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Aus dem Landkreis Betrug von Pflegediensten: Krankenkassen und Landkreis warnen vor falschen Abrechnungen
Schaumburg Landkreis Aus dem Landkreis Betrug von Pflegediensten: Krankenkassen und Landkreis warnen vor falschen Abrechnungen
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07:00 09.09.2019
Alte Menschen, die auf Hilfe in ihrem Alltag angewiesen sind, müssen darauf aufpassen, dass sie durch Pflegedienste nicht betrogen werden.  Quelle: Symbolbild, dpa
Landkreis

Der alte Mann ist ganz vertüddelt. Wenn seine Frau ihm im Bad helfen will, gibt es fast immer Streit. Für beide ist diese Situation unglaublich anstrengend. Dann kommt endlich ein Pflegedienst. Die „große Morgenpflege“ wäre hier das Richtige, sagt der Chef, das heißt: 40 Minuten Hilfe bei Waschen und Anziehen. Doch da ist die Rechnung ohne den alten Mann gemacht. Prompt steht er zwei Stunden früher auf, um irgendwie fertig zu sein, wenn die Pflegerin kommt.

Doch: Länger als fünf Minuten ist sie selten da. Besser als nichts, meint seine Ehefrau. Das denkt sie auch noch, als ihre Tochter vier Wochen später einen Blick auf die Rechnung des Pflegedienstes wirft: Jeden Tag knapp 40 Euro kostet die „Große Morgentoilette“, die doch nur fünf Minuten dauert.

Keine zweifelhafte Rechnungen unterschreiben

Fast das gesamte Pflegegeld, das die alte Frau von der Pflegekasse dafür erhält, dass sie sich um ihren Mann kümmert, geht dafür drauf. „Tja“, so die Reaktion des Pflegedienst-Geschäftsführers: „So war das nun mal bestellt.“ Die alte Frau will sich nicht wehren, sie ist so erschöpft.

Die Tochter ruft bei der AOK Niedersachsen an. Dort heißt es, man solle keine zweifelhafte Abrechnung unterschreiben, und den Pflegedienst gegebenenfalls bei ihnen melden. Man wisse um solche Betrugsfälle, aber es sei nicht einfach, dem ohne konkreten Anhaltspunkt Einhalt zu bieten.

Immerhin: Die entsprechende Ermittlungsgruppe der AOK Niedersachsen hat in den Jahren 2016 und 2017 insgesamt fast tausend Hinweise auf mögliche Falschabrechnungen erhalten. Neben Vereinbarungen über Rückzahlungen wurde 327 Mal die Staatsanwaltschaft eingeschaltet.

Betrug auch in Schaumburg

Astrid Teigeler-Tegtmeier, Krankenschwester und Geschäftsführerin des „Pflegedienstes Rinteln“ weiß, dass es auch im Landkreis Schaumburg „schwarze Schafe“ gibt. Nicht umsonst gehöre seit dem Jahr 2016 die stichprobenartige Rechnungsprüfung zu den Pflichtaufgaben des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherungen. „Ich persönlich finde den Gedanken unerträglich, jemanden zu betrügen, der so sehr auf Vertrauen angewiesen ist“, sagt sie.

Normalerweise lassen sich die geleisteten Dienste nachvollziehen, erklärt sie. Bei jedem Kunden hat eine Dokumentationsmappe mit täglichen Aufzeichnungen zur Einsicht auszulegen. Am Ende des Monats dann kommt eine Abrechnung, die er unterschreiben soll.

Landkreis guckt bei Sozialhilfeempfängern "ganz genau hin"

Das Problem: Die Betroffenen kommen oft gar nicht auf die Idee, dass der Pflegedienst sich auf ihre Kosten bereichern könnte. Sie unterschreiben harmlos, was man ihnen vorlegt. Für die Pflegekassen macht das in vielen Fällen keinen finanziellen Unterschied. Das jeweilige Pflegegeld müssen sie so oder so zahlen, entweder an den Versicherten oder direkt an den Pflegedienst.

Wo der Landkreis Schaumburg in die Abrechnungen mit den Krankenkassen involviert ist, dürfte ein Abrechnungsbetrug riskanter sein. Da geht es nämlich um Sozialhilfeempfänger, deren Kosten der Landkreis trägt, sofern die Leistungen der Pflegekassen nicht ausreichen. „Und wir gucken ganz genau hin“, so Erster Kreisrat Klaus Heimann. Es gebe immer mal wieder Fälle, wo man Anhaltspunkte finde, dass nicht alles mit rechten Dingen zugehe. „Dann reichen wir das an die Staatsanwaltschaft weiter.“

300 Euro pro Monat sparen

Claudia Kuhlmann vom Senioren- und Pflegestützpunkt Schaumburg hat Tipps parat, wie man solchen Abrechnungsbetrug vermeiden kann. Man solle vor Vertragsabschluss mit Hausarzt oder Pflegekasse darüber sprechen, welche Hilfeleistungen wirklich nötig sind. Man müsse auch darauf bestehen, dass in den jeweiligen Haushalten tatsächlich die Pflegedokumentation zu finden sei, auf die zumindest die Angehörigen regelmäßig einen Blick werfen sollten. Tatsächlich macht man sich sogar strafbar, wenn man falsche Abrechnungen unterschreibt.

Das alte Paar hat schließlich eine angemessene Abrechnung erhalten, und zwar nachdem die Tochter dem Pflegedienst mitteilte, sie habe mit der AOK über die Sache gesprochen. Jetzt wurde statt der „Großen Morgentoilette“ die „Kleine Morgentoilette“ aufgelistet – ein Preisunterschied von etwa 300 Euro pro Monat. Das nicht verbrauchte Pflegegeld landet nun doch auf dem Konto der alten Frau. von Cornelia Kurth

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