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Bad Eilsen Songs und Storys fast bis Mitternacht
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19:06 13.09.2013
Mit Dampf-Radio und „Star-Club“-Pretiosen auf Tournee: Achim Reichel.
Mit Dampf-Radio und „Star-Club“-Pretiosen auf Tournee: Achim Reichel. Quelle: thm
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Von Siegfried Klein

Im Gegenteil: Die Zuschauer erhoben sich nach dem letzten Song von den Plätzen und applaudierten so lange, bis Achim Reichel und seine Musiker nochmals für eine Zugabe auf die Bühne zurückkamen.

 Mehr als 400 Besucher waren so begeistert, dass sie die letzte Komposition singend begleiteten. Und sie hielten das sogar a cappella durch. Unter ihnen befand sich ein Ehepaar, das zu diesem Auftritt eigens vom Bodensee angereist war.

 Diese Veranstaltung war höchst ungewöhnlich. Eigentlich konzentrierten sich die Erwartungen überwiegend auf die musikalische Renaissance eines einstigen Stars der „Rattles“. Aber was sie geboten bekamen, war mehr, viel mehr sogar. Ein bald 70-jähriger Sänger mit noch immer gewaltiger Stimme, ein Gitarrist, Liedermacher, Texter, Produzent und einst gefeierter Rockmusiker blätterte sein Leben wie eine Chronik auf.

 Natürlich konnte er sich in den gut drei Stunden nur auf wesentliche Etappen und Stationen konzentrieren. Dabei spielte immer die Musik eine entscheidende Rolle – und das, obwohl er eigentlich zur See fahren sollte wie Vater und Großvater. Dass Achim Reichel doch eine ganz andere Laufbahn einschlug, gehört zu den Unwägbarkeiten des Lebens.

Er benutzte das „Solo mit Euch“ , um die Zuhörer mitzunehmen auf eine Reise durch mehr als ein halbes Jahrhundert, in dem er gestaltend zur deutschen Musikgeschichte beigetragen hat. Seine Ausführungen illustrierte er mit Lichtbildern, die ihn mit einigen seiner wichtigsten Weggefährten zeigten, und zusätzlich mit Fotos von einigen deutschen Dichterfürsten, deren Texte er vertonte.

 Auf der Bühne befanden sich etliche Gegenstände, die sein Leben begleitet haben: vornehmlich Gitarren und schließlich noch ein uraltes Tastenradio (mit zuckendem „magischem Auge“) seiner Mutter, das ihm einst als erster Verstärker gedient hatte.

 Im Keller eines Freundes hing eine Gitarre an der Wand („Wir sagten damals Wanderklampfe dazu“). Reichel tauschte diese gegen seinen kleinen Plattenspieler ein. Und weil ihm Musik im Blut liegt, gründete er vor 53 Jahren seine erste Band: „The Rattles“. Mit ihr trat er in Hamburg auf St. Pauli auf, zunächst in Hinterstuben, bald aber vor einem zunehmend größeren Publikum und schließlich sogar im berühmten „Star-Club“ der Hansestadt.

 Bereits drei Jahre später gingen die jungen deutschen Rockmusiker mit den „Rolling Stones“, den Everly Brothers und Little Richard auf Tour durch England und Schottland. 1966 folgte eine noch größere Herausforderung: die Konzertreise durch Deutschland mit den Beatles. Und schließlich flimmerte Achim Reichel mit seiner Band sogar über die Kinoleinwände. Weil der erfolgreiche Gitarrist und Sänger seine Wehrpflicht ableisten musste, wurde damit das Ende der „Rattles“ eingeläutet. Es folgte später auch der Niedergang des „Star-Clubs“, jener Keimzelle der Beatmusik. Diese Entwicklung konnte selbst Reichel als Mitpächter nicht aufhalten.

 Die Frage nach dem „Was nun?“ beantwortete der Hamburger Jung auf seine Weise: Die Sturm- und Drangzeit wurde von einer Phase der Nachdenklichkeit und Selbstfindung abgelöst. Er begann, mit der Musik zu experimentieren. Seine neue Gruppe hieß „Wonderland“. Deren erster Hit wurde von James Last produziert. Aber diese Zusammenarbeit währte nur kurz. Ein Intermezzo. Deshalb Achim Reichel seinen eigenen Weg zum Erfolg. Er arbeitete unter anderem mit Schriftstellern wie Jörg Fauser, Kiev Stingl oder Peter-Paul Zahl zusammen. Mit dem Titel „Der Spieler“ erreichte Reichel in der Hitparade einen Spitzenplatz. Für diesen Song gab es auch im Kursaal rauschenden Beifall.

Nach dem eigentlichen Eröffnungsteil begleiteten Reichel noch Berry Sarluis (Akkordeon und Keyboard) sowie Larry Mathews (vornehmlich Geige und Gitarre). Diese beiden exzellenten Musiker sind absolut auf Augenhöhe mit ihrem „Käpt’n“ auf der Brücke, um in der Seemannssprache zu bleiben.

 Im zweiten Teil seines über dreistündigen Auftritts trat seine lebendige Erzählkunst in den Hintergrund. Der an Jahren und Erfahrungen gereifte Musiker ließ jetzt seine Kompositionen für sich sprechen. Sie zeigten seine erstaunliche Wandlungsfähigkeit.

 So gibt er weltbekannten Shantys ein neues rhythmisches Gewand. Sie werden rockiger, fetziger, aber unterdrücken die eigentliche Melodie nicht. Schließlich wendete sich Reichel dem deutschen Volkslied zu und den Texten großer deutscher Dichter: Goethe, Eichendorff und Morgenstern haben unvergängliche Gedichte geschaffen – Reichel hat sie in zeitgemäße Klänge gekleidet.

 Mit etlichen Alben hatte der Hamburger den Erfolg, der ihn zum Weitermachen ermutigte. 1991 brachte er das Album „Melancholie & Sturmflut“ heraus. Es enthält zwei Hits, die zu den erfolgreichsten seiner kompositorischen Arbeit gehören – und die sorgten auch im Kursaal für überschäumende Begeisterung: „Kuddel Daddel Du“ und „Aloah Heya He“.

 Diese lange Nacht mit und über Musik war ein Erlebnis.