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Aus dem Landkreis Schicksalsjahre einer Jubilarin
Schaumburg Landkreis Aus dem Landkreis Schicksalsjahre einer Jubilarin
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20:01 21.03.2013
Einst kam das Kurhaus aufgeräumt und elegant daher. Quelle: pr.
Von Guido Scholl

Zinsser war kein Unbekannter. Das Hotel Luisenhof in Hannover, das Kurhotel in Bad Pyrmont und das Hotel Columbus in Bremen hatte der Architekt seinerzeit bereits entworfen gehabt. In Bad Nenndorf wandte Zinsser eine schlichte, funktionale und vor allem elegante Architektur an: Zwei ineinander geschobene Kuben prägten die Optik, das Haus fügte sich in die Hanglage des Kurparks, die Raumplanung und ein Lift machten es barrierefrei. Die i-Tüpfelchen waren zwei Freitreppen und ein offener Lichthof.

Mit Restaurant, Café, Kegelbahn, Balkon, Terrasse und Festsaal bildete das Gebäude das Herzstück eines boomenden Kurbetriebs. Betuchte Badegäste aus allen Teilen der Bundesrepublik speisten im mondänen Kurhaus, verweilten in den auf Top-Niveau möblierten Lounges und tanzten im Saal. Vor der Empfangshalle wehten das Niedersachsenross, der Äskulap-Stab, die Deutschland-Fahne und jene der EG – eine Beflaggung, als käme jeden Moment der Dalai-Lama auf eine Tasse Ginseng-Tee vorbei.

50 Jahre später: Eine potthässliche Aluminium-Verkleidung umfasst die oberen Gebäudekanten. Der Kursaal rottet vor sich hin. Die Freitreppen sind abgerissen. Die Terrasse ist dicht, teils leere Schaufenster prägen die Optik. Ein Anbau und eine Schornsteinanlage zerstören die einst klare Linienführung. Wo früher die Empfangshalle war, befinden sich Arztpraxen. Weitere Praxen sind im Obergeschoss angesiedelt. Der Balkon, der Lichthof und die nicht belegten Teile des Obergeschosses sind verwaist. Wo einst das Leben brummte, herrscht Siesta.

Was war passiert? Zweierlei. Einen tiefen Einschnitt bildeten Veränderungen im Gesundheitssystem – plötzlich blieben die Kurgäste weg, weil Kuren nicht mehr in der gewohnten Zahl genehmigt wurden. Außerdem zog sich der jahrzehntelange Pächter – ein angesehener Gastronom aus Hannover – zurück, und das Land Niedersachsen wirkte mit dem Betrieb in Eigenregie überfordert.

Dann griff ein Rad ins andere: Das Land veräußerte die Immobilie in den neunziger Jahren. Zwei aufeinander folgende private Investoren nahmen bauliche Veränderungen vor – innen wie außen – um das Gebäude für eigene Zwecke zu nutzen. Liebhaber des Kurhauses bezeichnen diese Phase als „Zeit der Vergewaltigung“, die aus einem eleganten Bauwerk einen behäbigen Klotz machte. Als hätte man das Haus auf der Folterbank genüsslich zermürbt, vernarbt und entstellt.

Umbaumaßnahmen hatten auch die Brandschutzvorschriften torpediert: Der Saal, dessen Akustik zuvor viel Lob abbekommen hatte, wurde gesperrt. Das Kurhaus war seiner nächsten Attraktion beraubt. Nachdem die Fortissimo-AG, der zweite Investor, ausgezogen war, kaufte die Stadt das Haus, um es Schritt für Schritt zu sanieren. Eine Heizungsanlage ist bereits installiert worden. Mehr als eine Million Euro floss in die Immobilie – der große Wurf sollte folgen, doch im Rat der Stadt schlug das Pendel 2012 in Richtung Abriss aus, wogegen Bürger heftigen Protest erheben. Das 50 Jahre alte Kurhaus erlebt gerade seine Schicksalsjahre.

Vermietung bringt Stadt Geld ein

Die Abriss-Gegner kommen im Rat mittlerweile fast ausschließlich aus der Wählergemeinschaft. Sie halten die Sanierung für den wirtschaftlicheren Weg, weil die Vermietung des Kurhauses selbst jetzt einen Gewinn von etwa 50 000 Euro pro Jahr abwirft. Sanierte man es, stiege dieser Überschuss an. Mit dem Geld könnten die nötigen Kredite bedient werden.

