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Samtgemeinde Nenndorf Warum ein Knopf für Ronald Reimann so wertvoll ist wie Gold
Schaumburg Nenndorf Samtgemeinde Nenndorf Warum ein Knopf für Ronald Reimann so wertvoll ist wie Gold
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18:30 18.04.2019
Reihe für Reihe schreitet Ronald Reimann das Feld ab. Wenn er etwas Interessantes entdeckt hat, wird das Objekt näher in Augenschein genommen. Quelle: göt
Riehe/Hohnhorst

Wenn Ronald Reimann mit dem Fahrrad durch Schaumburg radelt, nimmt er dabei mehr wahr, als die bloße Natur, die ihn umgibt. Auf umgepflügten Feldern sieht er alte Dörfer mit trubeligen Plätzen und Handwerker, die in ihren Werkstätten den Hammer schwingen. Er sieht wie römische Legionäre durch das Land ziehen und ihre Lager aufschlagen.

Das alltägliche Leben der Menschen in Friedenszeiten zieht genauso an ihm vorbei, wie blutige Auseinandersetzungen, Schlachten und Kriege. Das Wissen um die Geschichte sitzt wie eine Brille auf seiner Nase und öffnet den Blick in die Vergangenheit.

Wenn Puzzlestücke langsam ein Gesamtbild ergeben

Der Hohnhorster ist ehrenamtlicher Beauftragter für die archäologische Denkmalpflege im Landkreis Schaumburg – so die sperrige Bezeichnung. Er selbst bezeichnet sich lieber als Spurensucher. Wenn er auf Erkundung ist, setzen sich die Funde nach und nach wie Puzzlestücke zusammen und ergeben das Gesamtbild, erklärte er. Ein Beispiel ist die Untersuchung am Lindenbrink bei Riehe.

Rückblick: Der erste Rieher Dorfschullehrer Otto Lattwesen hatte in der Gemeindeakte vermerkt, dass dort einmal fünf Häuser gestanden haben sollen. 2012 brachen Mitglieder des Arbeitskreises Heimatgeschichte zu einer ersten Feldbegehung auf. Sie fanden vor allem glasierte und daher neuzeitliche Scherben.

Doch waren darunter auch ein paar graue und unscheinbare Exemplare, die für Reimann deshalb umso spannender sind. „Das ist charakteristisch für die sogenannte graue Ware des Mittelalters“, sagt er. Und diese stehe immer in Verbindung mit Siedlungen.

"Ich habe hier gefühlt Tausende von Stunden verbracht"

Hellhörig geworden machte sich der Experte ans Werk und förderte in mehren Etappen weitere Stück zutage – Fibeln, Gürtelbeschläge, Armringe. „Ich habe hier gefühlt Tausende von Stunden verbracht“, sagt Reimann.

Das meiste Material datiert ins Frühmittelalter und weist eine markante christliche Symbolik auf. Auch ein vergoldeter Pferdegeschirranhänger mit der Darstellung eines Greifs tauchte aus der Erde auf – solche Funde lassen sich laut Kommunalarchäologen Jens Berthold überwiegend auf Burgen und Adelssitzen ausmachen.

Es folgte eine geophysikalische Untersuchung sowie eine Luftbildaufnahme im Frühjahr 2018. Die Experten konnten anhand dessen Pfostengruben und einen Gebäudegrundriss ausmachen, dessen Längsseite 30 Meter misst. Nun soll es möglicherweise bald punktuelle Ausgrabung auf dem Acker geben.

Baugebiete sind die beste Fundgrube

Die Kulturlandschaften ändern sich rapide. Doch bevor Bau- oder Gewerbegebiete entstehen, lohnt sich der Blick in den Boden. Ohnehin gebe es vielerorts wenige Hinweise darauf, was dort früher einmal stand – so auch beim Lindenbrink.

Die Siedlung taucht in keinen Quellen auf. Doch spätestens durch bauliche Eingriffe können die Spuren im Untergrund, die möglicherweise einzigen Indizien, zerstört werden. Deshalb wirft der Denkmalpflege-Beauftragte einen Blick auf Flächen, die bebaut werden sollen. „Wer nichts sucht, wird nichts finden“, weiß der 53-Jährige.

Ob Knopf oder Gold: Deshalb freut sich der Spurensucher über jeden Fund

Dabei ist Reimann nicht auf große Goldschätze aus. Den Knopf eines Bergmanns aus dem 17. Jahrhundert zu finden, sei genauso wertvoll wie beispielsweise die Brosche eines Adeligen. „Denn dieser Mensch hatte nicht viel mehr zu verlieren, als diesen Knopf“, sagt er.

Während sich die Reichen wohl mehr als eine Brosche leisten konnten, konnte sich der Bergmann vielleicht nur diesen einen Knopf erlauben. Den gelernten Betriebswirt interessieren die „kleinen Leute“ und das alltägliche Leben.

Und woher nimmt der 53-Jährige die Zeit für sein Ehrenamt? „Ich verbrenne ungern Zeit und lasse mich nicht gerne berieseln“, erklärt er. Sonntagnachmittage verbringt er entsprechend lieber an der frischen Luft als vor dem Fernseher. Reimanns Leitsatz: „Wenn wir wissen wollen, wohin wir gehen, sollten wir wissen, woher wir kommen.“ von Andrea Göttling