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Aus dem Landkreis Hebammen in Schaumburg stellen Akademisierung infrage
Schaumburg Landkreis Aus dem Landkreis Hebammen in Schaumburg stellen Akademisierung infrage
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10:55 20.10.2018
Wie geht es dem Baby im Bauch? Eine Hebamme untersuchte eine schwangere Frau. Quelle: dpa
LANDKREIS

Doris Wellenbrocks Mobiltelefon klingelt täglich etwa 30 Mal. Junge Frauen, die gerade ein Kind bekommen haben, fragen die erfahrene Hebamme um Rat.

Es kommen aber auch regelmäßig Anfragen für Nachsorgen. Die muss Wellenbrock immer häufiger ablehnen. „Ich kann eine Betreuung erst wieder anbieten, wenn der Entbindungstermin nach dem 30. Juni 2019 liegt“, berichtet die 54-Jährige aus Meerbeck. Der Mangel an Hebammen im Landkreis werde somit immer deutlicher spürbar.

Da der Nachwuchs an Hebammen nicht nur in Schaumburg ausbleibt, hat die Politik reagiert und erklärt, dass die Ausbildung akademisiert wird, um den Beruf attraktiver zu machen. Damit wird eine EU-Richtlinie umgesetzt. Statt in Hebammenschulen werden Hebammen und Entbindungspfleger in Zukunft in einem dualen Studium auf den Beruf vorbereitet.

Ob das wirklich die Lösung ist, um dem Hebammenmangel entgegenzuwirken, ist fraglich. Das meinen zumindest die Hebammen aus dem Landkreis. „Unter den Hebammen wird der Vorstoß der Politik durchaus kontrovers diskutiert“, sagt Wellenbrock. Auch sie glaubt nicht, dass eine Akademisierung das Problem lösen wird.

Dem Beruf würde derzeit die Lobby fehlen. Hinzu kämen die große Verantwortung und Überstunden. Sie plädiert dafür, dass die praktische Arbeit auch bei einem Studium nicht zu kurz kommen dürfe und weiterhin einen Großteil ausmachen müsse.

Professionalisierung unerlässlich

Das sieht auch Meike Meier aus Bückeburg so, aber eine fortschreitende Professionalisierung sei unerlässlich. „Die Geburt verändert sich nie, aber die Rahmenbedingungen schon.“ Die 40-Jährige ist den Weg der akademischen Laufbahn bereits gegangen und hat den Bachelorabschluss absolviert. Außerdem ist sie Lehrkraft an der Akademie für Gesundheitsberufe der Mühlenkreiskliniken und stellvertretende leitende Hebamme im Johannes Wesling Klinikum Minden.

Da der Mangel an Hebammen immer dramatischer wird, ist es aus ihrer Sicht wichtig, vorausschauend zu handeln. Zumal sich die Situation mit Blick auf das Alter zahlreicher Hebammen im Landkreis in einigen Jahren noch verschärfen werde. In Minden werden bislang alle drei Jahre 20 Hebammen ausgebildet. „Außer der Reihe bieten wir jetzt zum 1. April weitere 20 Plätze an“, berichtet Meier. Man müsse dem Mangel aktiv entgegentreten

Oliver Neuhaus, Direktor der Akademie für Gesundheitsberufe der Mühlenkreiskliniken, sieht durch die Umstellung in der Ausbildung Positives, aber auch Gefahren: „Wir befürchten, dass es durch die Akademisierung zu einer Reduzierung von Ausbildungsstätten und die damit verbundene Zentralisierung der Ausbildung an nur wenigen Hochschulen in Deutschland weniger Hebammen im ländlichen Bereich geben wird.“

Meier bestätigt, dass viele Hebammen örtlich gebunden sind – beispielsweise familiär –, die für das Studium nicht in Großstädte gehen würden. „Wir verlieren damit potenzielle Bewerber in der Region“, befürchtet Neuhaus. Dass die Ausbildungsvergütung, die zwischen 1090 und 1250 Euro liegt, während des Studiums wegfalle, sei seiner Ansicht ebenso ein kritischer Punkt.

Schon jetzt habe der Großteil der Absolventen mindestens ein Fachabitur vorzuweisen, berichtet Meier. Das sei in Zukunft dann Voraussetzung für ein Studium –also noch ein Faktor, der es Anwärterinnen erschwere, den Beruf zu ergreifen.

Mit Ärzten auf Augenhöhe

Wie für Wellenbrock ist auch für Meier essenziell, dass der Praxisteil in der Ausbildung hoch bleibt. Bisher nehme er zwei Drittel der Zeit ein. Theorie und simulative Trainingseinheiten ersetzen niemals den Kreißsaal, ist sich die Hebamme sicher. „Nach drei Jahren Ausbildung müssen nicht nur die Handgriffe sitzen. Man muss auch belastbar sein, koordinieren und Situationen einschätzen können.“

Ob eine akademische Ausbildung auch die Anerkennung des Berufsstands erhöht –mit dieser These ist die Schaumburger Hebamme Melanie Saecker zurückhaltend. Wünschenswert sei eine größere Wertschätzung, um mit den Ärzten auf Augenhöhe agieren zu können.

Letztendlich müsste sich der Zustand im Kreißsaal verbessern. Dazu gehöre auch der Verdienst, meint Hebamme Karin Ziemer aus Stadthagen, die seit fast 30 Jahre ihren Beruf ausübt. „Wenn die Ausbildung akademisiert wird, steigt sicher auch das Gehalt.“ Das sei bei der großen Verantwortung, die der Beruf mit sich bringe, notwendig.

Für Doris Wellenbrock steht fest, dass sie immer wieder Hebamme werden würde. Der Beruf erfülle sie auch heute noch mit einer großen Zufriedenheit. Und das, obwohl „keine Hebamme wirklich wirtschaftlich arbeitet“. jemi

Die Ausbildung

Die Ausbildung an der Akademie für Gesundheitsberufe umfasst mehr als 1600 Stunden Theorie und 3000 Stunden Praxis. Der praktische Ausbildungsteil wird an den Klinikstandorten der Mühlenkreiskliniken durchgeführt. Die dreijährige Ausbildung endet mit einer staatlichen Prüfung.

Die Akademie für Gesundheitsberufe der Mühlenkreiskliniken startet zum 1. April 2019 einen außerplanmäßigen Hebammenkurs Bewerbungen mit Lebenslauf und Zeugnissen werden per E-Mail oder Post angenommen unter Akademie für Gesundheitsberufe, Hebammenschule, Johansenstraße 6, in Minden, akademie@muehlenkreiskliniken.de.