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Aus dem Landkreis So bereitet der Weiße Ring die Lügde-Opfer auf den Prozess vor
Schaumburg Landkreis Aus dem Landkreis So bereitet der Weiße Ring die Lügde-Opfer auf den Prozess vor
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19:31 24.06.2019
Auf einem Campingplatz in Lügde sollen sich die mutmaßlichen Täter an den Kindern vergangen haben.
Auf einem Campingplatz in Lügde sollen sich die mutmaßlichen Täter an den Kindern vergangen haben.  Quelle: dpa
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Landkreis/Detmold

Die Älteste aus der Gruppe zählte zu den ersten, die Jüngste zu den letzten der Lügde-Opfer. Seit November stehen die Ehrenamtlichen aus Schaumburg ihnen und ihren Familien zur Seite. Die Polizei und die Opferhilfe Bückeburg hatten den Kontakt zum Verband hergestellt, wie Anke Heldt, Außenstellenleiterin des Weißen Rings, erklärt. „Wir haben noch keinen vergleichbaren Fall begleitet. Mit Kindesmissbrauch hatten wir zwar schon zu tun, aber nicht in dieser Dimension“, sagt sie. Die richtigen Betreuerinnen zu finden, sei nicht leicht gewesen. „Gerade, wenn es um Kinder geht. Das macht nicht jeder gerne“, so Heldt. Über Seminare seien die Freiwilligen vorbereitet worden, der Rest sei Fingerspitzengefühl.

Besonders bei den jüngeren stehen die Eltern im Fokus der Gespräche, während der Kontakt zu Kindern sporadisch bleibt. „Die Eltern machen sich die größten Vorwürfe, selber damals nichts von dem Missbrauch gemerkt zu haben“, sagt Heldt. Einigen sei erst viel später die Veränderung des Verhaltens ihrer Kinder bewusst geworden. Konzentrationsstörungen gehören zu den Spätfolgen der Traumata. „Eine Zehnjährige packt beispielsweise mitten im Unterricht ihre Schulsachen ein und fängt an, mit Schleich-Tieren zu spielen. Die Schule ist grob über den Zusammenhang mit dem Lügde-Fall informiert und drückt alle Augen zu“, sagt Heldt.

"Besser ist, wir wissen so wenig wie möglich“

Tatsächlich sollen die Mädchen vor Prozessbeginn nicht im Detail über ihre schlimmen Erfahrungen sprechen. „Je mehr sie vorher davon erzählen, desto mehr kann sich die Aussage später verfälschen“, erklärt die Außenstellenleiterin. Denn auch wenn der Kern ihrer Schilderung stimmt, könne es passieren, dass die Opfer das Drumherum zu sehr ausschmücken. Auch für die Helferinnen sei es besser, vor dem Prozess keine Details zu kennen, da sie sonst von den Strafverteidigern als Zeugen ins Visier genommen werden könnten, um nach Widersprüchen in der Darstellung zu suchen. „Ein Aussageverweigerungsrecht haben wir nicht. Besser ist, wir wissen so wenig wie möglich“, so Heldt.
Die Opfer sollen demnach im Moment nur gestärkt werden, nicht therapiert. Der Weiße Ring sorgt über Soforthilfen für Zerstreuung, zum Beispiel mit Geld für kleine Ausflüge. Nach dem Prozess soll auch ein richtiger Urlaub finanziert werden. „Die Opfer kommen durch die Bank aus sozial schwächeren Familien“, sagt Heldt. Das kam damals auch den Tätern zu Pass. „Einer von ihnen nahm die Kinder mit in den Freizeitpark oder zum Reiten, dafür soll er sich extra ein Pferd angeschafft haben.“

Die Begleitung der beiden jungen Frauen im Alter von 17 und 18 Jahren gestalte sich etwas anders. Bei den Gesprächen sitzen sie mit am Tisch. „Eine der beiden hat beim ersten Treffen noch nichts gesagt und war unheimlich nervös und fahrig. Man hat gemerkt, dass es tief in ihr bohrt“, erinnert sich Heldt. Erst später hätten die beiden angefangen, über die Taten zu reden, wenn auch eher in Andeutungen.

Gerichtssaal besucht

Um die Familien auf das Geschehen im Gerichtssaal vorzubereiten, wurden sie über das Prozedere informiert und durften das Landgericht Detmold vorher besuchen. Mit drei Familien sei Heldt schon dort gewesen. „Die Richterin ließ die Kinder sogar einmal auf dem Richterstuhl Platz nehmen.“

Laut Landgerichtssprecher Wolfram Wormuth besteht die Möglichkeit, die Aussage der Kinder per Videotechnik unter Ausschluss der anderen Beteiligten in den Saal zu übertragen. Die Vorkehrungen habe die Kammer aber noch nicht beantragt. Heldt ziehe auch in Betracht, auf einem Stuhl neben den Opfern im Zeugenstand diese von den Blicken der Täter abzuschirmen. Letztlich hänge es aber davon ab, wie viel die Beschuldigten von sich aus bereit sind zu gestehen und somit ihren Opfern die Vernehmung ersparen. Mit einer milderen Strafe rechnet Heldt aber auch in diesem Fall nicht. „Es wäre einfach nur besser für die Kinder.“

150 Stunden Hilfe pro Monat

Auch die Frauen des Weißen Rings können ihrerseits Hilfe beanspruchen, wenn der Druck zu groß wird. Einmal monatlich haben sie ihre Teamsitzung. „Es geht bei allen an die Substanz, aber bis jetzt verkraften es alle. Probleme werden im Gespräch aufgearbeitet.“ Die Opfer dagegen werde die Geschichte ein Leben lang verfolgen, ist Heldt überzeugt. „Kleinigkeiten können nach Jahren einen Flashback auslösen. Wir werden solange für sie da sein, wie sie es selbst wollen.“ 150 Stunden pro Monat, so ihre Schätzung, wenden die Helferinnen für die Familien derzeit auf. Andere Anfragen würden deswegen aber nicht vernachlässigt.

Einziger Lichtblick des Lügde-Falls aus Perspektive des Weißen Rings scheint die Reaktion auf den Skandal zu sein. „Es gibt einen Umschwung bei den Jugendämtern in Schaumburg und Hameln. Die reagieren jetzt schneller.“

Von Gerrit Brandtmann