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Aus dem Landkreis Hans-Christian-Andersen-Schule: Eine Ära geht zu Ende
Schaumburg Landkreis Aus dem Landkreis Hans-Christian-Andersen-Schule: Eine Ära geht zu Ende
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22:12 25.06.2019
Sabine Thiedau-Waack (von links), Heide Nolte, Georg Bittner, Dagmar Box, Sascha Ebel und Susanne Wackerhahn treffen sich zum Abschied in ihrer Schule.
Sabine Thiedau-Waack (von links), Heide Nolte, Georg Bittner, Dagmar Box, Sascha Ebel und Susanne Wackerhahn treffen sich zum Abschied in ihrer Schule. Quelle: kcg
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Stadthagen

Eigentlich ist alles wie immer. Jugendliche laufen durch die Halle, lärmende Stimmen erfüllen die Flure, Türen fallen ins Schloss. Große Pause in der Hans-Christian-Andersen-Schule (HCA). Und doch ist alles ganz anders. Denn in wenigen Tagen geht die letzte Unterrichtsstunde für die verbliebenen 17 Schüler des Förderzentrums mit dem Schwerpunkt Lernen über die Bühne. Nach der Vergabe der Abschlusszeugnisse und der feierlichen Verabschiedung der Abgänger am Donnerstag schließt die Hans-Christian-Andersen-Schule an der Schachtstraße für immer ihre Türen.

Überraschend kommt der Abschied nicht. „Wir sind ein Auslaufmodell“, sagt Sascha Ebel, kommissarischer Leiter der HCA, lachend. Grund ist die Einführung der inklusiven Schule in Niedersachsen. Seit 2014 haben Schüler mit einem Förderbedarf Zugang zu allen öffentlichen Schulen. Die Folge: Seit 2014 wurden keine neuen Schüler an der HCA aufgenommen, der Unterricht an der einzig verbliebenen Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen in Schaumburg läuft zum Ende des Schuljahres aus. „Die Koffer sind gepackt, am 31. Juli übergeben wir dann alles besenrein an den Landkreis.“

Wir konnten pädagogisch kreativ werden und hatten viele tolle Angebote.

Georg Bittner , von 2004 bis 2015 Leiter der HCA

Wehmut schwingt mit, wenn Ebel und seine Kollegen über das Ende der HCA sprechen. Und sehr viel Stolz – auf eine Schule, die sich nicht nur mit Projekten wie der Schülerfirma Mister Apple und der umweltfreundlichen Ausrichtung landkreisweit einen Namen gemacht hat, sondern auch mit der besonderen Kooperation zwischen Schülern und Lehrern, mit einem Schulleben auf Augenhöhe.

Das zweite Zuhause

So jedenfalls beschreiben es die sechs Pädagogen, die an diesem Vormittag im Lehrerzimmer bei Kaffee und Keksen Erinnerungen austauschen. Susanne Wackerhahn, Dagmar Box, Sabine Thiedau-Waack, Heide Nolte und Georg Bittner haben alle jahrelang an der HCA unterrichtet. Für sie war die Schule ebenso Lebensmittelpunkt wie für ihre Schüler.

„Das ist mein zweites Zuhause“, betont Heide Nolte. Seit 41 Jahren unterrichtet sie an der Schachtstraße, 30 Jahre davon als Vertrauenslehrerin. Als Klassenlehrerin der Kombi-Klasse mit Neunt- und Zehntklässlern führte sie nun die letzten HCA-Schüler zum Abschluss. „Was wir hatten, war ein tolles Schulleben, was haben wir nicht alles auf die Beine gestellt. Und die Schüler geben einem so viel zurück.“

Es sei die familiäre Atmosphäre gewesen, die die HCA zu einem besonderen Ort gemacht habe. In den kleinen Klassen mit durchschnittlich 13 Kindern sei es möglich gewesen, auf jeden Schüler individuell eingehen zu können. „Jeder kannte jeden. Und im Kollegium konnten wir uns immer aufeinander verlassen“, schwärmt Nolte.

Keine 08/15-Arbeit

Auch Georg Bittner, von 2004 bis 2015 Leiter der HCA, erklärt mit Nachdruck: „Das war keine 08/15-Arbeit. Wir konnten pädagogisch kreativ werden und hatten viele tolle Angebote.“ Bittner zählt auf: die vielen Aktionen zum Thema Umweltschutz, den Tag der Naturwissenschaften, soziale Projekte wie den Run for Help oder die Präventionstage.
Und dann natürlich Mister Apple. Was 2004 als Schulkiosk von Eltern startete, hat sich über die Schüler-AG hin zu einer überregional bekannten und nachhaltig wirtschaftenden Schülerfirma entwickelt, die Cateringaufträge von Stadthagen bis Hannover bekam und einmal wöchentlich gesunde Leckereien in der HCA verkaufte.

