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Aus dem Landkreis Landeskirche zur Homo-Ehe: "Wir verweigern uns nicht"
Schaumburg Landkreis Aus dem Landkreis Landeskirche zur Homo-Ehe: "Wir verweigern uns nicht"
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07:18 11.07.2019
Landesbischof Dr. Karl-Hinrich Manzke: „Ich habe bereits auf der Herbstsynode 2017 betont, wie sehr ich die politische Entscheidung begrüße, die die Diskriminierung für homosexuelle Paare endlich beseitigt.“ Quelle: Michael Werk
Landkreis

Vor dem Gesetz sind Homosexuelle seit dem 1. Oktober 2017 gleichgestellt, seitdem gilt in Deutschland die Ehe für alle. In der bundesdeutschen Gesellschaft, unter anderem auch in den Kirchen und Gemeinden, ist diese Entscheidung – ebenso wie damals im Bundestag selbst, als der Fraktionszwang aufgehoben wurde –, durchaus umstritten. Für die Kirchen in Deutschland stellt sich unter anderem die Frage: Dürfen Gleichgeschlechtliche vor den Altar treten und getraut oder wenigstens gesegnet werden? Fragen, über die die Evangelisch-Lutherischen Landeskirchen nicht nur in Deutschland zum Teil seit Jahren diskutieren. Während die meisten evangelischen Landeskirchen in der Frage bereits Entscheidungen getroffen haben – nur einige stellen dabei die Trauung von heterosexuellen und homosexuellen Paaren völlig gleich –, wird in der Schaumburg-Lippischen Landeskirche noch diskutiert. Wir haben mit Landesbischof Dr. Karl-Hinrich Manzke und dem Theologischen Referenten Lutz Gräber über das Thema gesprochen.

Wie ist das Thema Trauung oder Segnung derzeit in der Landeskirche geregelt?

Manzke: Wir sprechen jedem verpartnerten oder verheirateten Paar, das darum bittet, den Segen für ihre Partnerschaft zu. Neben der seelsorgerlichen Verpflichtung jeder Pastorin, jedes Pastors, allen Menschen beizustehen, gibt es eine vorläufige Handreichung, die eine gottesdienstähnliche, wenn auch bisher nichtöffentliche Segens-Handlung vorsieht. Wir lassen homosexuelle Paare mit ihrem Anliegen nicht allein und diskriminieren sie schon gar nicht. Wir verweigern uns nicht. Wir sind kein gallisches Dorf, wie uns jüngst fälschlicherweise vorgeworfen worden ist. Im Übrigen habe ich bereits auf der Herbstsynode 2017 betont, wie sehr ich die politische Entscheidung begrüße, die die Diskriminierung homosexueller Paare endlich beseitigt.

Wann wird aus dem vorläufigen ein endgültiger Beschluss?
Manzke: Der synodale Ausschuss arbeitet seit zwei Jahren mit Hochdruck an dem Thema und hat die Arbeitsintensität weiter erhöht, weil allen die Dringlichkeit bewusst ist. Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen, wir sind aber auf dem Weg zu einer Klärung, die andere evangelische Landeskirchen in Deutschland zum Teil auch gerade erst in den vergangenen Monaten herbeigeführt haben. Auf der Herbstsynode 2019, so ist es geplant, wird der Synodalausschuss einen Bericht geben.

Warum dauert die Entscheidungsfindung so lange?
Gräber: Die theologische Bearbeitung des Themas, insbesondere aufgrund des biblischen Befundes, der kulturellen Prägung und der damit verbundenen innerkirchlichen Auseinandersetzung, verlangt große Sorgfalt. Mit dieser Sorgfalt und Zielorientierung arbeitet der synodale Ausschuss an dem Thema. Wie wichtig das ist, zeigt der Befund, dass der Weg und die getroffenen Entscheidungen in allen evangelischen Landeskirchen in Deutschland nach wie vor zum Teil sehr heftig umstritten sind.

Zerreißproben also, vor der auch die Schaumburg-lippische Landeskirche steht?
Manzke: Nein, wir wollen das für unsere Landeskirche unbedingt vermeiden. Daher ist es klug für unsere Kirche, möglichst alle mitzunehmen. Gerade bei unserer kleinen Landeskirche mit ihren 22 Gemeinden ist der Zusammenhalt auch in umstrittenen und schwierigen Fragen ungeheuer wichtig. In großen Landeskirchen mit hunderten von Gemeinden sind regionale Lösungen eher möglich. Wenn es bei uns in den Gemeinden zu Auseinandersetzungen käme, könnten wir das nicht oder nur sehr schwer auffangen. Deshalb wollen wir unter allen Umständen darauf hinwirken, einvernehmliche Lösungen zu finden, die keinen überfordern. Eines ist dabei aber auch zu beachten: Entscheidungen und Äußerungen von christlichen Kirchen sind ja nicht einfach beliebig und können sich nicht nur nach dem jeweiligen Zeitgeist ausrichten. Sondern sie müssen sich vor den Menschen und auch vor den Aussagen der Heiligen Schrift und des Bekenntnisses verantworten.

Warum tut sich Kirche schwer mit dem Thema Homosexualität?
Gräber: Neben der theologischen Bearbeitung darf nicht außer Acht gelassen werden, dass Deutschland weltweit erst das 24. Land ist, in dem der Gesetzgeber die „Ehe für alle“ rechtlich geregelt hat. Und was noch schwerer wiegt: 85 Prozent der Kirchen der weltweiten Christenheit, insbesondere die römisch-katholische und die orthodoxen Kirchen, aber auch viele evangelische Kirchen in der weltweiten Ökumene, sind momentan gegen jede Form von Segen für homosexuelle Paare. Die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Schaumburg-Lippe spricht sich deutlich gegen diese strikt ablehnende Haltung aus – und tut das schon lange.

Können Sie schon sagen, in welche Richtung die Schaumburg-Lippische Landeskirche gehen kann?
Manzke: Auch wenn wir noch im Beratungsprozess sind, dessen Ergebnis wir nicht vorgreifen können, ist die Richtung wohl deutlich. An erster Stelle stehen für uns die Menschen. Auf den Wunsch der homosexuellen Paare, für ihren gemeinsamen Lebensweg gesegnet zu werden, wollen wir unbedingt eingehen. Dabei beachten wir die biblischen Grundlagen und nehmen sie ernst. Deshalb suchen wir im Ausschuss nach einer Form und Gestalt der Segenshandlung, die dieser Grundlage am besten entspricht. Das wollen wir so zeitnah wie möglich tun. Die Arbeit an diesem Thema braucht aber notwendige Sorgfalt – um der Einheit der Kirche willen. Und ich glaube auch, das bewährt sich am Ende.

Interview: Stefan Reineking, Raimund Cremers

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