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Aus dem Landkreis Jeder dritte Unfallfahrer flüchtet
Schaumburg Landkreis Aus dem Landkreis Jeder dritte Unfallfahrer flüchtet
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00:21 20.05.2019
Immer mehr Autofahrer ergreifen nach einem Unfall die Flucht. Quelle: dpa
Landkreis

Dass er von dem Unfall nichts gemerkt hat, dürfte der Fahrer nur schwerlich behaupten können. Schließlich hat er durch die Wucht des Aufpralls das hinter ihm parkende Auto um mehrere Meter verschoben. So geschehen am 10. Mai in Rinteln. Am selben Tag ist ein jugendlicher Mountainbiker in Bückeburg auf ein haltendes Fahrzeug aufgefahren und anschließend geflüchtet. Mit Unfallfluchten haben die Polizeikommissariate in Schaumburg mehrmals täglich zu tun. Im vergangenen Jahr waren es 1004 – ein Anstieg um 86 im Vergleich zum Vorjahr (918) und sogar 145 mehr als 2016 (859).

Inzwischen kommt es bei fast jedem fünften Unfall in Niedersachsen zur Fahrerflucht. In Schaumburg ist es sogar fast jeder dritte Fahrer, der flüchtet – ausgehend von 3749 Unfällen 2018. „Das ist eine Straftat und kein Kavaliersdelikt“, sagt Werner Müller, Polizeihauptkommissar bei der Polizeiinspektion Nienburg/Schaumburg und zuständig für das Sachgebiet Verkehr. Deswegen hält Müller auch nichts von dem Begriff „Parkrempler“, „das hört sich nach, ,das kann ja mal passieren‘ an“. Er präferiert die wertfreie Aussage „Parkplatzunfall“. Denn: „Eine Unfallflucht ist genauso eine Straftat wie eine Körperverletzung.“

Diese könne sogar noch hinzukommen, wenn Menschen bei dem Unfall zu Schaden gekommen sind. „Der Anteil der Unfälle mit Verletzten ist jedoch gering, auch sind die Verletzungen meist nicht so gravierend“, sagt Müller. Im vergangenen Jahr gab es 43 Verletzte bei einer Unfallflucht (2017: 45; 2016: 36). Schwere oder sogar tödliche Verletzungen seien „die absolute Ausnahme“. Im vergangenen Jahr ist ein Radfahrer aus Bückeburg an der B 65 im Bereich Müsingen/Hannoversche Straße von einem Auto angefahren und tödlich verletzt worden. Der Verursacher wurde nicht gefunden.

Autos breiter und besser isoliert

Im Vergleich mit Nienburg wird deutlich, wie viel höher die Zahl der Unfallfluchten in Schaumburg ist. Nahezu doppelt so oft verlassen Fahrer hier die Unfallstelle – obwohl die Zahl der Unfälle 2018 nur um 700 höher lag (Nienburg: 3050). Müller vermutet, dass dies an der unterschiedlichen Siedlungsstruktur liegt. „Im Landkreis Nienburg ist eher ein ländlicher Raum vorhanden, in Schaumburg eher ein kompakt urbaner.“ Außerdem seien in der Regel in Nienburg weniger Großmärkte zu finden als in den dichter besiedelten Bereichen wie etwa Bückeburg, Obernkirchen, Bad Eilsen oder Bad Nenndorf, Rodenberg, Lauenau und Stadthagen selbst mit den angrenzenden Bereichen von Nienstädt. Belegen lasse sich dies anhand von belastbaren Zahlen jedoch nicht.

Die Landesverkehrswacht erklärt die steigenden Unfallfluchtzahlen mit der Qualität der Autos: breiter und besser schallisoliert. Letzteres glaubt Müller jedoch nicht. Dass ein Kontakt überhaupt nicht bemerkt werde, halte er „für fast ausgeschlossen. Der kleinste Anstoß ist wahrnehmbar“. Für Müller sind andere Gründe wahrscheinlicher: „Möglicherweise spielt auch das schlechte Gewissen eine große Rolle.“ Also die Frage: „Wie sag ich das meiner Frau oder meinem Mann, dass mir ein solches Missgeschick passiert ist? Bestehen jetzt Zweifel an meiner Fahrtauglichkeit? Muss ich damit rechnen, den Führerschein entzogen zu bekommen?“ Vielleicht sei es auch die Angst vor entstehenden Kosten.