„Wir waren ein richtiges kleines Unternehmen“, sagt Susanne Wackerhahn als ehemalige betreuende Lehrerin von Mr. Apple. In den unterschiedlichen Bereichen von der Wäscheabteilung über den Einkauf und die Zubereitung der gesunden Snacks bis hin zum Marketing und der Buchhaltung haben die Schüler so einiges über das Berufsleben gelernt. „Das ganze war eine berufsvorbereitende Maßnahme“, erklärt die inzwischen pensionierte Pädagogin und fügt hinzu: „Die Schüler mussten richtige Bewerbungen schreiben, um mitmachen zu können, sie mussten die Abrechnung machen und viel Verantwortung tragen.“ Der Höhepunkt: Die Vorstellung von Mister Apple im ZDF inklusive Reise nach Mainz. „Das war einfach wunderbar. Wir als Lehrer haben viel Energie hinein gesteckt, aber wir bekamen doppelt so viel Energie von den Schülern zurück. Und die waren unglaublich stolz auf sich.“

Respekt, Höflichkeit und Freude am Lernen

Doch die Schülerfirma bewirkte noch mehr. „Vorteil von Mister Apple war ja auch, dass sich unsere Schüler in der Öffentlichkeit zeigen mussten. Und dann haben sich immer alle die Augen gerieben und gesehen: das sind ja ganz normale Menschen, die einfach Probleme im Lernen haben“, berichtet Bittner. Das Projekt habe vor allem für den oft negativen Ruf der Förderschüler viel Positives gebracht. „Die Ausbildungsbetriebe haben gemerkt, dass man unsere Schüler einstellen kann, dass sie ausbildungsfähig sind.“

Respekt, Höflichkeit und Freude am Lernen: Fast noch wichtiger als der Unterrichtsstoff seien zentrale Werte des menschlichen Zusammenlebens an der Schule gewesen, betonen die sechs Pädagogen. Und das große Engagement der Lehrer, sich um jeden Schüler zu bemühen. „Was bei unserer Arbeit nicht geht, ist, uns vor die Klasse zu stellen und zu sagen: Buch raus, jetzt mal Unterricht“, sagt Ebel. Unterricht, das sei in erster Linie Beziehungsarbeit, es gehe darum, die Schüler durch viel Wohlwollen und Interesse für ihren jeweiligen persönlichen Hintergrund fürs Lernen zu motivieren. „Wir haben um jeden gerungen“, ergänzt Bittner angesichts der steigenden Anzahl von Kindern, die außer Lernproblemen auch noch soziale Schwierigkeiten hätten.

Gemeinsam an Problemen arbeiten

Herausfordernd für die Kollegen sei dabei auch der Spagat gewesen, zusätzlich zur Arbeit an der HCA in der Inklusion an anderen allgemeinbildenden Schulen zu unterrichten. Wie das funktionieren kann? „Durch die gute und enge Zusammenarbeit mit den Kollegen“, erklärt Sabine Thiedau-Waack, die seit 1987 sowohl an der Hans-Christian-Andersen-Schule als auch an der Grundschule in Sachsenhagen arbeitet. Klassenleitungen seien beispielsweise zu zweit gemanagt worden, damit die Kinder immer einen Ansprechpartner im Hause hatten, wenn der zweite Lehrer gerade an einer anderen Schule im Einsatz war. „Und nachmittags haben wir dann telefoniert und uns über die Vorkommnisse in der Klasse informiert.“

Auch dieser „offene, transparente Geist“ im Umgang der Kollegen untereinander habe die Schule maßgeblich geprägt. „Statt leise vor sich hin zu leiden, haben wir gemeinsam an Problemen gearbeitet, diese Qualität der Zusammenarbeit ist in Schulen nicht selbstverständlich“, meint Bittner. Und sagt mit Nachdruck: „Wir sind alle ein bisschen traurig, dass das jetzt ein Ende erfährt. Ich persönlich habe beruflich gesehen hier meine schönste Zeit erlebt.“ von Katharina Grimpe

Inklusive Schule mit Leben füllen

Kinder mit einem Förderbedarf im Bereich Lernen werden in Schaumburg künftig ausschließlich an den Regelschulen unterrichtet – gemeinsam von Regelschullehrern und Förderschulpädagogen. Das ist für Sascha Ebel, kommissarischer HCA-Leiter, ein Meilenstein in Sachen Inklusion. Nichtsdestotrotz müssten sowohl Schulträger und Land als auch die Lehrkräfte gemeinsam daran arbeiten, die inklusive Schule mit Leben zu füllen.

