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Bad Eilsen Rendezvous mit Gott
Schaumburg Eilsen Bad Eilsen Rendezvous mit Gott
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21:10 22.05.2018
In der Gospelmusik heißt es „Move your body“. Für Silvia Schenkendorf, Beate Langermann, Elke Hippe Müller, Helga Stamhuis und Andreas Held vom Bad Eilser Gospelchor „Sing & Pray“ gehört Klatschen, Stampfen und Rufen während der Lieder dazu.
In der Gospelmusik heißt es „Move your body“. Für Silvia Schenkendorf, Beate Langermann, Elke Hippe Müller, Helga Stamhuis und Andreas Held vom Bad Eilser Gospelchor „Sing & Pray“ gehört Klatschen, Stampfen und Rufen während der Lieder dazu. Quelle: hil
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Bad Eilsen/Hannover

Doch kaum öffnet man die Tür des Gotteshauses, strömen dem Besucher wohlige Wärme und ein Stimmengewirr entgegen. Zwischen den Kirchenbänken stehen große Schilder, auf denen „Alt“, „Bass“, „Tenor“ oder „Sopran“ zu lesen ist.

Einige Frauen und Männer eilen durch die Kirchenbänke, andere trinken entspannt Kaffee. Unter ihnen sind Silvia Schenkendorf, Beate Langermann, Elke Hippe Müller, Helga Stamhuis und Andreas Held vom Bad Eilser Gospelchor „Sing & Pray“. Gemeinsam mit 245 anderen Sängern werden sie an diesem Tag an einem Gospel-Workshop unter Leitung des Schweden Samuel Ljungblahd teilnehmen. Schon jetzt liegt Musik in der Luft – Gospelmusik.

Gospelgottesdienste, Gospelkonzerte, riesige Festivals und Workshops – sie alle zeigen, in Deutschland gibt es einen wahren Gospelboom. Gospel – auf Deutsch „ Evangelium“ – trifft offenbar den Nerv der so häufig verschütteten religiösen Sehnsüchte von vielen. Nicht selten finden Menschen, die der Kirche den Rücken zugewandt haben, über die Gospelmusik zurück in die Gemeinden. Gospelmusik hat diesen ganz besonderen Geist, „the spirit“.

Seit den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelten professionelle schwarze Musiker aus den USA die traditionellen Spirituals der Sklaven zu einer musikalischen Kunstform weiter. Vorwiegend über Schweden und Norwegen verbreitete sich die Musik schließlich vor etwa 40 Jahren langsam in ganz Europa und ist heute aus der Kirchenmusik nicht mehr wegzudenken. Allein wenn man über den Landkreis Schaumburg schaut, gibt es wohl kaum eine Kirchengemeinde, die nicht mittlerweile einen Gospelchor hat.

"Unheimlich schönes Gemeinschaftsgefühl"

Die fünf Bad Eilser in der Erlöserkirche Hannover haben inzwischen ihre Plätze eingenommen. Silvia Schenkendorf und Beate Langermann aus dem Bereich der „Alt“-Stimmen versuchen, nachvollziehbar zu beschreiben, warum sie an diesem Tag in der Gospelkirche sind: „Der Gospelchor gibt uns ein unheimlich schönes Gemeinschaftsgefühl“, so Schenkendorf. „Das Miteinander in der Musik fühlt sich richtig gut an.“ Und Langermann ergänzt: „Die Gospelsongs sind so voller Freude und ehrlicher Ernsthaftigkeit – das tut uns gut.“ Die 81-jährige Rosi aus Hannover sitzt in der Kirchenbank vor den Schaumburgerinnen und drückt es ein wenig krasser aus: „Die Kirche meiner jungen Tage und ihre oft schwermütigen Choräle haben mich immer begleitet, aber nie wirklich berührt. Jetzt, im Alter, ist die alte Kruste aufgebrochen. Ich erlebe diese wunderbaren Gospellieder als so schön, so absolut lebensbejahend und voller Liebe. Jedes Lied fühlt sich an wie ein kleines Rendezvous mit Gott.“

Inzwischen ist ein junger Mann auf das Podest vor den Altar getreten. Vor dem Workshop stehen Aufwärmübungen, Stimmbildung, Atemtechnik und Zwerchfelltraining auf dem Programm.

Ein lustiges Bild, wenn 250 Menschen, um die Rumpfmuskulatur zu strecken, so tun, als würden sie Äpfel pflücken, zur Lockerung der Kiefermuskulatur Kauübungen durchführen oder viele virtuelle Kerzen ausblasen, um die Elastizität des Zwerchfells zu verbessern. Schließlich sind alle aufgewärmt – und der schwedische Gospel-Newcomer Ljungblahd betritt die Bühne.

Für die nächsten Stunden stehen fünf Lieder auf dem Programm, die abends während einer Andacht vorgetragen werden sollen. Im ersten Moment scheint es unmöglich, eine so große Gruppe unterschiedlicher Menschen in einem Chor zu vereinen. Aber die Gospelmusik macht es möglich. Die einfachen Texte, gefällige Melodien und die für Gospel typischen Techniken wie „Call and Response“ (Der Vorsänger ruft – und der Chor antwortet), häufige Wort-Wiederholungen und Improvisationen führen zu schnellen Erfolgen. Hinzu kommen die mitreißende Art und die außergewöhnliche Ausstrahlung des 41-jährigen Schweden.

Zauber erfasst jeden

Jede Stimmlage bekommt nacheinander für einige Zeit die volle Aufmerksamkeit des Musikers. Dann werden alle Stimmen zusammengeführt. Unter Anleitung von Ljungblahd und unter Begleitung eines erstklassigen Pianisten ist der erste Song „My God is able“ bald geschafft. Kurzzeitig hört es sich etwas unruhig an, doch schon nach zwei Versuchen erfüllt ein wundervoller Klang die Kirche. Egal, wohin man schaut, jeder Sänger, jede Sängerin hat ein Lächeln im Gesicht – der Zauber der Gospelmusik hat alle erfasst.

Während der folgenden Stunden lernen die Bad Eilser vier weitere Stücke, zwischendurch unterbrochen durch kurze Geschichten aus dem Leben von Ljungblahd. Unter anderem erklärt er: „Schweden und Deutsche sind sich in vielen Dingen sehr ähnlich. Wir mögen es gradlinig, alles muss seine Ordnung haben.“ Gospelmusik sei aber das Gegenteil. Hier unterliege nichts vorgeschriebenen Reihenfolgen. Man sei aufgefordert, das zu singen und zu tun, was man fühle. „Es gibt keine Regeln – und genau das finden wir tief im Herzen richtig gut.“

Viel zu schnell gehen Workshop und Andacht zu Ende – und die fünf Schaumburger machen sich auf den Heimweg. Obwohl jeder nach diesem langen Tag erschöpft ist, ist die kleine Gruppe noch immer beschwingt durch die Erlebnisse dieses Tages. Und schon heute freut sich jeder auf das nächste „Rendezvous mit Gott“. hil