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Aus dem Landkreis Die alte Schule der Medizin
Schaumburg Landkreis Aus dem Landkreis Die alte Schule der Medizin
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00:24 19.03.2018
Moderne Behandlungen und alternative Heilmethoden können sich sinnvoll ergänzen.
Moderne Behandlungen und alternative Heilmethoden können sich sinnvoll ergänzen. Quelle: tro
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Andreas Bartomeu ist Doktor der Medizin und als solcher seit Jahren in einer Praxis in Bad Nenndorf tätig. Ursprünglich kommt er aus den Bereichen der Allgemeinmedizin und der Anästhesie – in seiner täglichen Arbeit vereint er heute Schulmedizin und Naturheilverfahren. „Beides hat seine Berechtigung. Man muss sich nur im Einzelfall anschauen, welche Therapien sinnvoll sind“, sagt er.
Der Zuschnitt auf den Einzelfall, die Individualität der Behandlung, sei nämlich gerade im Bereich der Alternativmedizin besonders wichtig, so Bartomeu: „Es gibt dafür keine Kochrezepte. Der Einsatz ist immer vom Patienten abhängig, von seinem Alter, möglichen Vorerkrankungen und mehr.“ Beispiel: Bei grippalen Infekten, wie sie derzeit überall umgingen, könne man bei jungen Patienten auf eine pflanzliche Behandlung der Symptome setzen und so die Zeit bis zur Selbstheilung des Körpers überbrücken. Bei älteren Menschen mit demselben Krankheitsbild sei dagegen meist der Einsatz von Antibiotika angebracht.

Fließender Übergang

Der Alternativmedizin rechnet der Arzt dabei vor allem einen „unterstützenden Wert“ zu. In Kombination mit der Schulmedizin eigne sich die Anwendung besonders bei Beschwerden, die nicht allzu schwerwiegend seien. Dann aber biete sich von der Homöopathie über Phytotherapie bis hin zur Akupunktur ein „irrsinnig weites Feld“ an Möglichkeiten.
Von der Schulmedizin hin zur Naturheilkunde sei der Übergang ein fließender, erklärt Bartomeu. „Viele Medikamente, die wir kennen, haben eine pflanzliche Basis, zum Beispiel den Fingerhut. Die Kunst ist, zu erkennen, wann ich mit pflanzlichen Mitteln auskomme und wann der Zeitpunkt ist, zu härteren Geschützen zu greifen.“ Ohnehin ist die Pflanzenheilkunde eine der ältesten Disziplinen der Medizin – ihre Geschichte geht zurück bis ins China vor über 2000 Jahren.
Bartomeu selbst ist unter anderem auf besagte Phytotherapie, also den Einsatz von Heilpflanzen als Arzneimittel, spezialisiert. Am häufigsten würde dabei Tee eingesetzt. Wurzeln reiben, Blätter häckseln, aufgießen – fertig ist die pflanzliche Medizin. Mittlerweile würde Vieles aber auch industriell hergestellt, zum Beispiel Öle, Cremes und Tabletten. „Dass die Patienten sich darauf einlassen, ist heute nicht mehr problematisch. Die Mittel brauchen nur ein bisschen, bis sie wirken, und müssen darum regelmäßig angewendet werden“, erklärt der Fachmann.

Akupunktur gegen Schmerzen

Auch die Akupunktur gehört zu Bartomeus Interessensgebieten. „Ob Körper-, Ohr- oder Schädelakupunktur, hier bieten sich große Möglichkeiten“, sagt er. Zum Beispiel im Rahmen einer Schmerztherapie, auf welcher der Schwerpunkt seiner Tätigkeit liegt. „Akupunktur kann helfen bei Rücken- und Knieschmerzen, aber zum Beispiel auch bei Migräne.“ Es gebe also eine handfeste Wirkung, auch wenn es zunächst recht esoterisch klinge, wenn man – wie häufig bei den Methoden der Traditionellen Chinesischen Medizin – von Energiefreisetzung und Energiefluss spreche.
Dass Bartomeu so offen gegenüber den alternativen Heilmethoden eingestellt ist, hat vor allem einen Grund: den Zufall. „Eigentlich ist es als Schulmediziner unüblich, sich damit zu befassen“, sagt er – und fing in den neunziger Jahren trotzdem damit an. Damals hatte er sich die Frage gestellt, ob es neben der hochtechnisierten Anästhesie und Intensivmedizin auch andere Dinge gebe, die nicht den hohen Aufwand brauchen, aber auch zu einem Ergebnis führen.

In diesem Zusammenhang untersuchte er speziell, ob sich durch Akupunktur während einer Narkose Betäubungsmittel sparen lassen können. Ergebnis: Das ist in der Tat der Fall – der Verbrauch ließ sich um 25 bis 50 Prozent reduzieren. Und auch Rückenschmerzen von Krankenschwestern habe er durch die Verwendung weniger Nadeln im Ohrbereich erfolgreich behandeln können. „Da habe ich gesehen: Es wirkt“, so der Arzt.

Steigende Nachfrage

Das war noch während seiner Tätigkeit in einer Klinik. „In den dortigen Alltag lassen sich solche Methoden aber nur schwer integrieren. Der Aufwand ist einfach zu hoch“, sagt er. Die Nachfrage danach sei aber in jedem Fall gegeben. Dabei gibt es jedoch ein Problem: Zum größten Teil werden die alternativen Behandlungsmethoden von Kostenträgern wie Krankenversicherungen nicht bezahlt. Patienten müssen die Kosten in der Regel selbst tragen, was nicht jedem möglich ist. „Das schränkt die Verbreitung natürlich ein“, sagt Bartolomeu. Doch übe die steigende Nachfrage durch die Patienten auch Druck auf die Kostenträger aus: „Es tut sich etwas.“ tro