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Aus dem Landkreis „Rechtliche Situation total unbefriedigend“
Schaumburg Landkreis Aus dem Landkreis „Rechtliche Situation total unbefriedigend“
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17:46 03.01.2013
Quelle: dpa
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Haste/Stadthagen (kle)

Vor mehr als einem Jahr ist dem Haster Ehepaar das Sorgerecht für die elf und 13 Jahre alten Kinder entzogen worden, allein die Mutter hat noch ein Besuchsrecht. Die vom Gericht genannte Begründung ist, zusammengefasst, die Gefährdung des Kindeswohls.
Bereits früher stand die Familie, die damals noch in Mahr lebte, unter Beobachtung des Jugendamtes, wie Griebl berichtet. Auch gesteht er selbst zu, schon einfachere Mandanten gehabt zu haben. „Aber wenn es nur darum geht, dass jemand ein bisschen schwierig ist, müssten ja etlichen Eltern die Kinder entzogen werden.“ Das Kindeswohl stehe selbstverständlich an vorderster Stelle, doch müsse es immer eine passende Verhältnismäßigkeit in den Maßnahmen der Behörden geben. Es gebe auch noch andere Möglichkeiten als einen Sorgerechtsentzug: Eine Betreuung der Eltern durch das Jugendamt – so, wie es im ehemaligen Wohnort der Familie der Fall gewesen war – wäre für alle Beteiligten weit besser gewesen, glaubt er.
Das Jugendamt sieht die Sache anders. In einer Mitteilung an das Familiengericht vom Sommer 2011 schreiben die Zuständigen von bedenklichen Verhaltensauffälligkeiten der Kinder, die die Eltern bestätigen. Beide liebten ihre Kinder zwar, seien aber nicht in der Lage, diese „realistisch“ wahrzunehmen, vorhandene Defizite würden bagatellisiert. Die vom Gericht bestellte Gutachterin bestätigt diesen Eindruck später. Ein weiteres Problem: „Ambulante Jugendhilfemaßnahmen scheiterten“, da die Eltern nicht entsprechend mitarbeiteten. Darüber hinaus habe man beim Vater eine „verzerrte Realitätswahrnehmung“ festgestellt, „die paranoide Züge annimmt“ und die er auf die Kinder übertrage.
Im Juli wurden die Kinder – ohne jede Vorwarnung, so Griebl – aus der Schule und damit von den Eltern weggeholt. Ein vollkommen überzogenes Vorgehen, findet er. Die „Gefahr im Verzug“, wie sie als Begründung angegeben wurde, die Möglichkeit auf gefährdende Handlungen des Vaters, sei an den Haaren herbeigezogen. Der Vater sei noch nie gewalttätig gewesen, erst recht nicht gegenüber den Kindern.
Als extrem bedenklich empfindet er außerdem folgende Punkte: Zum einen hätten die Kinder ihre Eltern bis zum Zeitpunkt der Verhandlung – also, noch bevor das Sorgerecht tatsächlich entzogen wurde – monatelang nicht gesehen. Solche Verzögerungen, die wegen zu geringer Kapazitäten oftmals vorkämen, wurden längst vom „Europäischen Gerichtshof als menschenverachtend gerügt“. Der zweite Punkt betrifft einen Brief, den die Kinder im Heim an ihre Eltern schreiben sollten, der aber nie abgeschickt wurde und bei den Kindern den Eindruck hinterließ, die Eltern würden sich nicht um sie sorgen. „Das wurde in der Verhandlung später sogar belegt“, das Stadthäger Gericht rügte dieses Vorgehen der Einrichtung. Auch das Gutachten, das letztlich mit zum Sorgerechtsentzug führte, betrachtet Griebl als äußerst problematisch, zumal die Gutachterin die Familie nur in zwei und dazu noch „extrem gekünstelten Situationen“ beobachtet habe.
Letztlich betrachtet er „die rechtliche Situation als total unbefriedigend“. Warum nicht einfach eine „Rundumbetreuung“ durch das Jugendamt angeordnet wurde, die zu den Kosten einer Heimunterbringung keinen Unterschied gemacht hätte, kann er nicht nachvollziehen.