Ein weiterer Aspekt sei die Gestaltung des Parkraumes. Oft entsprechen die Maße des Fahrzeugs nicht mehr den örtlichen Gegebenheiten. „Die Fahrzeuge passen einfach nicht mehr in die Markierungen und beim Aussteigen, aber auch beim Ein- und Ausfahren kommt es zu Schäden.“

Parkplätze zu klein

Für den Landkreis Schaumburg waren im Jahr 2016 nach Angaben Müllers an elf Einkaufsmärkten 641 Verkehrsunfälle zu verzeichnen. Dabei wurde in 294 Mal die Flucht ergriffen. Die Chance einer Aufklärung sei in solchen Fällen gering, insbesondere wenn es keine Zeugen oder Videoaufzeichnungen gebe. Die Aufklärungsquote bei Unfallfluchten lag 2018 bei 36 Prozent.

„Die Fallzahl dürfte sich nach wie vor in diesem Bereich bewegen, möglicherweise ist sie auch minimal zurückgegangen, da vermehrt Neubauten errichtet wurden.“ Die Empfehlung des ADAC für einen Stellplatz liege laut Müller bei 2,50 Metern. „Die reichen nach meinem Empfinden nicht mehr. 2,80 Meter sollten es schon sein, aber das verringert natürlich die Zahl an Parkplätzen.“ Mit der Erhebung aus dem Jahr 2016 sind die Beamten auch zu Marktbetreibern gegangen, um ihnen die Vorteile von größeren Parkplätzen vorzustellen.

Hinsichtlich der Strafen sieht das Strafgesetzbuch (Paragraf 142) eine Geld- oder Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren vor. Nach einer Fahrerflucht können die Folgen außerdem aus drei Punkten in Flensburg, einem Fahrverbot von maximal drei Monaten sowie der Entziehung des Führerscheins bestehen. Was den unfallflüchtigen Fahrer letztendlich erwartet, richtet sich nach der Höhe des vorliegenden Schadens. „Dabei spielen die Schadenshöhe, das Gesamtverhalten und die bisherige Karriere eine Rolle“, erklärt Müller.

So sagt die aktuelle Rechtsprechung des Landgerichts Offenburg, dass ein erheblicher Schaden erst ab einem Wert von 1500 Euro anzunehmen sei, da die Preisentwicklung dementsprechend vorangeschritten sei. Dies habe dann unmittelbar Einfluss auf die Entziehungsanordnung, da hier ein erheblicher Schaden vorliegen müsse.

Wer im Nachhinein Reue zeigt und sich bei der Polizei selbst anzeigt, kann auf eine mildere Strafe hoffen oder dieser eventuell ganz entgehen. Dies ist allerdings nur bei einem geringen Schaden möglich. Die Polizei darf noch nicht in dem Fall ermitteln und die Selbstanzeige muss innerhalb von 24 Stunden nach dem Unfall erfolgen. col

Rummss –und jetzt?

Im Jahr 2017 ist die landesweite Präventionskampagne „Rummss“ an den Start gegangen, die mit Tipps für das „korrekte Verhalten“ gibt. Entgegen der verbreiteten Annahme, man könne der mit der Fahrerflucht verbundenen Strafe aus dem Weg gehen, indem man einen Zettel mit der eigenen Telefonnummer unter den Scheibenwischer klemmt, macht sich die Person auch dann strafbar. In einer solchen Situation sind Betroffene dazu verpflichtet, eine angemessene Zeit zu warten – bei einem leichten Parkunfall zwischen 15 und 30 Minuten, bei einem schweren Parkschaden auch bis zu zwei Stunden. Sollte dann der Fahrer des betroffenen Fahrzeugs immer noch nicht erschienen sein, muss die Polizei gerufen werden, die den Halter ermittelt und den Schaden aufnimmt. Auch eine Schramme mit dem Einkaufswagen gilt als Unfall. col