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Aus dem Landkreis Fast 30 Prozent der Stellen im Landkreis sind noch unbesetzt
Schaumburg Landkreis Aus dem Landkreis Fast 30 Prozent der Stellen im Landkreis sind noch unbesetzt
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20:10 13.08.2019
Koch Fabian Hebner, Auszubildende Celina Cammann: Im Riepener Schmiedegasthaus Gehrke ist wie in vielen Schaumburger Betrieben ein Ausbildungsplatz frei geblieben, in diesem Fall zum Koch. Quelle: rg
Landkreis

Zum Start des neuen Ausbildungsjahres gibt es in Schaumburg aktuell rund 240 freie Ausbildungsplätze. Damit sind noch 28 Prozent aller gemeldeten Lehrstellen unbesetzt.
„Aktuell haben wir in Schaumburg in fast allen Bereichen noch freie Ausbildungsstellen“, erklärt Kurth. Händeringend gesucht werden Azubis beispielsweise noch in der Altenpflege (14 offene Stellen) sowie in der Ernährungsbranche.

Wie die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) Hannover erklärt, haben Firmen in Schaumburg jetzt noch 31 freie Plätze für künftige Experten rund ums Essen und Trinken zu vergeben. Gewerkschafterin Lena Melcher appelliert an Schulabgänger, sich auch in der Ernährungsbranche umzusehen: Vom Süßwarentechnologen bis zur Chemielaborantin biete diese „hochtechnische Berufe“.

Die Ernährungsindustrie ist mit rund 1000 Beschäftigten allein im Landkreis Schaumburg ein „wichtiger Wirtschaftsfaktor in der Region“, so Melcher. Nach Einschätzung der NGG-Geschäftsführerin dürften gelernte Fachleute künftig kaum Probleme haben, hier eine passende Stelle zu finden. Gefragt sei insbesondere die Fachkraft für Lebensmitteltechnik. „Wer das lernt, hat nach der Ausbildung einen soliden Titel in der Hand. Je nach Betrieb können Gesellen eine Spezialisierung etwa für Getränke, Brot- oder Tiefkühlwaren draufsatteln und es bis zum Industriemeister bringen“, erklärt Melcher.

Unser Berufsfeld ist bei den jungen Leuten einfach nicht attraktiv und hip genug.

Veit Rauch , Fleischermeister

Die Digitalisierung schreite in diesem Berufsfeld so schnell voran wie in kaum einer anderen Branche. „Künstliche Intelligenz ist in der Ernährungsindustrie längst angekommen und steuert zum Beispiel Abläufe in der Lagerlogistik.“ Das mache die Jobs nicht nur für Mechatroniker und Computerspezialisten interessant.

Besonders düster sieht es mit Auszubildenden und Fachkräften bei den Fleischern aus. „Es gibt einfach niemanden, der den Beruf noch ausüben möchte“, sagt Fleischermeister Veit Rauch, der in fünf Geschäften 38 Mitarbeiter beschäftigt. Doch der Rintelner macht sich keine Illusionen, wenn er auf Nachwuchssuche ist: „Unser Berufsfeld ist bei den jungen Leuten einfach nicht attraktiv und hip genug.“ Er mache sich jedoch viele Gedanken, wie er junge Azubis für sich gewinnen und halten kann.

Seiner jetzigen Auszubildenden zahlt Rauch die 125 Euro monatlich, die sie für die Bahn ausgibt, um nach Hannover zur Berufsschule zu gelangen. Diese Aktion hat sogar RTL interessiert. Der Fernsehsender hat über Rauch berichtet.

„Wir müssen einfach moderner werden und in den sozialen Medien vertreten sein“, sagt Rauch. Man müsse sich „etwas einfallen lassen“, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Auch für die Suche nach einem Koch geht er andere Wege, als er es sich noch vor einigen Jahren hätte vorstellen können. „Ich suche in Rumänien und im Kosovo. Hier ist der Markt leer gefegt.“ Seit vier oder fünf Jahren spüre er die angespannte Lage auf dem Azubimarkt. Rauch betont, dass er sich mehr Unterstützung etwa von der Handwerkskammer wünscht.

„Auffällig sind wie immer die schwer zu besetzenden Stellen im HOGA-Bereich“, gibt Kurth Fleischermeister Rauch mit Blick auf Hotellerie und Gastronomie Recht. Gesucht würden noch zwölf Restaurantfachleute, fünf Hotelfachleute/Hotelkaufleute, 13 Köche, drei Bäcker und vier Bäcker-Fachverkäufer.

Verdienst wichtiger als früher

Neben den frühen Arbeitszeiten sieht Bäckermeister Olaf Hockemeier noch einen weiteren Grund, warum es die traditionellen Handwerksberufe so schwer haben. „Die jungen Leute gucken heute viel mehr darauf, was man in einem Beruf verdienen kann.“ Darauf habe er bei der Berufswahl gar nicht geachtet.

Diese Beobachtung hat auch Kurth bei der Beratung in der Arbeitsagentur gemacht. Die Gehaltsvorstellungen seien bei den Schulabgängern schon sehr ausgeprägt. Die Arbeitgeber berichteten zudem immer mehr, dass die Azubis von heute mehrere Ausbildungsverträge geschlossen haben und sich erst kurzfristig entscheiden, wo sie diese letztlich absolvieren.

Deswegen seien in den vergangenen Tagen noch fünf freie Stellen (vom Automobilkaufmann bis zum Tischler) für 2019 aufgenommen worden. Einige Stellen seien auch schon für das nächste Ausbildungsjahr gemeldet worden – bereits 95, ohne dass die Agentur überhaupt alle Firmen wie üblich schon angeschrieben habe. „Es bleibt also weiter spannend auf dem Ausbildungsmarkt“, so Kurth.

Weitere Infos rund um Berufe und offene Ausbildungsplätze gibt es auf www.berufenet.arbeitsagentur.de

von Mira Colic und Jennifer Minke-Beil