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Helpsen Acht verwahrloste Katzen aus Wohnung in Helpsen befreit
Schaumburg Nienstädt Helpsen Acht verwahrloste Katzen aus Wohnung in Helpsen befreit
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00:20 03.06.2019
Die Katzen werden zunächst in Tierheimen in Bückeburg und Stadthagen untergebracht. Quelle: Symbolfoto, dpa
Helpsen

Ulf Güber ist es gewohnt, grauenvolle Dinge in dürre, verwaltungstaugliche Worte zu fassen. Wenn der Veterinär des Landkreises Schaumburg Tiere aus schlimmen Lagen befreit, formuliert er ein „Fortnahme-Gutachten“. Auch am Dienstag hat er so ein Gutachten geschrieben, nachdem er in Helpsen acht Katzen aus einer Wohnung geholt hatte.

So flog die tierschutzwidrige Katzen-Haltung auf

In dem Gutachten heißt es, dass die Mieterin gegenüber den Katzen weder für „Bedarfsdeckung“ noch für „Schadensvermeidung“ gesorgt hat. Das ist korrekt formuliert, und doch beschreibt es die Wahrheit nicht mal zu einem Bruchteil.

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Die Frau wohnt in einem Haus, in dem die Samtgemeinde Nienstädt Menschen unterbringt, die am Rand dieser Gesellschaft leben. „Sozial Schwache“ heißen sie im Amtsdeutsch, außerdem wohnen dort mitunter Asylbewerber. Nach außen machen das Haus und seine Bewohner keine Probleme.

Als allerdings Mitarbeiter der Samtgemeinde jetzt eine der Mieterinnen besuchten, stockte ihnen der Atem. Sofort alarmierten sie Kreisveterinär Güber, der eine Hausdurchsuchung anordnete, für die er sich einen richterlichen Beschluss besorgt hatte.

"Als wir in die Wohnung kamen, sprangen uns Flöhe entgegen"

Als der Trupp anrückte, erregte er in der Straße erhebliches Aufsehen: Zwei Polizisten, zwei Veterinäre und zwei Mitarbeiter des Ordnungsamtes der Samtgemeinde Nienstädt stiegen aus den Autos, alle in Ganzköper-Overalls, dazu Sicherheitsschuhe, Füßlinge, Gummihandschuhe, Mundschutz, Brillen.

Ein Insektizid vor sich hinsprühend, stieg der Trupp – angeführt von Güber – die Treppe zur Wohnung hoch.

„Wir haben extremst tierschutzwidrig Verhältnisse vorgefunden“, sagt der Veterinäroberrat. Drei Kater und fünf Katzen, flohverseucht, abgemagert, ausgehungert, haarlos. „Als wir in die Wohnung kamen, sprangen uns Flöhe entgegen“, beschreibt Güber. „Keine der Katzen war kastriert, wegen ihres Geschlechtsgeruchs stank es wie in einem Raubtierkäfig.“

Katzen sind abgemagert, haarlos und vielfach verwundet

Einige der Vierbeiner hatten 80 Prozent ihres Fells eingebüßt, die Haut übersät mit zweieurostückgroßen Wunden und nässenden Ekzemen. „Ich konnte problemlos die Nieren der Tiere ertasten“, sagt Güber, „die sind eigentlich eingekapselt.“

Das Bauchfett war komplett aufgezehrt, „die Tiere haben ihre Muskeln aufgebraucht, um sich am Leben zu halten.“ Als Güber ihnen probeweise Essen hinstellte, kämpften sie mit letzter Kraft gegeneinander um den Napf.

Veterinär entdeckt tote Tiere unter dem Bett

Unter einem Bett fand der Veterinär-Trupp schließlich Katzen-Kadaver und bereits mumifizierte Tiere. Wie in der gesamten Wohnung lagen auch hier Kothaufen, Urinpfützen und verschmutzte Essensreste, mittendrin Flöhe und Maden.

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„Das ist nicht nur eine Katastrophe, was die Hygiene betrifft“, sagt Güber, „Flöhe können Menschen mit Krankheiten wie Borreliose und Fleckfieber infizieren.“

Dem Fachmann fiel auf, dass die Gesäuge einiger Katzen gut ausgebildet waren, „wenn auch durch die schrecklichen Umstände völlig degeneriert“, wie Güber sagt. Das bedeutet: Es muss Junge in der Wohnung gegeben haben. Wo sie geblieben sind? Unklar.

So geht es jetzt für die überlebenden Katzen weiter

Kreisveterinär Güber ließ die überlebenden Katzen in die Tierheime Bückeburg und Stadthagen bringen. „Großes Lob für deren Mitarbeiter“, sagt der Experte, „die helfen uns in solchen Fällen immer schnell und unbürokratisch.“

Die Polizisten hatte der Kreisveterinär dabei, weil er sich nicht sicher war, wie die Frau reagieren würde. Er kennt sie von einem ähnlichen Fall, der Jahre zurück liegt. Weil Güber „erhebliches Tierleid“ vorgefunden hat, muss die Frau mit einer Anzeige rechnen.

Gefühle versucht Ulf Güber während einer solchen Aktion zu verdrängen. „Ich bitte Helfer, sich nicht von Gefühlen leiten zu lassen“, sagt er, „alles andere wäre unprofessionell.“ Die Bilder bleiben jedoch in den Köpfen – auch nach Dienstschluss. von Arne Boecker