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Aus dem Landkreis „Das tut uns mächtig weh“
Schaumburg Landkreis Aus dem Landkreis „Das tut uns mächtig weh“
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00:26 01.03.2018
An frische Ware zu kommen, wird für die Tafeln immer schwieriger. Quelle: jemi
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LANDKREIS

„Und genau dieses Problem wird uns auch in der kommenden Zeit begleiten“, ist sich DRK-Kreisgeschäftsführer Thomas Hoffmann sicher. Auf der einen Seite sei es natürlich gut, dass die Supermärkte und Discounter besser wirtschaften und weniger wegwerfen müssen. Das liege vor allem daran, dass Ladenhüter in der Regel so stark rabattiert würden, bis sie doch noch von den Kunden gekauft werden. Auf der anderen Seite erschwere es aber die Arbeit der Tafel. „Das tut uns mächtig weh“, klagt Niemeyer. Immerzu sei man auf der Suche nach Lebensmitteln. Darum sei es enorm wichtig, sich neu aufzustellen – und andere Konzepte zu erarbeiten.

Eine Möglichkeit, die in den vergangenen Monaten gut funktioniert habe, sei der direkte Kontakt zu den herstellenden Firmen. Immer wieder könnten ihre Mitarbeiter einige Paletten von dort abholen. Außerdem klappe die Zusammenarbeit der Tafeln im Umkreis sehr gut. Das jedoch reiche nicht aus, um die Ladentheken der Tafeln in Obernkirchen, Rinteln, Stadthagen und Bad Nenndorf voll zu bekommen. Deshalb plane Niemeyer mehrere Aktionen und strebe eine Zusammenarbeit beispielsweise mit den Feuerwehren, Vereinen oder auch der Kirche an. Aber auch Tauschbörsen für Kinderkleidung und Spielzeug könne sie sich gut vorstellen.

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Oft schnelle Abwärtsspirale

Das Beschaffen von Lebensmitteln ist vor allem deshalb eine Herausforderung, weil die Zahl der Bedürftigen weiter hoch bleiben wird. Hoffmann berichtet, dass die Tafeln im vergangenen Jahr insgesamt von 2998 Menschen genutzt wurden (2016: 3358). Stadthagen weist mit 1313 Bedürftigen traditionell die höchste Nutzerzahl auf. In Rinteln sind es 746, in Bad Nenndorf 583 und in Obernkirchen 356. Hoffmann hat die Zahl aufgeschlüsselt in 1834 Erwachsene und 1164 Kinder.

Häufig betroffen seien auch Alleinstehende. 613 Schaumburger ohne Partner waren im vergangenen Jahr auf die Hilfe der Tafel angewiesen. Durch private Veränderungen, etwa Scheidung oder Verlust der Arbeit, greife die Abwärtsspirale oft sehr schnell. Auch Alleinerziehende kommen nicht immer über die Runden und holen ihre Lebensmittel bei der Tafel. Zuletzt waren das laut Hoffmann 179 Frauen und Männer.

Ans Herz gehen Niemeyer die Geschichten der Rentner, die sie in der Tafel treffe. „Die meisten haben ihr Leben lang gearbeitet und rutschen trotzdem in die Altersarmut.“ Das sei eine wirklich schwer zu ertragende und bedrückende Entwicklung. Schuld dafür sind laut Niemeyer vor allem die steigenden Mieten. „Viele von ihnen fragen mich, was sie falsch gemacht haben.“

Reibungsloser Ablauf wichtig

Da die Arbeit der Tafel für viele Menschen so wichtig geworden ist, sei ein reibungsloser Ablauf wichtig. Und der sei nur möglich, wenn genug Ehrenamtliche im Einsatz sind – ohne sie würde der Betrieb der Tafel nicht funktionieren, lobt Niemeyer. Der feste Kern von 20 festen Mitarbeitern reiche jedoch nur gerade so aus. Ein Ehrenamtlicher in Rinteln arbeite etwa fünf Tage in der Woche. Falle dieser aus, rotiere die Tafel-Koordinatorin. „Wir sind ein tolles, multikulturelles Team aus allen sozialen Schichten, auf das ich mich immer verlassen kann.“

Die Tafel sei auch Ansprechpartner für andere soziale Einrichtungen. Regelmäßig melde sich der Pflegestützpunkt des Landkreises, die Awo oder das Obdachlosen-Café. Aber auch eine medizinische Einrichtung habe sich kürzlich an Niemeyer gewendet. Bei ihnen lag ein mittelloser Koma-Patient, der einen Schlafanzug benötigte. „Diese Anfragen hatten zuletzt eine kaum noch zu stemmende Dimension erreicht“, meint die Tafel-Koordinatorin. Das sei viel Arbeit zeige jedoch auch, wie etabliert die Tafel sei. jemi