Den Rathaus-Einzug lehnt die WGN strikt ab – sollte ein Investor für den Neubau gefunden werden, wären jährlich sechsstellige Mietzahlungen zu leisten. Derzeit „wohnt“ die Verwaltung mietfrei. Selbst in einem Neubau unter der Regie der Stadtverwaltung würde die Verwaltung viel Platz einnehmen und die Unterbringung zahlender Mieter enorm einschränken. Statt mehr Einnahmen zu generieren, wären demnach zusätzliche finanzielle Belastungen oder zumindest Einnahmeausfälle das Resultat.

Im Herbst 2012 brachten André Zimmermann, Dorit Kosian und Renate Daseking-Henning ein Bürgerbegehren auf den Weg. Derzeit sammeln sie Unterschriften für einen Bürgerentscheid. Kommt dieser zustande, könnten alle wahlberechtigten Bad Nenndorfer abstimmen, ob sie das Kurhaus sanieren oder abreißen lassen wollen.

Das Bürgerbegehren haben nach derzeitigem Stand bereits mehr als 600 Sanierungsbefürworter unterzeichnet. Die Initiatoren benötigen bis zum Sommer etwa 1000 Signaturen von Einwohnern Bad Nenndorfs.

Lieber Neubau als teure Altlast

Lange Zeit war im Rat der Stadt Bad Nenndorf nur die CDU-Fraktion für den Abriss des Kurhauses. Idealerweise sollte in einen Neubau das Rathaus einziehen. Die Gründe liegen für die Christdemokraten auf der Hand: Das Kurhaus ist mittlerweile unansehnlich, es ist sanierungsbedürftig und würde Millionen verschlingen. Besser wäre es, das Geld in einen Neubau zu investieren, dessen Folgekosten geringer ausfielen.

Als bekannt wurde, dass auch am jetzigen Rathaus ein Sanierungsbedarf von 2,5 Millionen Euro besteht, schwenkte die SPD ebenfalls auf Kurs Abriss. Die Argumentation: Verzichtet man auf die Sanierung des Rathauses und verkauft das Grundstück, auf dem es steht, käme ein Neubau erst recht günstiger als die Renovierung zweier in die Jahre gekommener Gebäude. Zusammen würden sich nämlich fast zehn Millionen Euro Sanierungskosten summieren. Ein Neubau wird mit knapp sechs Millionen Euro taxiert.

Um den Abriss voranzutreiben, wurde am 31. Oktober der Sanierungsstopp beschlossen. Außerdem versuchten Vertreter von CDU und SPD sowie vom Investor des ehemaligen Plus-Gebäudes, den Auszug dreier Praxen aus dem Kurhaus einzufädeln. Die Betreiber der Podologischen Praxis, der Chiropraxis und der Arzt-Praxis entschieden sich jedoch gegen den Umzug an die Kurhausstraße 4. Sie haben noch langfristige Mietverträge, dasselbe gilt für das Restaurant im Anbau.

Experten gegen Abriss

Kenner wie der Kurhaus-Bauleiter unter Ernst Zinsser, Otto Uthe, können aus heutiger Sicht nicht nachvollziehen, warum die Denkmalpflege bei den Verschandelungen des Kurhauses – allen voran bei der Aluminium-Einfassung – nicht eingeschritten ist. Das Kurhaus ist zwar nicht denkmalgeschützt, der Kurpark, in dem es steht, aber schon. Uthe und der Bad Nenndorfer Architekt Norbert Schittek kritisieren darüber hinaus, dass das Land den Käufern keine Auflagen machte, um das Gebäude zu schützen.

Auch überregional erhalten sie Rückendeckung. Das Land Niedersachsen führt das Gebäude in einer Liste erhaltenswerter Immobilien. Der Stadtbauhistoriker Sid Auffarth aus Hannover warb im Herbst für die Sanierung des Kurhauses, dessen Architektur er für zu wertvoll hält, um es abzureißen und mit einem modernen Neubau zu ersetzen. Auffarth und Uthe sind sich einig: Die Bausubstanz ist gut.

Und auch die Untere Denkmalschutzbehörde hat mahnend den Zeigefinger gehoben, weil ein Neubau unter heutigen Bedingungen mit erheblichen Auflagen beschränkt würde. Uthe verweist zudem auf den Aspekt des Quellenschutzes. Beim Bau des Kurhauses durfte deswegen nicht tiefer als 2,50 Meter in den Untergrund eingegriffen werden.