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21:36 21.10.2018
Geschichte im Blick: Philatelist Hartmut Erben begutachtet das Album einer Besucherin der Briefmarken-Börse.
Geschichte im Blick: Philatelist Hartmut Erben begutachtet das Album einer Besucherin der Briefmarken-Börse. Quelle: tro
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Niedernwöhren

Und das, obwohl das Feld der Philatelie, also der Briefmarkenkunde, welcher der Niedernwöhrener sich verschrieben hat, doch ein ziemlich weites ist. Erben ist Vorsitzender des örtlichen Briefmarkenclubs. Allein bei der Briefmarken-Börse, die der Verein am Sonntag wieder gemeinsam mit den Briefmarkenfreunden Rodenberg und Umgebung in der Alten Schule veranstaltet hat, konnten die Besucher tausende der bunten Marken bewundern oder geerbte Alben begutachten lassen.

Bei vielen blieb es aber nicht dabei: Sammler, die ihre Kollektionen vervollständigen wollen, durchstöberten alte Briefe und Alben nach Schätzen. Das Vereinsmitglied Detlef Siebert zum Beispiel arbeitet aktuell an einer ganz speziellen Reihe: Anhand einer Dauerserie aus den Jahren 1967 bis 1971 will er „die moderne Postgeschichte Englands erzählen“, sagte er. „Ich bin schon ziemlich weit.“

Historische Einblicke

Dieser historische Wert ist auch eine Sache, die Erben und Thorsten Krause, der Vorsitzende der Rodenberger Vertreter, besonders herausstellen. Erben zum Beispiel hat derzeit Ähnliches wie Siebert vor, aber mit der deutschen Geschichte. „Anhand der Wertentwicklung kann man zum Beispiel die Inflation erklären“, so Erben. Richtig interessant werde es aber erst, wenn man auch die dazugehörigen Briefe unter die Lupe nehme: „Dadurch bekommt man Einblicke in einen völlig anderen Teil der Geschichte. Das hilft, die Zeit und mitunter auch die Not zu verstehen.“ Gerade Zeugnisse wie Feldpost aus der Zeit des Nationalsozialismus seien immer wieder erschreckend. Darüber hinaus lerne man aber auch viel Positives wie andere Länder, die Natur und vieles mehr kennen.

So verwundert es auch nicht, wenn Krause ergänzt: „Um den Wert der Marken geht es gar nicht – wenn, dann nur um den ideellen.“ Er erinnert sich noch an die erste Marke in seiner Sammlung, eine italienische, die auf einer Urlaubskarte seiner Großeltern klebte. „Vielmehr geht es darum, sich selbst an seiner Sammlung zu erfreuen. Es ist schon ein egoistisches Hobby.“

Aussterbendes Hobby

Aber auch eines, das verbindet. Die Resonanz auf die Veranstaltung ist bemerkenswert. Denn, auch das wird im Gespräch mit Erben schnell deutlich: Das Briefmarkensammeln ist ein aussterbender Zeitvertreib. „Heute schreibt ja kaum noch jemand Briefe, alles läuft elektronisch. Die Philatelie ist ein Hobby des Vergehens“, sagt er.

Wie lange es sich noch halten wird, schätzen Erben und Krause auch angesichts des gravierenden Nachwuchsmangels realistisch ein. „Die philatelistische Gemeinde hat sich über die Jahre fast halbiert, Jugendgruppen gibt es in keinem unserer beiden Vereine mehr“, sagt Erben. „Früher war man als Junge einfach Briefmarkensammler, jeder hat das mal gemacht. Seit gut zehn Jahren, als immer mehr digital wurde, läuft bei uns aber die Erosion. Zudem ist die Gesellschaft zu oberflächlich geworden, um sich tiefgehend mit der Materie auseinanderzusetzen.“ Denn wenn das Sammeln eines braucht, dann ist es Zeit.

Der Niedernwöhrener Verein hat derzeit noch 21 Mitglieder. Durchschnittsalter: 76. Krause, dessen Verein noch 34 Anhänger zählt, ist sich aber dennoch sicher: „Viele Sachen, die eine Haptik besitzen, kommen wieder. Schallplatten zum Beispiel.“ Er glaubt, zumindest der handgeschriebene Brief werde immer seinen Stellenwert behalten – „und so wird sich auch in einigen Jahren immer noch jemand für die dazugehörigen Marken interessieren“.

Von Thomas Rocho