle auf dem Weinberg einen Wandertreff mit Übernachtungsmöglichkeit. Die Bückeburger Schützen bauten 1927 am Harrlschießplatz ein Schießhaus samt Versammlungsraum und Schankbetrieb.

Zur größten Bückeburger Errungenschaft jener Zeit aber wurde ein neues Spiel- und Sportgelände, auf dem die Jugend der Stadt nicht nur laufen und springen, sondern auch Faust-, Schlag-, Hand- und Fußball spielen konnte. Der Herstellung einer solchen Arena hatten vor allem die Ballsport- und Leichtathletikvereine entgegengefiebert.

So wurde der Standort für das heutige Jahnstadion gefunden

Die größten Sportbürgergemeinschaften waren damals die VT Bückeburg, die Schaumburgia und ein 1912 als Ballspielverein aus der Taufe gehobener Fußballklub, ein Vorläufer des heutigen VfL. Bis dato hatte sich das Gros der Aktiven mehr schlecht als recht auf dem Neumarktplatz, dem Kasernenhof, dem Schulhof des Adolfinum und einer von Schlossherr Adolf 1920 zur Verfügung gestellten Wiese an der Söpstraße (heute Lulu-von-Strauß-und-Torney-Straße) tummeln müssen.

Auf der Suche nach einem geeigneten Standort für das neue Stadion wurde der Magistrat vor den Toren der Stadt nahe dem Maschvorwerk fündig. Die ehemals fürstliche Domäne gehörte inzwischen dem Land. Die Stadt pachtete eine zwölf Morgen große Fläche direkt neben der Bahn. Der Ausbau samt Gerätehaus und Umkleidekabinen kostete gut 40000 Mark.

Am 6. Mai 1928 war es so weit. In Gegenwart zahlreicher Prominenz konnte Einweihung gefeiert werden. Mit Fahnen, Pauken und Trompeten rückte ein langer Zug von Schulkindern und Vereinsabordnungen heran. Vorneweg marschierte die Kapelle des Gymnasiums. Zu Beginn wurde Marschmusik gespielt. Danach folgten patriotische Reden. Zum Schluss sangen alle die Nationalhymne.

Fragwürdige Grußworte zur Einweihung

Auf Wunsch „breiter sporttreibender Kreise“ werde die Anlage den Namen von Turnvater Jahn tragen, führte Bürgermeister Karl Wiehe in seiner Festansprache aus. Der von 1778 bis 1852 lebende Sportpionier war zu jener Zeit groß in Mode. Nach Jahn wurden in den zwanziger Jahren ganze Heerscharen von Sportvereinen und Sportstätten benannt.

Er sei sicher, dass der neue Sportplatz „dem Aufbau eines gesunden kernigen Geschlechts“ dienen werde, so das Stadtoberhaupt. Deshalb solle für alle Zeit auf dem Platz „ein vaterländischer Geist“ herrschen. Das erwies sich – angesichts der damals bereits lautstark auftretenden Anhänger Adolf Hitlers – als fragwürdiger und für Wiehe selbst verhängnisvoller Wunsch. 1936 wurde das Stadtoberhaupt von dem „neuen kernigen Geschlecht“ aus dem Amt gejagt.

von Wilhelm Gerntrup