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Aus dem Landkreis Nach dem Schaumburger Modell: Nur noch eine riesige Klinik für alle?
Schaumburg Landkreis Aus dem Landkreis Nach dem Schaumburger Modell: Nur noch eine riesige Klinik für alle?
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07:06 30.07.2019
Das Agaplesion-Klinikum in Vehlen. Quelle: Archiv
Landkreis

Gebündelte ärztliche Erfahrung und eine besonders gute Ausstattung sollen die Versorgung der Patienten sichern. Also genau das Modell, das in Schaumburg mit der Einweihung des neuen Gesamtklinikums in Vehlen Realität wurde. Aus drei Standorten – Rinteln, Bückeburg, Stadthagen – wurde einer. Doch wie geht es für die Kliniken in der Region weiter? Diese Zeitung hat bei den Betreibern nachgefragt.

„Qualität kann aus unserer Sicht schon gesteigert werden, wenn man Leistungen bündelt“, sagt Dr. Markus Horneber, Vorstandsvorsitzender der Agaplesion gAG in Frankfurt. Der kirchliche Konzern betreibt das neue, für 140 Millionen Euro gebaute Klinikum Schaumburg, sowie das Klinikum Holzminden und das Bathildis-Krankenhaus in Bad Pyrmont. „Das würde wohl als letztes stillgelegt“, sagt Horneber über den Schaumburger Neubau. Ebenso wenig kann er sich vorstellen, dass man über ein Krankenhaus wie das Bathildis mit seiner „gut aufgestellten“ Neurochirurgie ernsthaft streiten würde.

Fachkompetenz versus Grundversorgung

„Die Studie ist sehr schematisch, man muss sich die Situation vor Ort, insbesondere in ländlichen Gegenden, genau anschauen“, sagt Agaplesion-Chef Horneber. Und zwar nicht nur im Hinblick auf Erreichbarkeit, es gehe auch um soziale Aspekte, um die Frage: Kann ich das älteren Menschen zumuten? In der Fläche sei es wichtig, eine gute Grundversorgung vorzuhalten, Schlaganfälle oder Herzinfarkte versorgen zu können. Vom Sana-Klinikum in Hameln heißt es schriftlich: „Die regionalen Besonderheiten müssen, wie von der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) vorgeschlagen, in die strategischen Überlegungen einbezogen werden.“ Das Sana ist auf der Linie der DKG, die von einem „Kahlschlag in der Gesundheitsversorgung“ spricht. „Das ist das exakte Gegenteil dessen, was die Kommission ‚Gleichwertige Lebensverhältnisse‘ gerade für die ländlichen Räume gefordert hat“, erklärte der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Dr. Gerald Gaß.

Das sieht Uwe Janosch, Geschäftsführer der BDH-Klinik in Hessisch-Oldendorf, die auf Schlaganfallpatienten spezialisiert ist, ganz genauso. Manch eine kleine Klinik könnte zwar qualitativ besser sein, als sie derzeit ist, „das können wir nicht wegreden“, sagt Janosch. Und unstrittig sei auch, dass manche Sachen mehr Routine bräuchten. Dennoch ginge mit dem Klinikabbau ein erheblicher Bettenabbau einher, dabei reichten die Betten gefühlt jetzt schon nicht .“

Stolperstein Föderalismus

Krankenhäuser sind Ländersache – das ist wirtschaftlich gesehen nicht immer zielführend: So steht das neue Klinikum in Schaumburg keine 30 Kilometer vom Maximalversorger in Minden entfernt. „Das ist eine Absurdität, dass Krankenhausplanung an Landesgrenzen halt macht“, sagt Agaplesion-Vorstandsvorsitzender Horneber. Es sei ein Unterschied zu Dänemark oder anderen Staaten, die nicht so eine komplexe Situation aus Länderzuständigkeit und Bundeszuständigkeit haben. „In Dänemark sind es staatliche Krankenhäuser, da legt der Staat fest, was passiert, da kann der Staat auch schließen und neubauen.

Das geht bei uns wegen der föderalen Struktur nicht. Unser Gesundheitssystem ist sehr komplex und trägt viele Fehlanreize in sich. Deshalb kommen wir nicht so schnell zu übergreifenden Strukturen, wie sie in der Studie beschrieben sind, auch wenn die Zielrichtung stimmt.“ Eine offizielle Stellungnahme zum Föderalismus im Krankenhausbereich möchte Christian Busse, Pressesprecher des Johannes-Wesling-Klinikums (JWK) Minden, nicht abgegeben. „Das ist eine politische Frage, zu der wir nichts sagen können.“

Die Studie zieht als Vorbild Dänemark heran. Dort gibt es pro Kopf weniger, aber sehr gut ausgestattete Kliniken. Übertrüge man das Modell auf die Bundesrepublik, bräuchte man einen Investitionsbedarf jenseits von 80 Milliarden Euro, sagte Rudolf Henke, Vorsitzender des Marburger Bundes. Janosch und Horneber sehen das genauso.

Länder investieren weniger als 50 Prozent

„Die Länder werden ihren Investitionsverpflichtungen von rund sechs Milliarden Euro schon jetzt nur zu 40 bis 50 Prozent gerecht, wenn überhaupt“, sagt Horneber. Insofern sei es illusorisch, einen solchen Umbau schnell hinzubekommen. JWK-Pressesprecher Busse ergänzt, dass die Bundesländer ihren Verpflichtungen unterschiedlich stark nachkommen. Niedersachsen sei etwas zahlungswilliger als Nordrhein-Westfalen.

Dennoch glaubt Horneber, dass die Diskussion in die richtige Richtung geht: „Die Studie geht davon aus, dass in deutschen Krankenhäusern Patienten behandelt werden (rund 20 Prozent), die, wenn man ehrlich ist, auch ambulant behandelt werden könnten.“ Sie seien häufig im Krankenhaus, weil sie allein zu Hause leben oder in einem sozialen Umfeld, wo man nach dem Klinikaufenthalt nicht füreinander sorgen könne. Bei einem Systemumbau müsse man deshalb über eine bessere Anschlussversorgung und deren Finanzierung reden. Uwe Janosch mahnt, dass ein Klinikabbau ein völliges Umdenken für das gesamte System bedeute – auch die Niedergelassenen. Die ambulanten Zentren, die die Patienten auffangen sollen, müssten mit den bestehenden Facharztzentren und -kliniken koordiniert werden, „sonst enteignet man eine ganze Generation.“

Während Horneber daran glaubt, dass sich die Patienten mittelfristig umschichten lassen, ist Uwe Janosch kritisch: „Wer sagt denn, dass es Überkapazitäten in Kliniken gibt?“

Von Dorothee Balzereit und Jakob Gokl