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Pollhagen Radfahrer (84) bei Unfall in Pollhagen gestorben: Fahrlässige Tötung?
Schaumburg Niedernwöhren Pollhagen Radfahrer (84) bei Unfall in Pollhagen gestorben: Fahrlässige Tötung?
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10:26 07.12.2019
Peter K. fuhr geradeaus Richtung Schaumburger Wald, Johann F. kam auf dem Fahrrad von links aus der Sachsenhäger Straße. Wie der tödliche Zusammenstoß im Detail ablief, wurde im Prozess heftig diskutiert. Quelle: Roger Grabowski
Pollhagen/Stadthagen

Keine Wolke am Himmel, spätsommerliche Temperaturen: Der 7. September 2018 verspricht, ein schöner Tag zu werden. Morgens bricht der Pollhäger Johann F.* (84) mit seinem Rad zu einer Spritztour durch Dorf und Umgebung auf. Die Fahrt mündet um 8.30 Uhr in eine Katastrophe. Johann F. stößt mit dem Kleintransporter zusammen, den Peter K.* (59) lenkt. Noch auf dem Weg ins Krankenhaus stirbt Johann F.

Mehr zum Thema: Radfahrer stirbt bei Unfall in Pollhagen                        

Peter K. habe „durch Fahrlässigkeit den Tod eines Menschen verursacht“, heißt es in der Anklage, die Staatsanwalt Nils-Holger Dreißig jetzt im Prozess verlas. Demnach ist am 7. September im Detail dies passiert: Peter K. kommt aus Lauenhagen und fährt in einem geliehenen Transporter auf der Feldstraße (K 27) durch Pollhagen. Er will nach Rehburg.

Von der Sachsenhäger Straße (K 33), die von links auf die Feldstraße stößt, biegt Johann F. auf einem Damenfahrrad der Marke „Rixe“ in die Feldstraße ein, auch er will Richtung Schaumburger Wald. Weil der Angeklagte „darauf nicht rechtzeitig reagierte“, so Staatsanwalt Dreißig, „kam es zur Kollision“. Johann F. erleidet schwere Verletzungen an Hirn, Brustkorb und Bauch. Nur etwa eine Stunde überlebte er den Zusammenstoß.

Fahrlässige Tötung

Dreißig sagte weiter: „Der Angeklagte hätte den Unfall bei Einhalten der im Verkehr erforderlichen Sorgfalt voraussehen und vermeiden können.“ Peter K. soll laut Anklage gemäß Paragraf 222 des Strafgesetzbuches verurteilt werden, der überschrieben ist mit: „fahrlässige Tötung“ (siehe Infobox).

Unter Leitung von Richterin Jana Baberske hörte das Amstgericht Stadthagen zunächst Peter K. an. Johann F. sei aus der Sachsenhäger Straße kommend auf der linken Seite der Feldstraße gefahren, dann „ohne zu schauen“ nach rechts gezogen und gegen die Seite des von ihm gefahrenen Transporters geprallt. Er, Peter K., habe gehupt, gebremst und sei so weit wie möglich Richtung Straßengraben ausgewichen. Trotzdem sei die folgenschwere Kollision nicht zu vermeiden gewesen.

Sven Knollmann arbeitet in Minden bei der Dekra, die Autos und technische Anlagen prüft. Das Gericht hatte ihn gebeten, die Spuren des Unfalls zu lesen und zu werten. Der linke Kotflügel des Transporters sei „großflächig verschrammt“, auf derselben Seite sei der Spiegel abgebrochen, außerdem weise die Motorhaube dort zwei Dellen auf, erklärte der Sachverständige.

Sachverständiger: Unfall war vermeidbar

Aus den Schäden an Auto und Fahrrad schloss Knollmann auf die sogenannte Kollisionsstellung. Demnach sei das Rad am Transporter „abgeglitten“, Johann F. wohl mit dem Kopf gegen den Spiegel geprallt. So wie Peter K. den Unfall geschildert habe, könne er nicht verlaufen sein, meinte Knollmann.

Mithilfe des sogenannten Anhaltewegs konnte er berechnen, dass Peter K., der keinen Alkohol getrunken hatte, mit einem Tempo zwischen 53 und 64 Stundenkilometern unterwegs gewesen ist. Erlaubt ist an dieser Stelle Tempo 70. Auch die Reaktionszeit, die K. zur Verfügung stand, benannte Knollmann. Auf der Grundlage der Zahlen und Fakten, die er gesammelt hat, kam der Dekra-Experte zu dem Ergebnis: „Der Unfall war räumlich vermeidbar“, anders gesagt: „Ein Anhalten wäre dem Autofahrer durchaus möglich gewesen.“

Anwalt will Denkfehler nachweisen

Diese Aussage wollte Peter K.s Verteidiger Raban Funk aus Stolzenau nicht gelten lassen. Mit zunehmender Schärfe versuchte er, dem Sachverständigen Denkfehler nachzuweisen. Dabei ging es ihm vor allem um die Spuren am Fahrrad. „Licht, Gabel, Dynamo, Schutzblech – alles unbeschädigt“, sagte er. Das aber passe nicht zu Knollmanns Behauptung, der Transporter habe das Vorderrad überrollt. Schließlich versuchten Verteidiger und Sachverständiger, mit Taschenrechner (Transporter) und Handy (Fahrrad) den Crash nachzustellen.

Als Knollmann zum Beleg seiner These Fotos beschrieb, die sich nicht in den Gerichtsakten finden, beantragte Anwalt Funk, diese Fotos als Beweismittel einzuführen. Weil der USB-Stick mit den Fotos sicherheitsüberprüft werden muss, unterbrach das Gericht die Verhandlung. Am Donnerstag, 9. Januar, soll sie fortgesetzt werden.

Zuvor hatte Funk bei Staatsanwalt Dreißig vorgefühlt, ob man das Verfahren nicht nach Paragraf 153 a der Strafprozessordnung einstellen wolle. Das ist möglich, wenn es sich bei der Tat lediglich um ein Vergehen handelt. (Als Vergehen bezeichnen Juristen minderschwere Straftaten.) Staatsanwalt Dreißig ließ Rechtsanwalt Funk jedoch abblitzen: Nein, dazu sei er noch nicht bereit. Seine Begründung: Es bestehe ein „hohes Aufklärungsinteresse“. * Namen geändert

von Arne Boecker

Was meint „fahrlässige Tötung“?

Eine Tat nach Paragraf 222 des Strafgesetzbuchs liegt vor, wenn ein Mensch seine Sorgfaltspflicht derart verletzt, dass ein anderer Mensch stirbt. Das Strafgesetzbuch sieht vor, dass die fahrlässige Tötung nicht nur mit einer Geldstrafe, sondern auch mit einer mehrjährigen Freiheitsstrafe (bis fünf Jahre) sanktioniert werden kann.

Das Delikt der fahrlässigen Tötung begegnet Juristen häufig bei Prozessen, die auf Vorfälle aus dem Straßenverkehr zurückgehen. Wer zum Beispiel trotz Verbot überholt und einen Unfall verursacht, bei dem jemand zu Tode kommt, kann wegen fahrlässiger Tötung bestraft werden.