„Inklusion ist unbedingt die richtige Idee“, betont Ebel. Für die große Mehrheit der Schüler treffe die Aussage zu, „dass wir das gut hinbekommen“. Arbeiten müsse man nun am guten Austausch zwischen den Kollegen an den Schulen, die täglich aufs Neue mit ihren Schülern in Beziehung treten. „Da geht es ja nicht nur um Kinder mit einem festgestellten Förderbedarf, sondern auch um Kinder, die aus schwierigen häuslichen Verhältnissen kommen und deshalb Lernschwierigkeiten haben.“

Jedes Kind individuell in den Blick nehmen

Ein guter, inklusiv unterrichtender Lehrer habe die Aufgabe, jedes Kind individuell in den Blick zu nehmen und zu motivieren. „Auch Regelschullehrer arbeiten gerne mit den jungen Menschen, der Blick ist manchmal mehr fachlich orientiert. Die Förderschullehrer sind die, die mehr links und rechts gucken. Beide müssen voneinander lernen“, sagt Ebel.

Auch nach Ansicht des ehemaligen HCA-Leiters Georg Bittner habe Schule an sich viel mehr Sozialarbeit, Erziehungsarbeit und Förderung zu leisten als noch vor 20 Jahren. „Dem muss strukturell Rechnung getragen werden“, sagt Bittner und regt an, noch mehr Förderstunden in die Grundschulen zu bringen, um die Kinder bereits „an der Basis“ adäquat inklusiv beschulen zu können. „Das Personal der Förderschulen gehört in die Grundschulen.“ kcg

 

Ein Blick in die Schulchronik

Premiere in Stadthagen: In der 1957 gegründeten Hilfsschule wurden Mädchen und Jungen erstmals in der Kreisstadt zusammen unterrichtet. Unterkunft für die ersten 23 Hilfsschüler war eine Baracke auf dem Hof der Bürgerknabenschule. 1961 wurde der Name „Sonderschule“ eingeführt, die mittlerweile vier Klassen umfassende Einrichtung wechselte in den Landsbergschen Hof. In den Sechzigern führte der Lehrer Heinrich Wegner den mobilen Dienst Sprache ein, ein Pilotprojekt für die Sprachtherapie.

Wegen der zunehmenden Platznot im Landsbergschen Hof begann 1975 der Neubau an der Schachtstraße, Richtfest am 5,3 Millionen Mark teuren Gebäude wurde ein Jahr später gefeiert. Der Bau der Kreissporthalle in unmittelbarer Nachbarschaft ermöglichte seit 1985 einen vernünftigen Sportunterricht. 1986 bekam die „Sonderschule für Lernbehinderung“ den Namen Hans-Christian-Andersen-Schule. Die Schülerzahl erreichte mit knapp 180 Kindern einen Höchststand, 30 bis 35 Lehrer waren vor Ort.

1991 wird die 10. Klasse eingeführt und damit die Möglichkeit, den Hauptschulabschluss zu erreichen. 1993 kooperierte die HCA erstmals mit den Berufsbildenden Schulen, der Unterrichtsverbund besteht bis heute fort. 2006 startete die Förderschule mit dem offenen Ganztagsangebot.

Mitte der achtziger Jahre geriet der Standort der HCA an der Schachtstraße kurzfristig in Gefahr. Der Landkreis hatte geplant, die neu einzurichtende IGS im Gebäude unterzubringen. Abgewendet wurde eine Umsiedlung nur durch die Genehmigung für einen IGS-Neubau nebenan. Vor zwei Jahren dann, als die Schülerzahl der HCA immer kleiner wurde, zog der elfte Jahrgang der Integrierten Gesamtschule in das Haus ein. In naher Zukunft soll die komplette Oberstufe das Gebäude übernehmen. Der Schulausschuss empfahl jüngst einen Anbau, um die IGS-Schüler unterzubringen. Nach Auskunft der zuständigen Kreisdezernentin Katharina Augath muss der Kreisausschuss noch zustimmen, bevor in der zweiten Hälfte 2020 mit dem Bau begonnen werden kann.