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Samtgemeinde Lindhorst Grüne Kreuze in Lindhorst: Bauern befürchten Hof-Sterben
Schaumburg Lindhorst Samtgemeinde Lindhorst Grüne Kreuze in Lindhorst: Bauern befürchten Hof-Sterben
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07:10 20.09.2019
Die Landwirte Jan Hävemeyer (links) und Henrik Brunkhorst haben ein grünes Kreuz auf dem Acker am Lindhorster Ortsausgang aufgestellt. So wollen sie auf die aus ihrer Sicht zu scharfen, neuen Verordnungen von Bund und Land aufmerksam machen. Quelle: bab
Samtgemeinde Lindhorst

Initiator der Aktion ist der als „Bauer Willi“ bekannte Agrar-Blogger Willi Kremer-Schillings aus Weihe.

Die Junglandwirte Henrik Brunkhorst aus Schöttlingen und Jan Hävemeyer aus Lüdersfeld haben sich dem Protest – wie viele andere bundesweit – angeschlossen, weil sie ihre Existenz bedroht sehen. „Wir wollen uns nicht von der Verantwortung freisprechen“, versichert Henrik Brunkhorst, aber das, was Bund und Land nun auf den Weg bringen wollten, entbehre jeder wissenschaftlichen Grundlage. Zudem seien Landwirte bei den Entscheidungen nicht eingebunden gewesen. „Das wurde hinter verschlossenen Türen verhandelt“, sagt der 29-jährige Schöttlinger.

Schutzstreifen an Gewässern, Glyphosat-Verbot: Auslöser "Agrarpaket"

Auslöser für die Aktion ist das geplante „Agrarpaket“, das von den Bundesministerinnen Svenja Schulze (Umwelt) und Julia Klöckner (Landwirtschaft) vorgestellt worden war. Es sieht beispielsweise vor, die Schutzstreifen an Gewässern auf zehn Meter zu verbreitern. In „Schutzgebieten“, die nicht näher bezeichnet seien, solle der Einsatz von Unkrautbekämpfungsmitteln wie Glyphosat ganz untersagt werden. Und Glyphosat (bis 2023 von der EU zugelassen) solle nicht mehr nach der Ernte oder vor der Aussaat aufgebracht werden. „Wann dann?“, fragen sich die Landwirte.

Verteufelung von Glyphosat ist „Stellvertreterkrieg“

Die Verteufelung der Verwendung von Glyphosat in der Landwirtschaft sei ein „Stellvertreterkrieg“, sagt Hartmut Brunkhorst, Seniorchef auf dem Hof in Schöttlingen. „Es geht darum, dass man einfach ohne Abwägung der Fakten Täter sucht.“ Sein Sohn Henrik Brunkhorst erklärt, dass durch das Herbizid ein Enzym in den Pflanzen angegriffen werde, das Mensch und Tier nicht besitzen und diese dadurch nicht gefährdet seien.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung habe das Krebsrisiko dem von Kochsalz, Sonnenlicht und Holzstaub gleichgestellt. Die Halbwertzeit des Wirkstoffes betrage 14 Tage. Die Zerfallsprodukte von Glyphosat – Phosphor und Ammonium – seien reiner Dünger. Außerdem werde noch Kohlendioxid freigesetzt.

Die Alternative, Nebenkräuter mit dem Pflug zu bekämpfen, sei nicht immer möglich. „Das ist für Pflanzen und vor allem Insekten auch nicht besser“, sagen sie. Bei dem Herbizid hätten die Insekten wenigstens noch die Möglichkeit, auf andere Lebensräume auszuweichen.

Doch für niedersächsische Bauern komme erschwerend hinzu, dass das Bundesland nun sogenannte rote Gebiete mit hoher Nitrat- und Phosphatbelastung ausweisen wolle, wie Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast und Umweltminister Olaf Lies angekündigt haben. Sollte dieser Verordnungsentwurf so in seiner Form beschlossen werden, würde die landwirtschaftliche Nutzung in diesen Gebieten zusätzlich eingeschränkt. 20 Prozent weniger Düngemittel, als die Pflanzen benötigen, sollen dort künftig erlaubt sein.

Rote Gebiete: Landwirte sehen keine wissenschaftliche Grundlage

Rund um den Dülwald liegt so ein rotes Gebiet, das nördlich von Lindhorst beginnt und auf Schaumburger Gebiet Flächen in Sachsenhagen, Auhagen sowie im Osten Rehren einschließt. Ganz davon abgesehen, dass dies den Ertrag nach Meinung der Bauern immens schmälern würde, vermissen Brunkhorst und Hävemeyer die wissenschaftliche Grundlage. Denn die Messstationen, die über die Nitratbelastung Auskunft geben, wurden nur punktuell angebracht. „Die uns am nächsten liegende ist in Obernwöhren“, sagt Brunkhorst. Dort seien die Werte in Ordnung. Stattdessen würde jedoch die Messstelle in Hagenburg zugrunde gelegt. Dort soll zwar eine höhere Belastung gemessen worden sein, doch Brunkhorst und Hävemeyer halten auch dies nicht für aussagekräftig.

Die Messstationen in Hagenburg-Altenhagen messen in unterschiedlicher Tiefe am gleichen Ort verschiedene Werte.

„Da liegen zwei Messstellen nebeneinander, die eine misst in 13 Metern Tiefe, die andere in 32 Metern.“ Mit völlig unterschiedlichen Belastungen. In geringerer Tiefe seien 88 Milligramm Nitrat pro Liter nachweisbar, in 32 Metern nur noch 0,44 Milligramm. „Wie kann das sein? Wo kommt das her an der gleichen Stelle?“ Die Messstation liegt nicht nur zwischen zwei Wohngebieten, sondern auch nicht weit vom Kali-Bergwerk. Es stehe überhaupt nicht fest, wer Verursacher sei. Für eine annähernd realistische Analyse müsste nach Meinung der Landwirte flächendeckend gemessen werden, und auch andere Faktoren als die Landwirtschaft seien in Betracht zu ziehen.

Junglandwirte: "Top ausgebildet und völlig frustriert"

„Wir haben die Düngung schon seit Jahren reduziert“, berichtet Brunkhorst. Daher zeige sich auch anhand der Messergebnisse der vergangenen 20 Jahre eine sinkende Tendenz der Nitratkonzentration. Aber bis Nitrat im Grundwasser an den Brunnen ankomme und gemessen werden könne, dauere es ohnehin 30 Jahre, sodass die Wirkung der jüngst verabschiedeten Düngeverordnung noch nicht sichtbar sein kann. Was die optimale Düngung der Flächen angehe, sei man seit Langem auf einem guten Weg, was durch drei gesetzlich vorgeschriebene Kontrollmechanismen jedes Jahr dokumentiert werde.

Es ist schon bedenklich, dass die junge Generation top ausgebildet und völlig frustriert ins Arbeitsleben startet.

Hartmut Brunkhorst , Seniorlandwirt

Auch Seniorlandwirt Hartmut Brunkhorst macht sich Sorgen. „Warum wartet man nicht erst die Effekte der erst vor zwei Jahren verabschiedeten Düngemittelverordnung ab?“, fragt er. „Es ist schon bedenklich, dass die junge Generation top ausgebildet und völlig frustriert ins Arbeitsleben startet.“ Alle sind sich einig: Sollten Bund und Land das alles beschließen, wird es einen Strukturwandel geben, der das Sterben kleinerer Betriebe zur Folge haben wird. bab

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