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Aus dem Landkreis Eine große Familie
Schaumburg Landkreis Aus dem Landkreis Eine große Familie
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13:03 10.06.2020
Sie halten hier die Stellung: Campingplatzbetreiberin Helga Steinmeyer (links) und Ilse Grub kennen sich seit über 40 Jahren.
Sie halten hier die Stellung: Campingplatzbetreiberin Helga Steinmeyer (links) und Ilse Grub kennen sich seit über 40 Jahren. Quelle: jemi
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Stadthagen

„Die Idee hatten mein Mann und ich damals aus einer Laune heraus“, erinnert sie sich. Das Ehepaar traf damals einen Nerv, denn schnell waren alle Parzellen belegt. Wie früher ist der Campingplatz in Reinsdorf auch heute noch allein für Dauercamper gedacht. Die meisten Gäste verbringen mehrere Monate am Stück dort. Wirklich Urlaub machen die Menschen in Reinsdorf nicht – vielmehr ist es für viele das zweite zu Hause geworden. Hier zählt vor allem eines: die Ruhe.

Während es in Reinsdorf beinahe puristisch zugeht – es gibt kein Schwimmbad, Spielplätze oder Einkaufsmöglichkeiten – bieten andere Campingplätze in der Region mehrere Attraktionen, so wie in Rinteln am Doktorsee. „Die grüne Wiese reicht nicht mehr aus“, meint Uwe Deppe. Der Geschäftsführer der Doktorsee GmbH berichtet, dass auf dem Rintelner Campingplatz regelmäßig investiert werde, vor allem in sanitäre Anlagen. Aber auch Ladestationen für E-Autos, E-Bikes und Mobiltelefone gebe es mittlerweile.

Urlauber aus aller Welt

In Rinteln kehren viele Urlauber aus Nordrhein-Westfalen, Holland oder dem Emsland ein. Auch Australier, Skandinavier oder Engländer hätten schon in der Weserstadt ihr Zelt aufgeschlagen. Immer mehr im Trend seien Wohnmobile statt Wohnwagen. „Vor 20 Jahren haben die Urlauber die freie Zeit an einem Ort verbracht. Heute bleiben sie ein paar Tage und steuern dann ein neues Ziel an“, sagt Deppe. Die Urlauber wollen mehr erleben als früher, hat er beobachtet.

Mit den teuren und hochwertigen Wohnmobilen hätte sich auch das Publikum unter den Campern gewandelt. Bogenschießen, Karaoke und große Veranstaltungen wie Doktorsee in Flammen seien unter den Campern beliebt. Auch Radfahrer seien häufig auf dem Campingplatz zu finden, die ein einfaches Zelt im Gepäck haben oder etwa ein oder zwei Nächte in einem umgebauten Schlaf-Fass übernachten. Auch Appartements oder Wohnwagen können gemietet werden. In der Hauptsaison übernachten bis zu 5000 Menschen auf dem Campingplatz.

Ruhiger geht es auf dem Reisemobilplatz am Tropicana in Stadthagen zu. Das Ehepaar Brand aus Recklinghausen im Ruhrgebiet hat es sich vormittags im Schatten ihres Campers gemütlich gemacht. Im Internet waren sie auf den Stellplatz aufmerksam geworden und bereuen es nicht, in die Kreisstadt gekommen zu sein. „Wir haben hier genug Schatten, Rasen und eine Entsorgungsstation.“ Schade sei jedoch, dass das Tropicana geschlossen habe. Stadthagen sei nach mehreren Monaten auf Reisen und 20 000 gefahrenen Kilometern vorerst ihre letzte Station, bevor es in die Heimat zurückgehe. „Eigentlich wollen wir gar nicht zurück. NRW platzt aus allen Nähten“, klagt das Ehepaar, das neben dem Camper auch noch ihr Motorrad dabei hat.

