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Meerbeck Töne fühlen mit Posaunen
Schaumburg Niedernwöhren Meerbeck Töne fühlen mit Posaunen
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18:03 29.03.2019
Bewohner Anselm Woldag, hier mit Mitarbeiterin Lara Dohme, erspürt mit den Händen die Vibrationen der Tuba. Quelle: ah
Meerbeck/Fischbeck

Er lauscht, blickt in den Trichter – und genießt. Marc-Oliver ist taubblind und macht gerade Bekanntschaft mit einer Tuba, deren kraftvoller Klang ihm sehr angenehm zu sein scheint. Silke Mandel, Mitarbeiterin im Deutschen Taubblindenwerk (DTW) in Fischbeck, führt seine Hand an die Öffnung des Tuba-Trichters und legt ihre darauf: Nun können beide die Schwingungen spüren, die beim Musizieren erzeugt werden. Danach nimmt Marc-Oliver Kontakt mit einer Posaune auf.

Im wunderschön illuminierten Saal des DTW ist der Posaunenchor Meerbeck zu Gast – nicht, um ein Konzert zu geben, sondern einfach nur, um zu proben. Die Idee dazu hatte Wiebke Ostermeier. Vor vielen Jahren spielte sie im Posaunenchor Fischbeck. Auf Initiative des damaligen Leiters Uwe Grigat wurden die Proben in eben jenem Saal am Pötzer Kirchweg abgehalten. „Im privaten Bereich hatte ich keinerlei Berührungspunkte mit Taubblinden, deshalb erinnere ich mich gut daran, wie spannend ich es fand, dass wir in ihrem Beisein probten, dass sie uns nicht hören, aber die Klänge unserer Musik spüren konnten“, erzählt sie.

Mittlerweile leitet Wiebke Ostermeier den 27-köpfigen Posaunenchor Meerbeck, zu dessen Repertoire Volks- und Kirchenlieder, aber auch moderne Stücke gehören. Als sie sich eines Tages wieder an die Probenzeit im DTW Fischbeck erinnert, kommt ihr die Idee, die Chormitglieder zu fragen, ob sie Lust haben, vor Taubblinden zu proben. Die Antwort war „ja“, es folgte eine weitere Anfrage im DTW und schon nahm alles seinen Lauf.

15 Mitglieder des Meerbecker Posaunenchores nehmen im Saal Platz. „Wir sind über den Berg gekommen und freuen uns, dass wir hier sein dürfen“, sagt Ostermeier. Dann startet die Probe mit einem Mundstück-Intro, das die Neugier auf die Instrumente noch weiter steigert.

Jauchzende Töne

Schon beim Einspielen rutschen mehrere der gehörlosen oder hörsehbehinderten Bewohner der Fischbecker Einrichtung auf ihrem Stuhl hin und her, stoßen kurze, jauchzende Töne aus, klatschen in die Hände. „Wer die Tuba anfassen oder sich zu uns setzen mag, ist herzlich in unseren Reihen willkommen“, lädt die Chorleiterin ein.

Anfangs bleiben die Bewohner sitzen, manche Mitarbeiter dirigieren Hand in Hand mit ihnen im Takt der Musik. Als „Lobe den Herrn meine Seele“ angestimmt wird, zeichnet sich auf dem Gesicht von Marc-Oliver ein Lächeln ab. Während andere mit ihren Betreuern kuscheln, ist er der Erste, der, begleitet von Mandel, an den Posaunenchor herantritt. Er bleibt aber nicht der Einzige, der Instrumente abfühlt – wobei die Tuba die Bewohner wie ein Magnet anzieht.

„Es ist wunderbar, dass die Musiker überhaupt keine Bedenken zu haben scheinen, dass ihre Instrumente leiden könnten“, meint Betreuungsdienstleiterin Jutta Hennies und fährt fort: „Ganz im Gegenteil: Sie scheinen die Bewohner einzuladen, motivieren sie, führen ihre Finger zum Instrument und lassen sie hautnah spüren, wie die Ventile bewegt werden.“ Für die Posaunisten sei dies „eine ganz besondere, eine schöne Erfahrung, dass sich die Bewohner so für unsere Instrumente und für unsere Musik interessieren“, erklärt ein Chormitglied.

„Mein kleiner grüner Kaktus“, ruft Bewohnerin Steffi Lampe, darauf hoffend, dass die Bläser nach „Amazing Grace“, „Amen“ und „Über den Wolken“ auch dieses Lied anstimmen. Leider haben sie die entsprechenden Noten nicht dabei – werden sie aber zur nächsten Probe im DTW auf jeden Fall mitbringen. Eine fantastische Premiere – mit rhythmischem Mitklatschen, Mitsingen, Tanzen und großem Beifall zum Schluss.

Von Annette Hensel