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Samtgemeinde Nenndorf Horster flieht zweimal aus dem Gefängnis
Schaumburg Nenndorf Samtgemeinde Nenndorf Horster flieht zweimal aus dem Gefängnis
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14:30 30.12.2018
Zwischen Rodenberg und Horsten soll Heinrich Hattendorf die Leiche seines Stiefvaters in die Aue geworfen haben.
Zwischen Rodenberg und Horsten soll Heinrich Hattendorf die Leiche seines Stiefvaters in die Aue geworfen haben. Quelle: gus
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Horsten/Rodenberg

Bernd Reese hat die Schilderungen in der Rodenberg Chronik von Adolf Mithoff gefunden und daraufhin nach dem wahren Kern der Geschichte in den Kirchenbüchern geforscht.

Protagonist dieser Geschichte ist Heinrich Hattendorf aus Horsten, der in der Rodenberger Apotheke als Provisor (Apothekergehilfe) arbeitete. Er lebte auf großem Fuß und häufte Schulden an. Mit dieser Last im Nacken konnte Hattendorf seinen Plan, nach Amerika auszuwandern und sich als Apotheker selbstständig zu machen, nicht umsetzen. In ihm reifte deshalb ein perfider Plan.

Hattendorf zündet Haus seines Stiefvaters an

Am 20. August wurde der Geburtstag von Kurfürst Friedrich Wilhelm in Nenndorf groß gefeiert. Während das Feuerwerk brannte, schlich sich Hattendorf zurück nach Horsten und setzte das Haus seines Stiefvaters, Großschmied Bruns, in Flammen. Ungesehen kehrte er zum Fest zurück. Das Haus brannte derweil nieder. So schreibt es zumindest Mithoff. Der Giebelspruch des Hauses, das wieder aufgebaut wurde und später zur Schule des Ortes wurde, deutet hingegen auf einen Brand im Juni 1840 hin.

Am 2. November wurden Bruns 850 Taler von der Landesbrandkasse ausgezahlt. Auf dem Heimweg stattete er seinem Stiefsohn in der Apotheke einen Besuch ab. Hattendorf machte seinen Stiefvater betrunken. Unter dem Vorwand, ihn sicher nach Hause geleiten zu wollen, heftete sich Hattendorf an seine Fersen. Unter seiner Kleidung verbarg er heimlich einen Dolch und ein Beil.

Heimtückischer Überfall zwischen Rodenberg und Horsten

Durch die Grover Masch und über die heutige B 65 machten sie sich auf den Weg Richtung Horsten. Kurz vor dem Ort setzte Hattendorf zu seiner heimtückischen Attacke an. „Der vorangehende, nichts Schlimmes ahnende Bruns erhielt plötzlich einen wuchtigen Beilhieb über den Hinterkopf, der ihn sofort niederstreckte“, schreibt Mithoff. Die beiden Männer rangen miteinander. Hattendorf durchbohrte seinen Stiefvater mit mehren Dolchstichen.

Die Datierung des Mordes auf den 2. November von Mithoff deckt sich mit der Darstellung in den von Reese durchstöberten Kirchenbüchern. Dort steht beschrieben, dass Hufschmiedemeister Friedrich Carl Heinrich Bruns „greulicher Weise mit 16 Wunden am Kopf ermordet“ wurde.

Blutige Kleidung landet im Stadtgraben

Mithoff schildert weiter: „In wilder Hast riss nun der Mörder den mit Gold- und Silbermünzen gefüllten Beutel an sich, warf sein Opfer in die Aue und suchte im raschen Laufe Rodenberg wieder zu erreichen.“ Das Geld vergrub er im Garten hinter der Apotheke. Seine blutdurchtränkte Kleidung versenkte er im Stadtgraben.

Am nächsten Morgen fanden zwei Männer die Leiche und meldeten ihren grausigen Fund in Rodenberg beim Amtmann. Der Tatort war kurze Zeit später von einer Menschenansammlung umringt. Auch Hattendorf eilte herbei und beklagte den Verlust seines Stiefvaters. Der Amtmann nahm ihm das gespielte Entsetzen nicht ab und nahm den Provisor fest. Die Durchsuchung der Apotheke förderte weder das geraubte Geld noch irgendwelche anderen Beweise zutage.

Die Gendarme durchsuchten daraufhin den Stadtgraben mit langen Haken. Auf dem schlammigen Grund stieß schließlich ein Ordnungshüter auf die mit einem Stein beschwerten Kleider. Diese wurden als die Kleidung erkannt, die der Provisor in der Tatnacht trug. Als sie den Schlamm abwuschen, kam das Blut zum Vorschein – Hattendorf war überführt.

Hattendorf gelingt die Flucht aus dem Gefängnis

Er wurde in den Kerker gesperrt, von wo aus er später zum Obergericht in Rinteln verbracht werden sollte. Doch ihm gelang die Flucht, indem er die Gitter durchfeilte. Er suchte Zuflucht in der Kirche, wo er sich lange Zeit versteckt hielt. Einige Wochen später wollte er die 850 Taler wieder ausgraben, um mit dem Geld nach Amerika zu fliehen. Doch er war zu spät dran: Die Beute hatte bereits ein anderer Gauner aus dem Garten geborgen.

Um seinen Traum doch noch Wirklichkeit werden zu lassen, ersannt der findige Provisor einen neuen Plan: Er fälschte das Geld für den Neustart in Amerika. „Recht bald gelang es ihm dann auch, ein Falschgeld herzustellen, welches von den echten Silbermünzen kaum zu unterscheiden war.“

Hattendorf wird zum Tode durch das Schwert verurteilt

Doch auch diese Machenschaften flogen auf und Hattendorf landete erneut im Gefängnis. Wegen Brandstiftung und Falschmünzerei wurde der Provisor zu einer „Zuchthausstrafe von 15 Jahren und wegen Raubmordes zum Tode durch das Schwert“ verurteilt. Dieser Hinrichtung konnte er jedoch entgehen. Hattendorf floh unter abenteuerlichen Umständen, lebte einige Zeit im Wald, bevor er erneut ergriffen wurde.

Rodenberg erreichte wenig später die Nachricht, er sei im Gefängnis gestorben – was kaum einer glauben wollte. Hartnäckig hielten sich Gerüchte, wonach sich ihm ein drittes Mal die Chance zum Ausbruch aus dem Gefängnis geboten habe und er sich schließlich nach Amerika absetzen konnte.

Reeses Nachforschungen ergaben, dass die Flucht nach Amerika reine Fiktion war. In einem Kirchenbuch ist der Tod Hattendorfs am 12. Januar 1848 in Gefangenschaft in Rinteln vermerkt.

Von Andrea Göttling