Zwischenstation in Stadthagen

Auch Hans Brockhoff (70) aus Unna und Achim Schmidt (67) aus Ostfriesland legen in Stadthagen eine Zwischenstation ein. „Hier kann man sich richtig gut erholen und Kraft für die nächste Etappe schöpfen“, sagt Schmidt. Auch sie sind enttäuscht, dass das Tropicana geschlossen hat. Das ist aber auch ihr einziger Kritikpunkt.

Ihnen gefällt die historische Innenstadt und sie haben die Umgebung mit dem Fahrrad erkundet. Brockhoff und Schmidt sind Nachbarn auf Zeit und verstehen sich prächtig. Die Kontakte seien ein schöner Nebeneffekt beim Campen. Beide haben eine Hoffnung: Die Stadt solle nicht auf die Idee kommen, Geld für den Stellplatz zu nehmen. „Sonst kommen sicher weniger Camper. Und die, die dann noch kommen, sind nicht mehr gewillt, ihr Geld so freizügig in der Stadt im Restaurant oder den Geschäften auszugeben.“

Begeistert ist Brockhoff, dass es auf dem Platz freies WLAN gibt. Das sei längst nicht überall so. Und noch ein Lob möchten er und sein Campingnachbar noch loswerden: „Die Mitarbeiter des Tropicana sind unglaublich nett und hilfsbereit.“ Außerdem seien sie äußerst gewissenhaft und entsorgen täglich den Müll auf dem Platz. Die Ruhe und Ordnung hat sich offenbar rumgesprochen, denn der Platz sei stets gut besucht. „Vor fünf Jahren standen wir hier meistens alleine“, berichtet Schmidt, der bereits 15 Mal einen Zwischenstopp in Stadthagen eingelegt hat, und von dort seine Reisen fortsetzt.

Kein Gedanke ans Aufhören

Von Zwischenstopps kann in Reinsdorf derweil keine Rede sein. Hier kennen sich die Dauercamper seit Jahrzehnten. Einige von ihnen wohnen dort von April bis Oktober. Interessierte Dauercamper haben auch wieder eine Chance bei ihr unter zukommen. Für etwa 700 Euro im Jahr. „Wir sind hier eine große Familie“, sagt Helga Steinmeyer. Sie ist in diesem Jahr 80 Jahre alt geworden.

Ans Aufhören denke sie nicht. Auch nicht, wenn eine Krankheit dazwischen funkt. „Wir halten hier die Stellung“, meint Ilse Grub, die seit 1972 ihre Parzelle in Reinsdorf hegt und pflegt. „Die Luft ist hier einfach so gut. Da zehre ich den ganzen Winter von“, sagt die 86-Jährige aus Stadthagen. Auch Steinmeyer – ihr Wohnhaus steht ebenfalls auf dem Gelände – kann sich das Leben ohne ihren Campingplatz nicht vorstellen. Ihr Mann, der 2006 gestorben ist, habe alles aufgebaut. Aus einem Acker sei so viel entstanden. Heute sei der Platz allerdings eher ein Hobby als eine Verdienstmöglichkeit – und zwar ein teures. Das sagt sie fröhlich, ohne Kummer.

Vor einigen Jahren hat sie einen Grillplatz auf der großen Wiese am Eingang des Platzes eingerichtet. Dort sitze sie mit ihrer Camperfamilie von Zeit zu Zeit zusammen. „Entweder wir grillen oder essen Brötchen mit Feuerwehrmarmelade.“ Früher habe es Feste in den kleinen Sträßchen auf dem Campingplatz gegeben. Einer dieser Wege heißt übrigens „Rentnergasse“. „Das war einfach hinreißend, wenn mein Mann und ich beschwipst nach Hause gewankt sind“, erinnert sich Steinmeyer gerne. Vieles habe sich verändert. Sie müsse etwa mehr ihr Arbeitspensum beobachten. „Das hat man mit 80 Jahren aber raus“, schmunzelt sie.

Von Jennifer Minke-Beil